09.12.2004 — In Halberstadt, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, zwischen Göttingen und Magdeburg, ist ein ungewöhnliches Projekt in Angriff genommen worden: In einer nicht mehr als Sakralraum genutzten, geschichtsträchtigen Kirche wird John Cages Orgelstück «Organ 2/ASLSP» so langsam gespielt, dass bis zum Verklingen des letzten Tones 639 Jahre vergehen werden.
09.12.2004 — In Halberstadt, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, zwischen Göttingen und Magdeburg, ist ein ungewöhnliches Projekt in Angriff genommen worden: In einer nicht mehr als Sakralraum genutzten, geschichtsträchtigen Kirche wird John Cages Orgelstück «Organ 2/ASLSP» so langsam gespielt, dass bis zum Verklingen des letzten Tones 639 Jahre vergehen werden.
Wohl kaum ein Komponist hat die Frage nach den Grenzen dessen, was (noch) als Musik bezeichnet werden kann, so radikal gestellt wie der amerikanische Schönberg-Schüler John Cage. Bis zum Extrem vorgedrungen ist er etwa mit seinem Klavierstück «4’33’’», das bloss noch die Umgebungsgeräusche in einem Konzertsetting als akustische Ereignisse kennt oder mit zahlreichen Experimenten zu Zufallskonstruktionen. Auch mit dem Orgelstück «Organ 2/ASLSP» (ASLSP steht für «As Slow As Possible») aus dem Jahr 1985 zieht er die Trennlinie in extremer Region: Nimmt man die Tempoanweisung ernst, dann wird das Stück so zerdehnt gespielt, dass ein Zuhörer mit den kognitiven Mitteln des Gestalthörens bloss noch aneinander gereihte Einzelereignisse und keine Sinnganzheiten mehr erfassen kann.
Die Weblinks
John-Cage-Project: www.john-cage.halberstadt.de
Orgelbau Seifert: www.orgelbau-seifert.de
Halberstadt: www.halberstadt.de
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1987 bearbeitete Cage das Stück für Orgel. 1997, zehn Jahre danach, haben sich Organisten und Musiktheoretiker an einem Symposium in Trossingen die Köpfe darüber zerbrochen, wie das Stück denn nun korrekt aufzuführen wäre. Schliesslich hat man sich dafür entschieden, die in der Idee angelegte Radikalität konsequent nachzuvollziehen und eine Wiedergabe ins Auge (oder ins Ohr) zu fassen, die ganze 639 Jahre in Anspruch nehmen soll.
Auf ausgerechnet diese Zeitspanne ist man aufgrund des Aufführungortes, der Burchardi-Kirche in Halberstadt, gekommen. In dem Städtchen wurde 1361 mit dem Bau der ersten Grossorgel der Welt Musikgeschichte geschrieben. Die Blockwerksorgel verfügte erstmals über eine 12-tönige Klaviatur und wies damit der abendländischen Musik den Weg. Von 1361 bis ins Jahr 2000 sind 639 Jahre vergangen. An der Millenniums-Achse sollten die Ereignisse gewissermassen gespiegelt werden, um nach weiteren 639 Jahren einen weiteren musikgeschichtlichen Markstein setzen zu können.
Experiment im ehemaligen Schweinestall
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Die letzten 190 Jahre ist die Kirche als Scheune, Schuppen, Schnapsbrennerei und Stall für Schweine genutzt worden. Mit Unterstützung der Stadt Halberstadt und der Hilfe privater Hände ist der Raum deshalb zunächst gereinigt und durch ein neues Dach vor Regen geschützt worden. Nachdem auch neue Fenster eingesetzt worden sind, hat man nach dem Vorbild der ersten Faber-Orgel einen Blasebalg errichtet. Die Idee: Die Orgel, auf welcher «Organ 2/ASLSP» während der 639 Jahre wiedergegeben werden soll, wird sozusagen fliegend erbaut. Erst wenn die Partitur einen neuen Ton erfordert, wird dieser dem Instrument hinzugefügt. So findet sich in dem Raum zur Zeit ein kleines Rumpfinstrument aus ein paar wenigen Orgelpfeifen – inklusive Manual. Und da kein Organist bereit ist, da jahrelang seinen Finger draufzudrücken, sind die Tasten der klingenden Töne mit kleinen Sandsäcklein beschwert.
Die Wiedergabe des Stückes ist 2001, etwas später als geplant, anlässlich des Geburtstages von John Cage, mit einer Generalpause aufgenommen worden, während der bloss der Blasebalg seinen noch nicht effektiven Dienst verrichtet hat. Seit 5. Februar 2003 erklingen g’’-h’’-gis’’’, am 5. Juli 2004 sind e und e’ hinzugekommen.
Zunächst einmal scheint es, als ob damit alles gesagt wäre und das ganze Projekt vor allem als cleveres Stadtmarketing in die Geschichte eingehen könnte, das es ja unbestrittenermassen auch ist. Hören kann man von dem Stück im Grunde gnommen nämlich nichts als bloss mikroskopische Auschnitte in Form liegender Töne, die einem Normalsterblichen keinerlei Eindruck vom Ganzen zu geben vermögen. Trotzdem kann man ob der radikalen Interpretation ins Grübeln kommen. Was an der Halberstädter Aufführung, kann man sich etwa fragen, ist denn nun wirklich verlangsamt?
Aufgebläht oder verlängert?
Es besteht zum Beispiel ein hochinteressantes Missverhältnis zwischen Artikulation und Tempo, wenn die massiv zerdehnten Töne in «Normalgeschwindigkeit» ein- und ausgeschaltet werden. Kompositionen von immer längerer Zeitdauer sind in der Musikgeschichte ja auch nie dadurch geschaffen worden, dass die Melodien länger gemacht wurden (ausser vielleicht bei Wagner, aber wir wollen jetzt nicht Thema wechseln), sondern dadurch, dass mehr Themen ins Spiel gebracht wurden. Die Achttaktperiode im Standardzeitmass von sechzig Schlägen pro Minute gibt das menschliche Mass vor, was darüber hinausgreift wird als opulent empfunden, was darunter bleibt als fragmentarisch.
Ein Interpret, der ein Stück sehr langsam spielt, würde – auf einem flexibleren Instrument als der Orgel – Tonwechsel gewichtiger werden lassen, etwa mit ausziselierten Portamenti oder gemächlichem Aufblühen eins Tones. Aber auch auf der Orgel müsste der Tonwechsel, zum Beispiel mit mikroskopischen Überlappungen für den Legato-Effekt oder einer kurzen Pause für ein Portamento, ein Ereignis für sich darstellen.
| Die Orgel besitzt vorläufig genau so viele Töne, wie benötigt werden, um die ersten Jahre des Stückes zu realisieren. | ![]() |
Wäre dies in Halberstadt der Fall ist, dann wäre die Ausdehnung von «Organ 2/ASLSP» auf 639 Jahre nicht als eine Erweiterung der Form im üblichen Sinn anzusehen, sondern sozusagen als Hochzoomen zu einer Art Gulliver-Musik im Zwergenland der Menschen. Übergänge von einem Ton zum andern müssten dann im zerdehnten Zustand ebenso vergrössert werden – quasi unter der Lupe betrachtet – und von einer gewaltigen, sich bereits Monate vor dem eigentlichen Kipp-Punkt ankündigenden Dramatik sein. Und auch die Innenstrukturen der Töne müssten aufgebläht werden: Kleine Schwankungen in der Luftzufuhr würden zu gigantischen Toninstabilitäten führen. Auch im Falle des Orgel hätte man da in Mikrostrukturen hineinzuhören, die etwa mit natürlichen Schwankungen der Luftzufuhr zusammenhängten.
Dem ist in Halberstadt aber nicht so. Das Stück gleicht weniger einer solchen Titanenmusik, als einem über alle Massen ausgedehnten Gummibändchen, das in der Zeitdimension astronomische Ausmasse angenommen hat, in der an normalem Mass orientierten Körperlichkeit sich aber irritierend dürr und masselos präsentiert.
Musik entsteht im Kopf
Ein weiteres Rätsel bietet der musikalische Sinn: Musik, die nicht gehört wird, ist per se Nonsense. Denn musikalische Ganzheit – stets mehr als die Summe von Einzelereignissen – entsteht immer im Kopf des Hörers. So gesehen ist die Halberstädter Version von «Organ 2/ASLSP» kein Musikstück, sondern ein Folge von aneinandergereihten und simultan erklingender Orgeltöne.
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Musikalisch ergiebig gemacht werden könnte das Projekt demnach bloss, wenn das ganze Stück aufgenommen würde. Technisch wäre das durchaus machbar: 639 Jahre Musik am Stück würden nach dem heutigen Stand der Technik etwa 350 Terabyte Speicherplatz erfordern, wenn man nach den gängigen Kompressionsmethoden rund ein MByte Speicher für eine Minute Musik rechnet. Man könnte auch Surroundaufnahmen machen, der Speicherplatz würde sich entsprechend vervielfältigen. Platz fände sich für diese Daten vermutlich problemlos: Eine DVD mit einem Speichervermögen von einem Terabyte ist bereits in Sicht. Zur Speicherung der Datenmengen wäre also bloss ein kleiner Schrank vonnöten. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass in 639 Jahren die Speicherminiaturisierung derartige Fortschritte gemacht haben wird, dass die Aufnahme auf der Grösse einer heutigen DVD locker Platz finden dürfte (vermutlich in einem Multilayerverfahren, vielleicht gibts dann aber auch ausgeklügelte Quantenspeicher, die das gesamte «Organ 2/ASLSP» in der Halberstädter Version in einem 100-Kanal-Surround-Format auf Stecknadelgrösse unterzubringen vermögen).
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Blick von aussen auf die Burchardi-Kirche. |
Nachdem der letzte Ton des Stückes endgültig verklungen wäre, begänne dann der eigentlich spannende Teil des Unternehmens, nämlich die Raffung der Zeit, die Wiedergabe der Aufnahme im extremen Schnelldurchlauf, die mit den künftig zur Verfügung stehenden Verarbeitungsmöglichkeiten vermutlich auch locker von jedem Heimcoputer erledigt wird: Würde man die Aufnahme im Jahr 2639 etwa 67-millionenfach beschleunigt abspielen, hörte man in fünf Minuten die Schnellfassung von 639 Jahren auditiver Ereignisgeschichte und die Hörbarmachung einer Struktur. Es wäre eine Sinnstiftung ähnlich der Rätsel der farbigen Chaosbilder, aus denen sich Objekte schälen, wenn man mit zugekniffenen Augen nur lange genug durch sie hindurch starrt. Beliebiges akustisches Reinzoomen in die Aufnahme würde es erlauben, sich mit den Ohren nach freier Wahl in die verflossenen Tage und Jahre reinzuhängen.
Damit wäre ein einzigartiges akustisches Dokument zur Versinnlichung einer sehr grossen Zeitspanne geschaffen. (wb)



