18.10.2008 — Der Klarinettist, gelernte Orchestermusiker, Intendant und Konzertmanager Matthias Gawriloff ist in Bern neu Direktor des Symphonieorchesters. Codex flores hat sich mit ihm über seine Pläne für das Ensemble unterhalten – und darüber, was zeitgemässes Kulturmanagement in einer mittelgrossen Stadt bewirken sollte.
18.10.2008 — Der Klarinettist, gelernte Orchestermusiker, Intendant und Konzertmanager Matthias Gawriloff ist in Bern neu Direktor des Symphonieorchesters. Codex flores hat sich mit ihm über seine Pläne für das Ensemble unterhalten – und darüber, was zeitgemässes Kulturmanagement in einer mittelgrossen Stadt bewirken sollte.
Codex flores: Sie kommen nach Bern, und in zwei Jahren geht der Chefdirigent. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Matthias Gawriloff: Ich kenne Andrey Boreyko schon lange, wir sind eng befreundet, hören zusammen Jazzmusik und diskutieren die neuesten Tendenzen der Neuen Musik und der russischen Musik. Sein Weggang macht mich natürlich traurig, aber ich bin dennoch froh, dass ich diese zwei Jahre mit ihm habe. Danach soll es aber eine weiche Landung geben: Andrey Boreyko wird dem Orchester als Gast erhalten bleiben, wir planen bereits Termine und Programme.
Zwei Jahre sind in der Musikwelt ja nichts. Einen valablen Nachfolger zu finden, ist das überhaupt realistisch?
Überhaupt nicht. Die kommenden zwei Jahre sind schon verplant. Ich bin deshalb froh, dass uns Andrey Boreyko als Gast nach wie vor zur Verfügung stehen wird.
Wie soll der Wechsel konkret über die Bühne gehen?
Ich halte nichts davon, in einer Saison ohne Chefdirigenten lauter Gäste einzuladen, die nur ein Konzert dirigieren. Das wäre zu wenig, das könnte der Anfang vom Ende desjenigen sein, der in der Folge den Posten übernehmen soll.
Webseite des Bern Symphonieorchesters:
http://www.bsorchester.ch
Webseite von Matthias Gawriloff
(mit biografischen Angaben und weiteren Materialien):
http://www.klassikextra.de
Was ist denn Ihre Alternative?
Man könnte vier bis sechs Dirigenten einladen, die zwei- oder mehrmals kommen, und das über zwei Jahre hinweg. Bisher habe ich mit diesem Prinzip Erfolg gehabt. Misserfolg – den kann es ja auch geben – haben Chefdirigenten meistens dann, wenn sie zum Beispiel nach einem Open-air zum musikalischen Leiter ernannt werden. Dann soll einer plötzlich Aufgaben übernehmen, auf die er vielleicht gar nicht vorbereitet ist.
Wie findet man überhaupt einen geeigneten Chefdirigenten?
Ich sammle Informationen. Ich sitze viel in Proben, ich spreche sehr viel mit den Musikern. Es wird auch eine Findungskommission geben. Es existiert hier im Büro eine vorzügliche Dokumentation, in der festgehalten ist, wer in den letzten zehn Jahren in Bern dirigiert hat und wie diese Arbeiten beim Orchester angekommen sind. Die lese ich natürlich mit grösstem Interesse. Die Dirigenten kenne ich fast alle, mit vielen von ihnen habe ich bereits gearbeitet. Die grosse Frage ist: Wie passt das zusammen? Letztlich muss aber vor allem die Chemie stimmen.
Gibt es da im Berner Orchester eine Unité de doctrine oder ist das Ensemble gespalten?
Es gibt da schon eine starke Tendenz und ich habe auch schon gute Ideen, die ich heute natürlich nicht verraten werde, weil das intern noch nicht besprochen ist.
Welche Kompetenzen hat die Findungskommission?
Das gilt es festzulegen. Ich fühle mich jedenfalls als Gleicher unter Gleichen und werde eine beratende Tätigkeit ausüben. In dieser Saison kommen übrigens sehr interessante Gastdirigenten, die ich schon gut kenne. Zum Beispiel Günther Herbig, den ich sehr schätze. Ich bin gespannt, wie das Orchester auf solche Gäste reagieren wird.
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«Mein Vorteil ist, dass ich selber Musiker bin, Musiker war. Ich kann mich mit allen Betroffenen auf Augenhöhe unterhalten.» |
Ich will Sie nicht aufs Glatteis führen, möchte Sie aber doch fragen, ob Sie sich eher als Advokat des Orchesters gegenüber der Verwaltung oder als Vollstrecker der Weisungen von Direktion und Geldgebern verstehen.
Das ist eine sehr gute Frage. Wer sich da aufs Eis begibt, der kommt schnell ins Rutschen. Mein Vorteil ist, dass ich selber Musiker bin, Musiker war. Ich kann mich mit allen Betroffenen auf Augenhöhe unterhalten. Das BSO ist das siebte Orchester, das ich übernehme. Mittlerweile spreche ich mit den Musikern als Musiker und mit den Advokaten als Advokat. Schliesslich mache ich mir mein eigenes Bild. Ich glaube, das sagt alles.
Da ist offenbar Diplomatie gefragt.
Absolut.
Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Symphonieorchester und Stadttheater. Das BSO hat ja, wie in einer mittelgrossen Stadt typisch, eine Doppelbelastung zwischen Konzert- und Operndiensten. Ist vorstellbar, dass man ein eigenes Opernorchester unterhält? In einem Dreispartenbetrieb dürfte das allerdings schwierig werden.
Da geht die Diskussion in Bern nicht erst seit gestern hin und her. Das ist ein Dauerthema. Es gibt qualitative Unterschiede zwischen einem reinen Theaterorchester und einem Symphonieorchester.
In der Oper wird eher mit dem breiten Pinsel gearbeitet.
Das hat ein Theater nun mal so an sich. Das heisst aber auch, dass es zwei unterschiedliche Betriebe sind. Bern ist sehr dankbar, dass es ein «Konzertorchester» zur Verfügung hat, das auch die Oper bespielt. Das ist eine hohe Qualitätsgarantie. Für die Dienstzahlen hat das aber Folgen, und da finde ich es umso interessanter, auf was für einem hohen Niveau das Orchester dennoch musiziert.
Haben Sie Ihre Fühler bereits in Richtung Theater ausgestreckt?
Den Intendanten Marc Adam kenne ich schon – wir schätzen beide das gute Essen in Bern. Alle Differenzen, die es zwischen Orchester und Theater mal gegeben haben soll, werden wir sicherlich vom Tisch wischen. Ich wünsche mir eine produktive Zusammenarbeit. Aber das Orchester wird ein Symphonieorchester bleiben, das die Oper bespielt.
Hat das Orchester eigentlich Einfluss auf die Programmierung der Oper?
Nein, das Programm ist Sache des Intendanten. Sicher habe ich auch Ideen, und ich werde diese mit Herrn Adam sehr bald bei einem Glas Wein austauschen.
Wie steht es mit Tourneen und Aufnahmen? Für ein Orchester, das im Gespräch bleiben will, sind sie wohl unabdingbar.
In Sachen CD-Aufnahmen ist man uns in Zürich deutlich voraus, und zwar dank David Zinman, dem Dirigenten des Tonhalle-Orchesters. Seit dem Beethoven-Zyklus hat das Tonhalle-Orchester nicht nur in der Schweiz in dieser Hinsicht die Nase weit vorn. Wir haben eine gute Idee – soll ich schon sagen Angebot? – für das BSO mit Andrey Boreyko. Stichwort hier ist russische Musik.
Mit den Bedingungen, wie sie in einer mittelgrossen Sadt wie Bern herrschen, der Doppelverpflichtung von Konzert und Oper und einem Budget von etwa 12 Millionen Franken kann man in dieser Hinsicht keine grossen Sprünge machen.
Man kann nicht so hoch springen. Und wir müssen aufpassen, weil die Musiker schon jetzt stark belastet sind. Da den Mittelweg zu finden, ist schwierig. Grosses Lob an meine Vorgängerin Marianne Käch. Sie hat das sehr gut im Griff gehabt. Im nächsten März – das ist ihr und nicht mein Verdienst – geht es auf Deutschlandtournee. Ich freue mich drauf.
Tourneen bringen ein Orchester auf Touren
Was bringen einem Orchester Tourneen?
Tourneen sind ungeheuer wichtig. Erst wenn man ein Werk auf Tournee vielleicht zehn mal spielt, erreicht man in den Konzerten die eigene Leistungsgrenze, bestenfalls Weltniveau. Es ist wichtig für die Musiker, das zu erleben. Auch der soziale Faktor ist äusserst wichtig. Der Zusammenhalt im Orchester wird durch Tourneen gestärkt. Und die Musiker lernen den Chefdirigenten von einer ganz anderen Seite kennen, wenn er plötzlich zehn, statt bloss ein Konzert leitet. Ich plane bereits ein sehr interessantes internationales Tourneeprojekt, wir brauchen so etwas.
Da dürfte einiges in Bewegung geraten. Orchester bilden ja einen eigenen sozialen Kosmos…
…um das mal vorsichtig auszudrücken; das ist eine Welt, die man vorher unbedingt kennenlernen sollte, bevor man den Beruf eines Orchestermusikers ergreift, sonst fällt man auf die Nase. Ich bin auf die Nase gefallen. Dann habe ich eine Solistenkarriere angestrebt. Das hat sehr gut funktioniert, aber natürlich hat man seine eigenen Ansprüche, und ich habe diese Karriere wieder aufgegeben. Ich habe das Ensemble «von Kammermusik bis Jazz» erfunden. Der grosse Erfolg stellte sich mit den interaktiven Festivals in Niedersachsen ein, und mein Einstieg ins Kulturmanagement war gemacht.
Wie bewegen Sie sich in der Orchesterwelt?
Ich denke, die Musiker haben relativ schnell verstanden, dass ich mit ihnen auf Augenhöhe spreche, weil ich selber mit der Seele Musiker geblieben bin. Das ist ein Vorteil.
Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit den Chören der Stadt?
Chorwerke sind eine wunderbare Angelegenheit, und ich freue mich auf eine Zusammenarbeit mit den qualitativ hochstehenden Chören, die wir hier in Bern haben. Es gibt aber nicht nur regionale, es gibt auch nationale Chöre, die das Recht haben, mit professionellen Musikern zusammenzuspielen. Und es gibt auch hervorragende internationale Chöre, die teilweise auch aus Laien bestehen. Wenn der Qualitätsanspruch aller Beteiligten stimmt, dann bin ich der grösste Freund von Chormusik.
Und welche Solisten und Dirigenten sähen Sie gerne in Bern?
Es gibt ganz fantastische Musiker, und zwar so viele, dass wir den Vorteil haben, auswählen zu können. Das Niveau in der Ausbildung ist heute unglaublich hoch, und wir bekommen laufend Angebote von hervorragenden Musikern.
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Präferenzen werden Sie sicherlich haben.
Ich liebe die junge Generation und ich finde, sie hat das Recht, gefördert zu werden. Spontan kommen mir die Cellistin Sol Gabetta, die argentinische Pianistin Gabriela Montero, die auch improvisiert, oder die Geigerin Lena Neudauer in den Sinn. Letztere möchte ich in Bern auf jeden Fall sehen. Ich hätte im Konzertprogramm gerne eine Kategorie, die jungen Künstlern explizit eine Plattform bietet.
Entwertet sich die aktuelle Vielfalt beim Nachwuchs nicht selber? Früher hatte man herausragende Persönlichkeiten wie Stern oder Horowitz, Schulen, die man kannte und verfolgte. Heute scheint da eine diffuse Masse etwas zur Beliebigkeit zu neigen.
Da haben Sie völlig Recht. Um da Akzente zu setzen, arbeite ich gerne mehrmals mit Musikern zusammen, über Jahrzehnte immer wieder. Sie können davon ausgehen, dass ich mit Lena Neudauer nicht nur ein Konzert machen werde. Sie soll hier Kammermusik machen, sie soll ein Solokonzert spielen, sie soll nach zwei Jahren ein anderes Solokonzert spielen, sie soll nach drei Jahren noch einmal Kammermusik machen, so dass die Berner sie als Musikerin wirklich kennenlernen.
Das heisst, Sie möchten gewisse Junge konsequent pflegen und aufbauen.
Und zwar nicht nur im solistischen, sondern auch im dirigentischen Bereich. Wobei bei den Dirigenten jung ein relativer Begriff ist.
Uraufführungen und Populäres sollen ihren Platz haben
Wie stehen Sie zu Uraufführungen und zeitgenössischer Musik im Allgemeinen?
Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Neue Musik eine hervorragende Rolle spielte. Mein Vater war unter anderem ein Spezialist für Neue Musik. Heute habe ich deshalb ein sicheres Urteil – auch aus dem Bauch heraus – darüber, was gute Neue Musik und was schlechte Neue Musik ist. Ein solches Urteilsvermögen findet man in den Rundfunkanstalten, die dezidiert den Auftrag haben, Neue Musik zu spielen, nicht so häufig. Da wird oft jeder Mist gespielt und aufgenommen, solange es nur Neue Musik ist. Andrey Boreyko und ich haben in dieser Hinsicht den absolut gleichen Geschmack. Sie können davon ausgehen, dass wir Neue Musik so präsentieren, dass sie den Leuten gefallen wird.
Wie stehen Sie auf der andern Seite zu den populäreren Konzertformen?
Moderne Formen des Konzertierens wie ein Open-air auf dem Bundesplatz oder eine Stummfilm-Begleitung müssen gepflegt werden. Den Musikern macht es Spass, neben den Abonnements- oder Familienkonzerten solche Projekte zu realisieren. Dennoch bin ich da ein bisschen ambivalent. Von den Verantwortlichen werden solche Anlässe eigentlich eher unter dem Stichwort Marketing gesehen. Mehr Publikum in Konzerte zu locken, wird ausschliesslich mit dem Thema Marketing in Verbindung gebracht. Das ist sehr kurzsichtig und führt zu einer Schieflage in der Gesellschaft. Kultur als Bonbon? Geht nicht! Stichwort kulturelle Identität!
Um was sollte es dabei sonst noch gehen?
Ich glaube, wir müssen uns der Verantwortung bewusst werden, die wir der Jugend gegenüber haben und sie für regelmässige Konzertbesuche gewinnen. Wir müssen ihnen im Konzertsaal eine Heimat bieten. Das hat man in der letzten Zeit ein bisschen vergessen. Man macht sich etwas vor, wenn man für sechstausend Besucher ein Open-air veranstaltet und dann glaubt, man gewinne damit das zukünftige Publikum.
Ist der Gewinn Ihrer Ansicht nach eine Illusion?
In Neuss veranstalten wir im Sommer seit zehn Jahren Open-air-Konzerte – mit durchschnittlich siebentausend Zuschauern. Die geniessen das sehr. Von denen ist über all die Jahre aber keiner anschliessend in die Abonnementskonzerte gekommen. Das ist ein komplett anderes, tolles Publikum. Diese Erfahrung haben wir nun mal gemacht. In jeder andern Stadt in Europa dürfte das ähnlich sein.
| «In zehn Jahren werden wir merken, dass wir zwei, vielleicht sogar drei Generationen von jungen Leuten nicht geschult haben.» | ![]() |
Abonnementskonzerte sind für ein Publikum gedacht, das Konzerte aus Gewohnheit besucht und gute Repertoirekenntnis hat. Bei den Jungen ist die Repertoriekenntnis nicht mehr da, weil sie in der Schule nicht mehr vermittelt wird.
Leider, leider ist das so. Man glaubt, wenn man nur genug Marketing mache, dann werde das schon. Das ist ein Denkfehler. In zehn Jahren werden wir merken, dass wir zwei, vielleicht sogar drei Generationen von jungen Leuten nicht geschult haben. Sie werden in zehn, fünfzehn Jahren in den Konzertsälen fehlen. Dann wird es einen Einbruch geben, trotz der modernen Marketingmassnahmen. Repertoirekenntnis kann eine geistige Heimat sein. Wer trägt heute dazu Sorge?
Was geschieht dabei mit der Idee des Abonnementskonzerts?
Das ist eine Frage, über die wir intensiv nachdenken. Es hängt entscheidend davon ab, wie man die Jugend erzieht. Ich halte es für zwingend notwendig, dass in den Schulen zweimal die Woche ein regelmässiger Musikunterricht stattfindet – als Pflichtfach. Das Ganze fängt nicht an, indem man modernes Marketing macht, es fängt ganz unten an.
In der Schweiz wird gerade die Initative «jugend + musik» eingereicht, die die Musikbildung in der Bundesverfassung verankern will. Wenn sie angenommen wird, dürfte es allerdings noch sehr lange dauern, bis ein Effekt zu spüren sein wird. Das Problem mit dem Publikum stellt sich aber bereits jetzt.
Ich finde die Idee einer solchen Initiative grossartig. Die Kritik an «zu langfristig» lasse ich nicht gelten. Dafür denkt man dann ultrakurzfristig und organisiert sogenannte Events, die viel Geschäftigkeit, aber keine nachhaltigen Resultate erzeugen. Ich finde wir müssen für unser Publikum Sorge tragen in unseren Konzerten, und die Politik muss dafür sorgen, dass ein Gefühl für die geistige Heimat gerade in der Erziehung nicht verloren geht.
Man kann bei einer Weiterführung des Abonnementgedankens auf der andern Seite restaurative Tendenzen befürchten. Auch andere klassisch-bildungsbürgerliche Institutionen werden ja zur Zeit wiederbelebt, etwa der Lateinunterrricht, und man kann sich fragen, ob das nicht sehr angepasst und rückwärtsgewandt ist und die Jugend nicht wirklich erreicht.
Dass man der Spassgesellschaft Werte entgegensetzt, die etwas mit humanistischer Bildung zu tun haben, finde ich richtig. Ob man nun unbedingt Latein lernen muss, das würde ich auch zur Diskussion stellen, aber ich denke mal, eine Werteausbildung in Kunst, Musik, Tanz und so fort muss nicht gleich an die Waldorfschule delegiert werden; sie kann man in den Normalschulen stattfinden lassen. Hat die Schweiz Deutschland da etwas voraus? Sie hat eine Tradition, die ich in meinen Vorträgen in Deutschland als Leuchtturm in der dunklen See hinstelle. Ist das wirklich so?
Hören die Jungen im allgemeinen denn überhaupt noch klassische Musik?
Laut der aktuellsten Studie zur Jugend, die Shell jährlich durchführt, ist die erste und weitaus häufigste Beschäftigung von jungen Leuten Musikhören. Und das ist nicht immer nur Techno und R’n’B und HipHop und so weiter, sondern da spielt die klassische Musik in der Prozentzahl, die wir schon seit Jahrhunderten haben, immer eine Rolle.
Die Jungen müssen im Konzert ihre Freunde treffen
Weshalb gehen die Jungen dann nicht ins Konzert?
In Gesprächen am runden Tisch, die wir mit Jugendlichen in Neuss alle sechs Monate durchführen, hat sich herausgestellt, dass sie im klassischen Konzert ihre Freunde vermissen. Wir müssen also dafür Sorge tragen, dass die Jugendlichen in den Konzerten ihre Freunde finden. Da gibt es zahlreiche Konzepte, wie man das machen kann. Schaffen wir doch eine Pausen-Lounge im Konzertsaal nur für Jugendliche. Da darf die Grossmutti nicht mit rein. Mit cooler Beleuchtung.
Man hat den Eindruck, dass die klassische Musik mit ihrer abgeschlossenen Ästhetik das erotische Potential nicht hat, das die Jugendlichen für ihre Freizeit suchen.
Es gibt natürlich immer wieder die Kritik von Jugendlichen, klassische Musik sei nicht sexy, aber wenn man sie von frühester Jugend damit konfrontiert, sieht das anders aus. Meine Kinder sind acht und zehn Jahre alt und wachsen in einem musikalischen Haushalt auf. Ich brenne für sie CDs, auf denen Comedians wie Otto, HipHop, Jazz und Klassik aufeinander folgen. Von Rachmaninow gibt es dort etwa ein Scherzando, das ist pure Popmusik … sinfonische. Da findet sich auch Scarlatti – purer Jazz! -, dann wieder Komiker, dann kommt Nina Hagen und so fort.
Und Ihren Kindern gefällt das?
Nicht nur meinen zwei Girlies. In den Klassen meiner Kinder werden die CD wie Gold gehandelt. Wenn die beiden am Abend auf dem Wohnzimmerteppich noch etwas malen und das Radio läuft mit klassischer Musik – etwa einer Mozart-Sinfonie -, dann wird eben nicht abgestellt. Warum? Weil die Musik ihnen vertraut ist. So einfach ist das. Oder?
Für den typischen bildungsbürgerlichen Besucher von Abonnementskonzerten tönt das aber doch wie ein Ausdruck von Unkultur. Der redet dann von Häppchenkultur.
Ach, mir soll doch keiner erzählen. wir seien in der Schule nicht auch so erzogen worden. Wir haben im Unterricht auch keine Bruckner-Sinfonie ganz durchgehört, sondern wir haben uns diese und jene Stellen angehört und besprochen. Nichts anderes tue ich auch. Ich garantiere Ihnen, dass meine Kinder schon bald in der Lage sein werden, eine Beethoven-Sinfonie vom Anfang bis zum Schluss durchzuhören, im langsamen Satz zu weinen und das dann auch zu geniessen. (wb)

