28.10.2011 — Die Hochschule Luzern bietet seit einigen Jahren einen Nachdiplomkurs «Schweizer Volksmusik» an. Er ist schon mit dem ersten Jahrgang zum Schmelztiegel einer inspirierten, undogmatischen und lustvollen neuen Generation von Musikern geworden, die genau das tun, was authentischen Formen der Volksmusik eigen sein sollte: Sie mischen spontan und eklektisch Einflüsse, Ideen, Anregungen aus allen Ecken und Enden der Welt (oder auch nur der Schweiz) – ohne das historische Wissen und Repertoire zu ignorieren.
Sehr erfolgreich geht die Gruppe Rämschfädra – der Name bezeichnet im Walliser Dialekt den Löwenzahn – diesen Weg. Mit Flöten, Violinen, Klavier, Akkordeon, Kontrabass und Gitarre erarbeitet sie «in langen Proben und Sessions» eigene Arrangements traditioneller und neuer Lieder, Tänze und Charakterstücklein aus allen vier Sprachregionen der Schweiz.
Klanglich bewegt sich das Resultat zwischen hochklassiger Hausmusik und wohldosierten Abstechern in experimentellere Gefilde – mit urchig anmutenden Texturen und Ostinati. Man fühlt sich hineinversetzt in die familiäre Stimmung eines gemütlichen Zusammenseins im Quartier oder Dorf, in eine Welt im Frieden mit sich selbst.
Auf einzigartige historische Dokumente kann die Gruppe D’Sagemattler zurückgreifen. Sie erweckt eine Sammlung von Arrangements von Schottisch, Polkas, Walzer und Mazurkas aus dem Jahr 1887 für Violine, Viola, Klarinette, Cornet und Kontrabass zum Leben. Erstellt hat sie der Klarinettist Anton Iten – zu seiner Zeit ein ungewöhnliches Unterfangen, wurden Volkmusik-Arrangements damals doch nie derart detailliert ausgeschrieben. Der Altdorfer Mülirad-Verlag hat die 63 vollständig notierten Sägemattler-Tänze in modernem Layout neu herausgebracht.
D’Sagemattler (sie entlehnen ihren Namen einer Formation, die bereits zu Zeiten Itens aktiv war) lassen diese in den letzten Jahren wiederentdeckte Epoche des volkstümlichen Musizierens aufleben. Eine «einfache, aber feine Tanzmusik, oft in vorgeschriebenem ‚Piano’, meist mit verdoppelter Melodiestimme, selten mit zweiter Stimme», vermerkt das Booklet. Die Musik führt klanglich genauso ins melancholisch-sinnliche Wien der Johann-Strauss-Dynastie wie in alpenländische Gefilde.
Die neuformierten Sagemattler bestehen aus Mitgliedern des Zürcher Tonhalle-Orchesters. An deren Wirkungsstätte, der Zürcher Tonhalle, findet mittlerweile alle zwei Jahre unter der Leitung von Florian Walser, des Klarinettisten der Gruppe, mit der «Stubete am See» ein Festival für neue Schweizer Volksmusik statt.
siehe auch:
www.muelirad.ch
www.bauernkapelle.ch
Volkstümliche Streichmusik vom Feinsten findet sich auf der CD «Nüdallgraaduus» der Appenzeller Geschwister Küng. Die Formation besteht fast ausschliesslich aus Schwestern und einem Bruder (am Hackbrett), die – von Koryphäen wie Noldi Alder und Josef «Hornsepp» Dobler – unterwiesen, in der authentischen Volksmusik genauso zu Hause sind wie dank professionellen Ausbildungen an verschiedenen Musikhochschulen in der klassischen Musik.
Letzteres zeigt sich in einem sehr gepflegten, teils kühnen Klangempfinden und dem selbstverständlichen Einsatz moderner Spieltechniken und -effekte, mit denen die Geschwister den soliden Boden der Tradition aber nie ganz verlassen. Die mittlerweile zwanzig Jahre aktive Formation hat auch schon in Japan und China konzertiert und Auszeichnungen wie 2003 einen Preis der Schweizerischen Volksmusik abgeholt. (wb)
Rämschfädra: chrüz & queer, Musiques Suisses 2011, MGB-NV 17
D’Sagemattler: Bauernmusik Unterägeri 1887, Musiques Suisses 2011, MGB-NV 19
Geschwister Küng: Nüallgraaduus. Original Appenzeller Streichmusik, Musiques Suisses 2011, MGB-NV 18.
Bezugsquelle: www.musiques-suisses.ch