05.11.2012 — In Städten und Dörfern Europas wütete im 16. Jahrhundert als Folge der Reformation der Bildersturm: Neben Gemälden, Skulpturen an Fassaden und im Innern, Glasmalerei-Fenstern und Messutensilien in Kathedralen, Kirchen und Klöstern fielen der Zerstörung auch viele Orgeln zum Opfer.
Besondere Verheerungen richteten in einer zweiten Welle neben den Zürcher Zwinglianern die Genfer Calvinisten an, vor allem auch in Frankreich und in den Niederlanden. Zwischen 1550 und 1630 wurden in Frankreich über 20’000 Gotteshäuser geplündert, abgerissen oder in Brand gesetzt. Ein immenser Verlust von Kulturgut.
Die Französische Revolution entfachte in den 90-er Jahren des 18. Jahrhunderts dann Vernichtungsstürme, die sich gegen alle Zeugnisse des Ancien Régime, darunter Schlösser und Landsitze, richtete, aber auch der Religion dienende Bauten nicht verschonten.
Glücklichen Umständen und beherzten Einwohnern (die beispielsweise die Pfeifen abmontierten und in Schobern und auf Dachböden versteckten) ist es zu verdanken, dass manche Orgeln in französischen Landen der Vernichtung entgangen sind. Auch wenn im Lauf der Zeit und des sich ändernden Geschmacks Modernisierungen in ihren Charakter eingegriffen haben, konnten doch etliche dieser grossen Instrumente in jüngeren Jahren durch historisch fundierte, umsichtig vorgenommene Restaurierungen wieder ihrem ursprünglichen Zustand angenähert werden.
Wohl kein Organist ausserhalb Frankreichs kennt die französische Orgellandschaft besser als der Schweizer Albert Bolliger. Davon zeugt seine CD-Serie «Orgues historiques de France», deren elftes Album soeben erschienen ist. Die intensive Auseinandersetzung des Musikers und Publizisten schlägt sich einerseits nieder in inhaltlich ergiebigen, farbig illustrierten Booklets (dt., frz., engl.) mit relevanten Fakten zur Kathedrale bzw. Kirche und zur Geschichte ihrer Orgel, deren Erbauer und Restauratoren sowie zu den eingespielten Werken und ihren Komponisten. Die Aufstellungen der Instrumenten-Disposition samt der detaillierten Registrationen tragen zum genauen Hinhören bei.
Andrerseits: Hand in Hand mit seinen Orgelkentnissen geht Bolligers Vertrautheit mit der stilistisch adäquaten Literatur von Komponisten des 16. bis 18. Jahrhunderts mit dem Zentrum im «Grand Siècle», der Herrschaftszeit des Sonnenkönigs Louis XIV (1643–1715). Als Interpret beweist Bolliger subtiles Empfinden für die Leuchtkraft der Klangfarben, für die Transparenz des Satzes, die aparte Kombination der Register und die expressive Artikulation. Dabei bewältigt er auch von Instrument zu Instrument wechselnde handwerkliche Anforderungen mit Bravour (Trakturen, Tasten, Pedal, Wind, Akustik…).
Die Qualitäten der historischen Orgeln mit ihren prunkvollen Prospekten – Caudebec-en-Caux 1542/1739 (Vol. 9), Saint-Pons de Thomières 1771 (Vol. 10), Saint-Guilhem-le-Désert 1782 (Vol. 11) – entfaltet Albert Bolliger Werk für Werk mit Sensibilität, Kraft und Goût und macht den Hörer vertraut mit vielen im deutschsprachigen Raum nur Spezialisten bekannten Meistern, sakralen und profanen Kompositionen. (ws)
Orgues historiques de France. Vol. 9. Albert Bolliger an der Orgel der Kirche Notre-Dame von Caudebec-en-Caux. (Sinus SACD 3009; 58’)
Orgues historiques de France. Vol. 10. Albert Bolliger an der Orgel der Kathedrale von Saint-Pons de Thomières. (Sinus SACD 3010; 61’)
Orgues historiques de France. Vol. 11. Albert Bolliger an der Orgel der Abteikirche von Saint-Guilhem-le-Désert. (Sinus SACD 3010; 61’)