28.11.2005 — Das Publikum von Opern- und Konzerthäusern wird immer älter. Mit gezielten pädagogischen Programmen wird deshalb versucht, eine Verjüngung der Stammkundschaft zu erreichen. Auch das Opernhaus Zürich hat mehrere Förderprogramme für den Nachwuchs aufgegleist. Im Vordergrund stehen dabei aber nicht Bemühungen um die Verjüngung der Zuschauer.
28.11.2005 — Das Publikum von Opern- und Konzerthäusern wird immer älter. Mit gezielten pädagogischen Programmen wird deshalb versucht, eine Verjüngung der Stammkundschaft zu erreichen. Auch das Opernhaus Zürich hat mehrere Förderprogramme für den Nachwuchs aufgegleist. Im Vordergrund stehen dabei aber nicht Bemühungen um die Verjüngung der Zuschauer.
Mit «Opera viva» hat das Opernhaus Zürich letztes Jahr ein Programm für Kinder ins Leben gerufen. Die Kleinen können dabei unter Anleitung erfahrener Opernpädagogen die Werke auf einer Studiobühne selber nachspielen, die im grossen Haus auf dem Spielplan stehen. Ein Schulprojekt wiederum macht Gymnasiasten und Berufsschüler von Stadt und Kanton mit dem Alltag im Haus und seinen vielfältigen Facetten vertraut und lässt sie das Entstehen von Produktionen hautnah miterleben. Last but not least unterhält das Opernhaus seit 1997 eine Orchester-Akademie, die jungen Musikerinnen und Musikern aus der Schweiz und dem Ausland die Möglichkeit gibt, erste Erfahrungen in einem professionellen Opernorchester zu sammeln. Zu diesen Aktivitäten hat sich Codex flores mit dem Dramaturgen Stefan Rissi unterhalten.
Codex flores: Wie findet der durchschnittliche Besucher eines Opernhauses seinen Weg in eine Vorstellung?
Stefan Rissi: Dies kann auf ganz unterschiedliche Art geschehen. Wer nicht in einer Familie aufwächst, in der die Oper bereits eine Rolle spielt, findet in der Regel dank der Schule zu Kontaktmöglichkeiten, möglicherweise zunächst nicht einmal freiwillig. Beim einen oder andern springt da der Funke sofort, bei andern ist damit zu rechnen, dass sie nach Besuchen mit einer Schulklasse nicht mehr kommen.
Die Weblinks
Opernhaus Zürich:
www.opernhaus.ch
Opera Viva:
www.opernhaus.ch/d/spielplan/operfuerkinder.php
Orchester-Akademie des Opernhauses Zürich:
www.opernhaus.ch/d/akademie/orchesterakademie.php
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Es kann auch sein, dass die Erfahrung lange Zeit im Unterbewussten schwelt und ein Interesse plötzlich wieder ausbricht. Um einen ersten Kontakt zu schaffen, aus dem die Schüler dann selber machen können, was sie wollen, nehmen wir gerne einiges auf uns. In die Schulprojekte sind deshalb auch viele Mitarbeitende aus allen Abteilungen einbezogen.
Werden die Schüler auch animiert, Vorstellungen von sich aus zu besuchen?
Wir haben Schüler- und Studententarife und stehen damit im internationalen Vergleich recht gut da. Ein Student kann sich teils schon im Vorverkauf eindecken oder eineinhalb Stunden vor Vorstellungsbeginn mit dem Studentenausweis an die Abendkasse kommen und findet fast immer Einlass – ausser natürlich an Sonderveranstaltungen oder Auftritten wie demjenigen von Superstars wie Placido Domingo.
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Das heisst, man kommt als Student oder Schüler mit wenig Geld mit grosser Sicherheit in die Vorstellungen. Man kann sich dazu im Internet informieren. Das Haus ist relativ klein, und man hat auch mit normalen Preisen auf den hinteren Rängen eine hervorragende Akustik und eine sehr gute Sicht auf die Bühne.
Dennoch verlässt man sich nicht darauf, dass die Jungen die Oper von selber entdecken.
Man muss da schon etwas mehr tun, das ist richtig. Unser Intendant Alexander Pereira war der Meinung, dass es nicht genügt, wenn man Gymnasiasten einfach einmal zum Besuch einer Vorstellung einlädt. Als öffentliche Institution hat das Haus nach der Überzeugung Pereiras weitergehende Verpflichtungen.
Welche denn?
Als Institution, die weitgehend von der öffentlichen Hand getragen wird, müssen wir auch Bildungs- und Erziehungsaufgaben übernehmen, die in Schule und Familie leider immer weniger Raum erhalten. Es geht da in erster Linie darum, überhaupt einmal zu zeigen, was Oper ist und was es braucht, um eine solche zu realisieren. Natürlich hoffen wir auch, dass der eine oder die andere zum Schluss kommt, dass da etwas ist, was ihnen etwas zu sagen hat und nicht einfach abgehoben vom Leben ist.
Was bedeutet das konkret?
Wir wollen den Jugendlichen zeigen, wie der Alltag einer Opernproduktion aussieht. Wir öffnen die Werkstätten um zu zeigen, welche Vielfalt an Aufgaben diese erfüllen. Berufsschüler erfahren so etwas über Berufe, die nur noch in einem Haus wie dem unsrigen gepflegt werden. Für die Schüler, die zunehmend unter Druck sind, um Lehrstellen zu finden, können sich da Optionen ergeben; überdies sind wir uns bewusst, dass wir in ein, zwei Jahren da und dort Leute für Spezialberufe suchen werden, die nicht einfach zu finden sind. Für die Oper ein neues Publikum zu gewinnen, ist eigentlich ein Nebenaspekt, zumindest in diesen Schulprojekten.
Spontan würde man die Berufsschüler eher im Hallenstadion vermuten.
Das ist ein Vorurteil. Wir wollten die Berufsschüler einbeziehen ohne eine klare Trennung im Angebot zu machen, obwohl wir den Lehrgang auf die Bedürfnisse der einzelnen Schulen abstimmen. Die Schüler, gleich welcher Herkunft, erhalten Einführungen ins Werk und besuchen Proben und Vorstellungen.
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Die Schüler, die den Alltag mit Jazz, Rock und Techno verbringen, verstehen Zusammenhänge zwischen Text und Musik in der modernen Oper schnell und intuitiv. |
Wie sind die praktischen Erfahrungen mit dieser Arbeit? Generell gilt ja die Meinung, dass die Jungen heute kaum mehr über genug Ausdauer verfügen, um so etwas Komplexes wie eine Oper auszusitzen.
Auch das ist ein Vorurteil. Unsere Erfahrungen sind im Gegenteil ausgesprochen erfreulich. Die Schüler sind offener als viele aus dem älteren Stammpublikum. Mit diesem diskutierten wir vor kurzem, was es im Opernhaus sehen und hören möchte.
Und welche Wünsche hat dieses?
Es verweigert sich teilweise modernen Stücken wie «Der Herr Nordwind» des österreichischen Komponisten HK Gruber, das bei uns in der letzten Saison zur Uraufführung gekommen ist. Es verlangt nach der melodiösen Musik, die es gewohnt ist.
Der Nachwuchs ist da offener?
Die Schüler, die den Alltag in andern Klangwelten verbringen, im Jazz, Rock, Techno und so weiter, verstehen gewisse Zusammenhänge zwischen Text und Musik schneller und intuitiver. Wenn etwa jemand in einer zeitgenössischen Oper am Handy spricht und dazu ganz hohe und schrille Töne erklingen, dann verstehen die sofort, was da abläuft. Die Musik dient ja dazu, zusätzliche Informationen zu transportieren; die Schüler sind da sehr wach und vorurteilsfrei.
Sie konfrontieren diese bewusst mit neuen Klangwelten?
Aber sicher. Grischa Asagaroff, unser künstlerischer Betriebsdirektor, der auch als Regisseur tätig ist, hat dieses Jahr die Oper «Harley» des britischen Komponisten Edward Rushton zur Uraufführung gebracht. Die Arbeiten dazu hat er für die pädagogischen Projekte mit den Schülern spontan geöffnet. Das macht nicht jeder Regisseur gerne, aber Asagaroff hat sich da sofort reingekniet. Dass das sehr gut ging, war für uns eine freudige Überraschung.
Was könnten die Gründe dafür sein?
Zum einen sind die Klassen, die zu uns kommen, von den Lehrern bereits ausgewählt worden. Sie kommen aber immer vollständig. Es hat sicher in jeder Klasse ein paar Schüler, die lieber nicht mitgekommen wären. Sie stören den Betrieb aber nicht. Zum andern bereiten wird die Schüler seriös vor.
Wie sieht eine solche Vorbereitung konkret aus?
Mit «Harley» haben wir bewusst ein Stück gewählt, das die Schüler unserer Überzeugung nach ansprechen dürfte. Auch oder gerade weil es kein Schulstück und auch keine Kinderoper, ja nicht einmal eine Oper für Jugendliche ist. Vor dem ersten Probenbesuch haben wir den Schülern eine Einführung gegeben. Da kamen sie in drei Gruppen von vierzig bis neunzig Nasen. Wir haben ihnen erklärt, was Oper ist und ihnen unser Haus vorgestellt.
Obwohl die Arbeit parallel zur «Harley»-Uraufführung sehr kurzfristig angesetzt worden war, haben einige Lehrer mit den Schülern ebenfalls gearbeitet; sie haben mit ihnen zum Beispiel das Libretto durchgearbeitet. So hatten wir Klassen, die sehr gut vorbereitet waren.
Gerade für die Vor- und Nachbearbeitung sind wir natürlich auf die Hilfe der Lehrpersonen angewiesen. Und die sind, nach anfänglicher Skepsis, begeistert vom Projekt.
| Man kann generell feststellen, dass die jungen Studierenden heute viel weniger ideologisch ausgerichtet sind. |
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Arbeiten andere Vertreter des Hauses da aktiv mit?
Wir sorgten dafür, dass neben dem Regisseur auch die Librettistin und der Komponist da waren, um Auskunft zu geben. Da kamen Fragen wie, ob es Vorgaben gebe oder gar eine Zensur oder ob man völlig frei sei, wenn man ein Auftragswerk komponiere. Daran hat man gemerkt, dass die Jungendlichen recht gut vorbereitet waren. Auch nach den Proben kamen kritische Bemerkungen, die teils sogar in der Regie berücksichtigt wurden. Das war für mich eigentlich das Schönste: die Leute beginnen selbständig zu denken. Das verstehe ich unter Pädagogik.
Das ganze Drum und Dran in einem Opernhaus ist für Junge zweifelsohne sehr attraktiv – solange niemand zu singen beginnt. Wie schafft man es, auch die vielleicht etwas ungewohnte Art mit der Stimme umzugehen, den Schülern näherzubringen?
Wir hatten da auch unsere Befürchtungen. In der Einführung zu «Harley» haben wir das bewusst thematisiert und mit ablehnenden Reaktionen gerechnet – mit Befremden und Lachen und so. Es war dann aber sehr erfreulich zu sehen, wie gebannt und neugierig die Schüler zuhörten, als wir Ihnen zunächst einmal Ausschnitte aus einem früheren Werk von Edward Rushton vorspielten.
Die ideologische Entkrampfung, die in den letzten Jahren zu beobachten war, hilft sicher.
Man kann generell feststellen, dass die jungen Studierenden heute viel weniger ideologisch ausgerichtet sind. Die Vorstellung, dass Oper etwas für die Elite ist, viel Geld kostet und mit engen Kleidervorschriften verbunden ist, ist aber auch ein Vorurteil.
Prägt dies das Bild der Jugendlichen?
Bei den ersten Besuchen der Schüler hat man sicherlich eine gewisse Befangenheit feststellen können, so als ob sie ein Museum betreten würden. Da geht es sicher lockerer zu und her, wenn man mit der Schulklasse in den Zoo geht. Man kann den Schülern aber zeigen, dass wenn man regelmässig in die Oper geht, etwa die vermeintlichen Kleidercodes ihre Bedeutung verlieren.
Repräsentationsfunktionen hat das Opernhaus aber sicher noch immer. Gerade im zwinglianischen Zürich dürfte der gesellschaftliche Druck auf das Opernhaus, eine Rolle für eine Polit- und Wirtschaftselite zu übernehmen, möglicherweise etwas höher sein als an andern Orten.
Es gibt sicher eine sehr wichtige Gruppe von Besuchern, die auch zu den Sponsoren gehört und daran interessiert ist, dass gewisse Konventionen nicht allzusehr in Frage gestellt werden. Dieses Anliegen ist auch absolut legitim. Man muss aber auch sagen, dass es von Seiten der Geldgeber keinerlei Bestrebungen gibt, da einen exklusiven Zirkel zu bilden und das Opernleben möglichst nicht weiterzuentwickeln. Im Gegenteil: Das sind Leute, die sich für das Prinzip Oper in jeder Hinsicht engagieren.
Sie versuchen also, den verschiedensten Vorstellungen gerecht zu werden?
Ein Haus wie das unsere kann es sich nicht leisten, bloss für einen Teil der Gesellschaft da zu sein. Es gehört deshalb erklärtermassen zu unserer Politik, die Grenzen zu öffnen – sowohl altersmässig wie auch gesellschaftlich.
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Auch für Familien? Man kann daran zweifeln, dass Kinder von einer «Parsifal»-Vorstellung von Anfang bis Ende gefesselt werden könnten.
Für die Kleinen haben wir mit der «Opera Viva»-Reihe seit letztem Jahr ein eigenes Angebot. Die Vorstellungen, in denen die Kinder eine Oper mit Kostümen und allem Drum und Dran selber durchspielen, sind bewusst parallel zu den Hauptvorstellungen gelegt, so dass die Eltern die Möglichkeit haben, die Vorstellung im Grossen Haus zu besuchen, während die Kinder auf der Studiobühne gut aufgehoben sind. Mit «Opera Viva» wird für wenig Geld – 35 Franken – sehr viel geboten. Die Kinder erhalten Verpflegung, und mehrere Betreuerinnen und Betreuer stehen ihnen zur Verfügung.
Wie ist das Verhältnis zwischen «Opera Viva» und der Arbeit mit den Schüler und Studenten?
Es sind verschiedene Säulen der Jugenarbeit, die durchaus auch ausbaufähig sind. Dazu kommt auch noch die «Zauberflöte für Kinder», die in den letzten 18 Monaten nicht weniger als 35’000 Kinder gesehen haben. Auch das Repertoire an Kinderfassungen kann noch erweitert werden.
Schlägt sich der Erfolg der Kinder- und Jugendarbeit auch in der Struktur des «normalen» Publikums nieder?
Inzwischen sind 22 Prozent der Besucher im Opernhaus unter 25 Jahre alt. Vor acht Jahren waren das noch 12 Prozent. Es gibt aber sicher ein grosses Potential, das noch nicht ausgeschöpft ist. Wir hoffen deshalb, dass wir die Jugendarbeit noch deutlich erweitern können. Ich persönlich bin auch dabei, die Zusammenarbeit mit der Universität zu intensivieren; hier liegen Potenziale brach.
Kann die scheinbar mangelnde Attraktivität der Oper für Junge auch damit zusammenhängen, dass diese sich an eine Massenmedien-kompatible Ästhetik gewöhnt haben und die Eigenheiten der Oper deshalb gar nicht mehr wahrzunehmen in der Lage sind?
Ein Opernbesuch hat sicher eine besondere Qualität, die sich in den Massenmedien nur sehr unvollkommen erschliesst. Ich sage das im vollen Wissen darum, dass das Zürcher Opernhaus auch eine Pionierrolle in Sachen DVD-Produktionen innehat. Die Komplettheit des Mediums, aus Tönen, Farben, Licht und Bewegung ist etwas ganz Wichtiges.
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Die lange, komplizierte und tragische Geschichte rund um einen Inkaprinzen in «La Forza del Destino» spielen die Kinder unter kundiger Anleitung aufmerksam nach. |
Dazu kommen die verschiedenen Formen von Sprachlichkeit, die wir auch mit den Übertiteln stärker rüberbringen möchten. Solche Aspekte entziehen sich der Technisierung. Auch die Fragilität des Momentes spielt eine wichtige Rolle. Das Wissen darum, dass immer etwas schief gehen kann, erzeugt eine ganz eigene Spannung.
Wie sieht die Zukunft der Jugendförderung aus?
Im Moment ist die Arbeit im Aufbau, wir wollen sie aber institutionalisieren. Es gibt auch vieles, das man besser machen kann, wir möchten vermehrt in die Schulen gehen, mit den Betroffenen sprechen und sie fragen, was ihnen gefällt und was nicht. Auch neue, andersgelagerte Projekte sind denkbar. Die Jugendarbeit wird zunehmend wichtig. Da wird einiges an Ressourcen hineinfliessen.
Schaffen Sie auch Partizipationsmöglichkeiten?
Zu Assistenzen und Hospitanzen gibt es immer wieder Möglichkeiten, das war auch schon immer so. Wir sind für alles offen. Man kann nicht alles machen, aber die Offenheit ist schon da. Ein grosses Anliegen ist uns, dass die Hinführung zur Oper für niemanden an finanziellen Barrieren scheitern soll. (wb)


