07.05.2013 — Als Komponist, Dirigent, Klarinettist, Organisator hat sich der Schweizer Jean-Luc Darbellay den Rang als markanter Musiker und vielseitiger Anreger, als Gründer von Ensembles, Festivals und Musikinstitutionen gesichert.
Aussergewöhnlich, dass er nicht nur ein Œuvre von rund 250 Werken aller Gattungen vom Solostück bis zur Chorsinfonik und Kammeroper schuf, sondern während über drei Jahrzehnten in zwei anspruchsvollen Bereichen wirkte: der Tonkunst und der Heilkunst. In der ars musica wie in der ars medicina sei Intuition wichtig, sagt Darbellay.
1946 als Sohn eines musikliebenden Arztes aus dem Kanton Wallis in Bern geboren, wuchs er durch zwei Ausbildungsgänge einerseits in den Beruf seines Vaters, dessen Berner Praxis er 1980 übernahm, andrerseits in das Feld der Musik: Jean-Luc Darbellay studierte Klarinette, Dirigieren, Komposition (bei Edison Denissow, Cristóbal Halffter und Dimitri Terzakis), arbeitete mit Heinz Holliger und Klaus Huber zusammen und besuchte Seminare von Pierre Boulez.
Er, Darbellay, habe beim Komponieren immer zuerst Bilder im Kopf, danach erst Töne und Klänge. Die französische Malerei ist ihm ebenso vertraut wie die französische Musik, mit Paul Klee fühlt er sich eng verbunden, und als Fotograf hält Darbellay seine eigene Interpretation der Umwelt fest.
Augensinn und Klangsinn: Anschauliche Farben, bildliche Elemente und Strukturen fügt Darbellay, der seine erste gültige Komposition als 35-Jähriger verfasste, in seinen Werken zu organisch wachsenden und sich zwanglos entwickelnden Formen, erfüllt sie mit Leben, Emotion, Tiefenwirkung. Kein Zufall, dass manches anklingt an Visuelles, an Aquarell, Federzeichnung, Gouache, Ölgemälde, Radierung, Holzschnitt.
Intuition und Inspiration, sollen sie denn in künstlerische Bahnen gelenkt werden, bedürfen der Disziplin und der Ordnung; Darbellays Kunst beruht nicht zuletzt darin, dass die intellektuelle Kontrolle der Natürlichkeit seiner Musik nicht abträglich ist.
Das Doppel-CD-Album «Jean-Luc Darbellay: a portrait» (eine Koproduktion mit dem MDR) vermittelt in Texten, Fotos und Einspielungen von sechs Instrumentalwerken und dem gross angelegten und reich besetzten lateinischen Requiem für vier Vokalsolisten, acht- bis zwölfstimmigen Chor und Orchester (2005) einen exemplarischen Einblick in verschiedene Aspekte von Darbellays Schaffen.
Sein Interesse an ungewöhnlichen Instrumenten, an originellen Kombinationen der Klangkörper ausserhalb der engen Gattungsgrenzen, am Ausforschen von Klängen, Klangfarben, Klangräumen und rhythmischen Modellen erweist sich in den 1999 bis 2001 entstandenen Kompositionen: vom Duo («Chant d’adieux» für Violine und Viola) über Quartett («Azur» für vier Hörner; «Sozusagen» für Oboe, Viola, Fagott und Gitarre) und Quintett («Shadows» für 5 Perkussionisten) bis zu Orchesterwerken («Oyama» für grosses Orchester und «a quattro» für Hornquartett und Orchester).
Kennzeichnend für Darbellay ist – wie für viele seiner Komponistenkollegen – die enge Zusammenarbeit und der Erfahrungsaustausch mit Interpreten, denen er instrumentengerechte Partituren von technisch hohem Anspruch anvertraut, so seinem Sohn, dem Hornisten Olivier Darbellay, und seiner Tochter, der Sängerin und Violinistin Noëlle-Anne Darbellay.
Grammont Portrait
In einer weiteren CD, einer Koproduktion von Musiques Suisses / Grammont Portrait mit Schweizer Radio und Fernsehen, sind Tochter und Sohn Darbellay in sieben solistischen Aufführungen zu hören, Noëlle-Anne Darbellay in «B-a-c-h» für Solovioline, in «Sadia» und in «Incident Room» für rezitierende und singende Geigerin, Olivier Darbellay in «Mana» für Horn und Orchester (mit dem Sinfonie Orchester Biel unter Thomas Rösner) und «Ein Garten für Orpheus» für Bassetthorn (Markus Niederhauser), Horn und Streichquartett, beide gemeinsam in «Alani» für Violine, Horn und Klavier (Stefan Wirth).
Unter des Komponisten Leitung eingespielt wurden neben dem von der gleichnamigen Federzeichnung Klees angeregten «Ein Garten für Orpheus» das Ensemblewerk «à la recherche» für je zwei Blas- und Streichinstrumente, Klavier und Schlagzeug. Entstanden sind die acht Kompositionen dieser CD, die wie das Doppelalbum von einem aufschlussreichen illustrierten Booklet begleitet ist, zwischen 1994 und 2009.
So innovativ und durchdacht Darbellays Œuvre ist, so offen bleibt es für mannigfaltige Eindrücke aus Natur und bildender Kunst. Unaufdringlich manifestiert sich dessen Bindung an die Tradition mit Anklängen an die Geschichte der Musik; dies nicht im Sinn einengender Zitate, vielmehr reflektiert als sanft fliessender unterschwelliger Strom. Was aus Kernzellen wächst, sich filigran entfaltet, durch Liegetöne gestützt sich verdichtet, mit grossem Atem aufgebaut ist, in der Stille verhallt, in flirrenden Klängen und Konflikten sich eruptiv entlädt: es vereint Gegenwärtiges mit Vergangenem.
Die Anerkennung, die Jean-Luc Darbellays Schaffen zuteil wird, erweist sich in regelmässigen internationalen Aufführungen durch renommierte Orchester, Dirigenten, Solisten und Ensembles sowie in Werkpreisen und Auszeichnungen; 2005 wurde Darbellay zum «Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres» des französischen Staates ernannt.
2011 übergab Darbellay sein persönliches Archiv, darunter ein Teil der Originalmanuskripte seiner Werke, der Mediathek Wallis in Sion. Aus diesem Anlass wurde die Publikation «Notes biographiques et Liste des œuvres conservées à la Médiathèque Valais» geschaffen, die ein Inventar des Fonds vorlegt und eine Reihe von Porträts des Komponisten sowie rund 40 Illustrationen (Plakate, Konzertprogramme, Partiturbeispiele) enthält. (ws)
Jean-Luc Darbellay: a portrait. Oyama; Azur; Shadows; Sozusagen; Chant d’adieux; a quattro. Requiem. – MDR Sinfonieorchester; Leitung: Fabio Luisi. MDR Rundfunkchor. Julie Kaufmann, Sopran; Iris Vermillon, Alt; Christoph Genz, Tenor; Markus Marquardt, Bariton. Leipziger Hornquartett. Leipziger Schlagzeugensemble. Ensemble Sortisatio. Andreas Hartmann, Violine; Matthias Sannemüller, Viola. (Claves Records 50-2702/03; 2 CDs; 136’. Koproduktion mit dem MDR. Booklet dt./frz./engl.)
Jean-Luc Darbellay. Ein Garten für Orpheus; B-a-c-h für Violine solo; à la recherche; Sadia; Alani; Incident Room; Gestes – Effleurements; Mana. – Markus Niederhauser, Bassetthorn, Klarinette und Bassklarinette, Olivier Darbellay, Horn; Quartett der Camerata Bern; Jean-Luc Darbellay, Leitung; Noëlle-Anne Darbellay, Violine; Polina Peskina, Flöte; Moritz Müllenbach, Violoncello; Nicolas Farine, Klavier; Julien Annoni, Schlagzeug; Stefan Wirth, Klavier; Egidius Streiff, Violine; Mariana Doughty, Viola; Alfredo Persichilli, Violoncello. Sinfonie Orchester Biel; Thomas Rösner, Leitung. (Grammont Portrait MGB CTS-M 132; 79’. Koproduktion mit Schweizer Radio und Fernsehen. Booklet dt./frz./engl.)