08.08.2008 — Albrecht Mayer ist einer der beiden Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker (der andere ist Jonathan Kelly, der mit ihm übrigens auch die Leidenschaft für den Gesang teilt). Mayer ist nicht nur ein exzellenter Instrumentalist, er lässt sich auch einiges einfallen, um den Tonträgermarkt in Sachen Barockmusik etwas zu beleben: Mit Nigel Kennedy und den Berliner Philharmonikern hat er Bachs Doppelkonzert in d-Moll eingespielt, mit der Sinfonia Varsovia Bearbeitungen von Kantaten des Thomaskantors (ebenfalls unter Beteiligung des exzentrischen britischen Geigers), und mit Transkriptionen von Händel-Werken hat er es gar in die Pop-Charts geschafft.
Mit der jüngsten Produktion «In Venice» wendet er sich nun hauptsächlich Originalliteratur für sein Instrument aus der Barock-Hochburg Venedig zu − allerdings nicht, ohne auch in diesem Fall einen interessanten Umweg über die Kunst der Bearbeitung zu gehen. Und auch hier hat Bach seine Feder im Spiel, allerdings nicht als Lieferant der Originalmusik, sondern als Bearbeiter.
Von Bach stammt die Ausarbeitung einer Cembalo-Transkription eines Oboenkonzertes von Alessandro Marcello, von dem im Original der Praxis der Zeit entsprechend bloss ein harmonisch-melodisches Grundgerüst vorliegt (im langsamen Satz eine getragene Kantilene in langen einfachen Noten, die dem Solisten Freiraum zur Invention gibt, wie Mayer erläutert). Daneben gibt’s zum Auftakt eine eher harmlose und vermutlich als Lockvogel dienende Oboenversion des Largos aus dem «Winter» von Vivaldis «Vier Jahreszeiten».
Wie die Cellistin Sol Gabetta, die sich für ihr Vivaldi-Projekt (siehe Rezension) mit einem Kammermusikensemble zusammengetan hat, spielt Mayer die barocken Konzerte mit solistisch besetzten Orchesterstimmen ein. Das Klangbild wirkt deshalb durchsichtig und lässt dem solistischen Blasinstrument viel Raum zu klanglicher Entfaltung und differenzierter musikalischer Gestaltung.
Mit «In Venice» bricht Mayer aber auch eine Lanze für eher unbekannte Komponisten wie den Venezianer Giovanni Platti, mit dem er die Verbundenheit mit Bamberg teilt: War der Oboist zu Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts Solist der Bamberger Symphoniker, trat der Komponist 1722 in den Dienst der Fürstbischöfe von Bamberg und Würzburg, denen er bis zu seinem Tod 1763 treu blieb. Von seinem Schüler Benedetto Marcello (dem durchaus gekonnt dilettierenden Bruder Alessandros) findet sich auf der CD eine Canzona mit dem Titel «Se morto mi brami perché non m’uccidi». Und auch die Oboe d’amore, die Alt-Variante der Instrumentenfamilie, kommt zum Zuge − in einem Konzert von Antonio Lotti, einem Lehrer Benedetto Marcellos, der gegen sein Lebensende zum Kapellmeister der venezianischen Markuskirche berufen worden ist.
Am Lucerne Festival Sommer ist Albrecht Mayer heuer Artiste étoile. Dabei ergibt sich die Gelegenheit, seine Fassungen der Konzerte von Lotti und Alessandro Marcello vor Ort zu geniessen. Zur Seite stehen ihm dabei die Berliner Barock Solisten unter der Leitung des Geigers Rainer Kussmaul (14. August 2008, KKL Luzern).
Dass auch in der Romantik herausragende Literatur für die Oboe verfasst wurde, beweist Mayer in Luzern überdies mit dem späten Oboenkonzert von Richard Strauss (in einem selbstverständlich bereits ausverkauften Konzert mit der Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar unter Gustavo Dudamels Leitung), und als Kammermusiker in einer Soirée, die französische Oboensonaten mit poetischen Romanzen und Fantasiestücken von Robert Schumann und Carl Nielsen koppelt (24. August 2008, Lukaskirche). Am Samstag, 13. September, 17 Uhr, stellt sich Mayer am Lucerne Festival in einem Künstlergespräch zudem den Fragen der Journalistin Annelis Berger. (wb)
Albrecht Mayer: In Venice. Werke von Vivaldi, Platti, Alessandro und Benedetto Marcello, Lotti und Albinoni, Decca 2008, CD 4780313.