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Villa-Lobos conducts Villa-Lobos

06.12.2011 — In Brasilien war er verwurzelt, in Paris lernte er den Geist der neuen Zeit kennen. Als Brückenbauer zwischen den Traditionen seiner Heimat und der europäischen Kunstmusik entwickelte Heitor Villa-Lobos (1887–1959) seinen ureigenen Stil, befruchtet durch die Volksmusik aus verschiedenen brasilianischen Provinzen und die Techniken abendländischer Musik vom Barock Bachs bis zur Moderne der Groupe des Six und Strawinskys.

In der Seine-Metropole, wo er 1923 und von 1927 bis 1930 gearbeitet hatte, ins kulturelle Leben eingetaucht und mit seinen folkloristischen Kompositionen auf zunehmende Beachtung gestossen war, bot ihm das Label Pathé Records in den Fünfzigerjahren an, eine Auswahl eigener Kompositionen unter seiner Leitung einzuspielen. Die 1954 begonnenen und 1958, ein Jahr vor Villa-Lobos’ Tod, abgeschlossenen Mono-Aufnahmen hat EMI Classics digital aufbereitet und in einer sechs CDs enthaltenden Box zusammengefasst.

Selbstredend öffnen die knapp zwei Dutzend Werke nur einen Spalt zum Universum – Villa-Lobos hinterliess über 1000 Kompositionen, darunter eine Vielzahl an Bühnen-, Vokal- und Chorwerken, Kammer-, Klavier-, Gitarrenmusik und zwölf Sinfonien –, doch formen sie ein charakteristisches Porträt des Meisters, der sich die Kunst des Komponierens im Wesentlichen autodidaktisch erworben hat. Und wie Hindemith beherrschte er das Spiel auf allen Orchesterinstrumenten (ausgenommen die Oboe), zudem war er ein profilierter Pianist und Gitarrist.

Den Schwerpunkt bildet die Gesamtaufnahme der neun Bachianas Brasileiras (1930–1945), lebensvoll farbenkräftige Musik für verschiedene Besetzungen, in der Villa-Lobos polyphone und improvisatorische Elemente des Bach-Erbes mit brasilianischer Volksmusik zu vitaler Synthese formte.

Seine differenzierte Kunst der Instrumentation, sein ungezwungen anmutender Umgang mit dem kantablen melodischen Material, die rhythmische Energie, die folkloristischen und die impressionistischen Merkmale, die Fülle der Einfälle prägen, um nur diese zu nennen, auch die sechs (von insgesamt 17) Chôros – in einer Aufnahme aus dem Jahr 1958 äussert sich Villa-Lobos zum Thema «Qu’est-ce qu’un Chôros?» –, die vier Suiten von «Descobrimento do Brasil», die 4. Sinfonie und das 5. Klavierkonzert.

Im mageren englischsprachigen Booklet stolpert man über die den Werktiteln beigegebenen Jahreszahlen; sie betreffen jeweils die Erstveröffentlichung auf LP in den Fünfzigerjahren. Logisch und hilfreicher wären an dieser Stelle die Daten der Komposition bzw. Notenpublikation.

Trotz digitaler Überarbeitung eignet den Einspielungen der üppig besetzten und ausladend instrumentierten Werke (andere sind kammermusikalischen Charakters) eine akustische Kompaktheit, die mehr das Summarische als das Differenzierende betont. Nicht hoch genug einzuschätzen indes ist der authentische Charakter der Interpretationen: wertvolle Dokumente eines universellen Geistes, eines der Grossen lateinamerikanischer Musik. (ws)

Villa-Lobos conducts Villa-Lobos. – Bachianas Brasileiras; Chôros; Descobrimento do Brasil; Invocação em defensa da Patria; Momoprecoce; Klavierkonzert Nr. 5; Sinfonie Nr. 4. – Maria Kareska, Victoria de los Angeles (Sopran); Fernand Dufrene (Flöte); Maurice Cliquennois (Klarinette); René Plessier (Fagott); Henri Bronschwak (Violine), Fernan Benedetti, Jacques Neilz (Cello); Aline Van Barentzen, Manoel Braune, Magda Tagliaferro, Felicia Blumental (Klavier); Chorale des Jeunes Musicales de France; Chœurs et Orchestre National de la Radiodiffusion Française. Leitung: Heitor Villa-Lobos. (Mono-Einspielungen aus den Jahren 1954 bis 1958. EMI Classics 28202 2; 6 CDs; 427’)

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