21.08.2012 — Der Schweizer von heute isst Käse und Schokolade, wandert im nahen Berggebiet und hält die Werte der direkten Demokratie hoch. Hört er Musik, dann allerdings lieber Pop aus Übersee als Bodenständiges. Jodeln oder Alphornblasen sind nicht sein Ding.
Oder doch? Tatsache ist, dass es vor allem in der instrumentalen Volksmusik mittlerweile zahlreiche Künstler gibt, die keine Berührungsängste mit Volksmusik mehr zeigen und unbeschwert mit ihr experimentieren. Bereits Anfang der 1990er Jahre haben die ersten Musiker Schritte in die Richtung gemacht; Ins Rollen gebracht wurde der Stein dann durch den Schwyzerörgelispieler Markus Flückiger und den Klarinettisten Daniel Häusler, die hemmungslos traditionelle Klänge mit Rock, Jazz oder Elektro kreuzten und zum Grooven brachten.
Ihr 1998 gegründetes Ensemble Hujässler ist ein Schwergewicht in der Szene, die heute «Neue Volksmusik» als eigenständigen Stil pflegt. Flückiger und Häusler sind ausserdem Dozierende des Studiengangs Volksmusik an der Hochschule Luzern – dem ersten und bisher einzigen in der Schweiz. Die instrumentale Alpenmusik ist in Bewegung, von Stillstand keine Spur.
Und das Jodeln? «Die Geschichte der Struktur der Schweizer Jodlerszene ist völlig anders als die der instrumentalen Volksmusik», so die Jodlerin und Musikpädagogin Nadja Räss. Die instrumentale Volksmusik war von Anfang nicht fest an einen Verband mit klaren Statuten gebunden, ausserdem ist sie – Stichwort: Regionen und Instrumente – natürlicherweise vielfältig.
Anders der Jodel: der Eidgenössische Jodlerverband, die zentrale Instanz der Schweizer Jodlerszene, ist seit seiner Gründung 1910 bestrebt, die Tradition des helvetischen Jodels zu bewahren.
«Dabei ging es ursprünglich darum, den Schweizer Jodel vor den Einflüssen des Tiroler Gegenstücks zu schützen, weshalb im Laufe der Jahre immer mehr Regeln eingeführt und Strukturen geschaffen wurden. Viele waren froh darum, es gab Stabilität und Orientierung. Die Entwicklung hat allerdings zu einer so strengen Reglementierung geführt, dass es heute schwierig ist, innerhalb des Jodlerverbands neue Wege zu gehen».
Das bestätigt auch die Bernerin Christine Lauterburg, die bereits vor 20 Jahren für Aufregung sorgte, weil sie an Jodlerfesten in Tracht und Netzstrümpfen auf die Bühne trat. Lauterburg, die ursprünglich Schauspielerin ist und nicht aus dem traditionellen Volksmusikumfeld stammt, fand mit dem Jodel die Möglichkeit, anderen Leuten mit Musik eine Freude zu machen.
Sie ist fasziniert von der Einfachheit und Unbeschwertheit, die diesen Volksgesang ihrer Meinung nach ausmachen. Sie hatte auch keine Hemmungen, Jodel auf andere Art zu interpretieren: sich selbst singend auf der Geige begleitend, oder von Combos mit Schlagzeug, Bass und Gitarre und auch mal mit elektronischer Musik gemixt. Traditionalisten reagierten ablehnend, der Jodlerverband empört. Lauterburg trat deshalb nach kurzer Mitgliedschaft aus dem Verband wieder aus.
Seitdem geht sie ihren Weg jenseits der traditionellen Jodlerwettbewerbe. Den Jodel verarbeitet sie in diversen Formationen auf facettenreiche Art in neuen Musikkreationen. Damit gelingt es ihr, ein Publikum zu begeistern, das sonst mit Jodel wenig am Hut hat – was sich beispielsweise am durchschlagenden Erfolg ihres 1994 erschienenen Albums «Echo der Zeit», einer Emulsion aus Techno und Jodel, gezeigt hat.
Mehr als 20 Jahre später beschreitet auch Nadja Räss musikalisch ihre eigenen Pfade. So musiziert sie etwa mit der Camerata Schweiz und verbindet dabei Jodel und Klassik, sie kreuzt aber auch Jodel und Pop-Rock-Formationen. Als Mitglied des Eidgenössischen Jodlerverbands ist sie dennoch fester Teil der traditionellen Jodlerlandschaft. «Klar kann ich nicht alles, was ich mache, auch an einem traditionellen Jodlerfest präsentieren, doch der Jodlerverband würde mir auch nicht etwas verbieten, was ich ausserhalb davon mache.»
In ihren Augen hat bereits eine zaghafte Öffnung stattgefunden, die sich in Zukunft verstärken wird: «Es brodelt momentan in der Jodlerszene. Hier passiert gerade, was in der instrumentalen Volksmusik vor 20 Jahren bereits geschehen ist.» Die starren Strukturen, die wie ein eng geschnürtes Korsett die Form vorgegeben haben, werden sich, ist sie überzeugt, in den nächsten Jahren zusehends lockern.
Christine Lauterburg ist dagegen skeptisch: «Eigentlich glaube ich nicht, dass sich diese Strukturen in absehbarer Zeit gross ändern werden», meint sie und ergänzt: «Allerdings würde ich es sehr schön finden, wenn auch der Verband sich Neuem öffnen könnte».
Die aus der Innerschweiz stammende Räss ist mit Volksmusik aufgewachsen, hat schon als 16-jährige bei traditionellen Jodlerfesten mitgemacht. Ihre musikalische Herkunft ist die Volksmusik, und da man Jodel auch heute noch nicht studieren kann (auch im heute existierenden Studiengang der HSLU für Volksmusik ist Jodel bisher kein Ausbildungsbereich), hat sie sich für eine klassische Gesangsausbildung entschieden. Stimmbildung hat einen wichtigen Stellenwert in ihrem musikalischen Schaffen.
Lauterburg, die nicht dem traditionellen Umfeld entstammt, bot als «Exotin» deutlich mehr Reibungsfläche. Sie hat aber die Rolle der Pionierin gespielt und war als erste Jodlerin bereit, etwas Neues zu wagen. Sollte in den nächsten Jahren tatsächlich ein Umschwung in den Strukturen der Schweizer Jodlerszene stattfinden, so hat sie vor 20 Jahren dazu den ersten Impuls gegeben. (mm)
Joolerei – Eine Jodelreise mit Nadja Räss. Mit stimmreise.ch, Alderbuebe, Camerata Schweiz,Schweizer Oktett, Hersche-Chörli, Trio Markus Flückiger und andern. Musiques Suisses Neue Volksmusik CD MGB NV-21.
Wyt Drüberuus. Doppelbock mit Christine Lauterburg und Andi Hug. Narrenschiff Nar 2012080.