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Eine Vielfalt an Konzertangeboten nützt allen

21.06.2011 — Neben den traditionellen Abo-Reihen der städtischen Sinfonieorchester und den sommerlichen Festivals prägt das Migros-Kulturprozent mit Tourneen das Konzertleben der Schweiz wesentlich mit. Der Intendant der Migros-Kulturprozent-Classics äussert sich im Codex-flores-Interview zur nationalen und internationalen Orchesterlandschaft und zur Förderung des Nachwuchses.

 

21.06.2011 — Neben den traditionellen Abo-Reihen der städtischen Sinfonieorchester und den sommerlichen Festivals prägt das Migros-Kulturprozent mit Tourneen das Konzertleben der Schweiz wesentlich mit. Der Intendant der Migros-Kulturprozent-Classics äussert sich im Codex-flores-Interview zur nationalen und internationalen Orchesterlandschaft und zur Förderung des Nachwuchses.

Codex flores Das Migros Kulturprozent ist mit den Migros-Kulturprozent-Classics ein Tournee-Organisator. Orchesterkonzerte bieten sonst städtische Sinfonieorchester mit ihren Abo-Reihen und Festivals an. In welchem Verhältnis stehen diese Angebotsformen?
Mischa Damev Alle drei erfüllen in der Schweizer Konzertlandschaft ihre Funktion. Festivals sind ins Leben gerufen worden, um ausserhalb der regulären Konzertsaison der städtischen Sinfonieorchester für Überbrückung und spezielle Höhepunkte zu sorgen. Festivals, wie sie etwa in Gstaad, Luzern oder Verbier das Sommerangebot bereichern, erfüllen diese Aufgabe auch bestens. Neben dem traditionellen Publikum der städtischen Konzertreihen profitieren davon überdies die Touristen.

Das Touristenpublikum haben die Migros-Kulturprozent-Classics aber nicht im Blick.
Unsere Tourneen füllen andere Lücken: Sie ermöglichen ausserhalb der Festivals Begegnungen mit ausländischen Orchestern, die es dann auch erlauben, die Qualität der lokalen Ensembles am internationalen Niveau zu messen. Zudem verhelfen sie Musikliebhabern, die sich Festivalpreise nicht leisten können, zu diesem Erlebnis.

Sie laden aber nicht nur ausländische Orchester zu einer Tournee ein.
Seit ich die Reihe leite, haben wir eine Tournee immer mit einem Schweizer Ensemble bestritten, einmal mit dem Kammerorchester Basel, einmal mit dem Orchestra della Svizzera Italiana und 2011/12 mit dem Tonhalle-Orchester Zürich. Es ist mir ein Anliegen zu zeigen, dass wir in der Schweiz sehr gute Ensembles haben – und dass sich die Orchester über ihre Region hinaus in der Schweiz präsentieren können.

Früher war das städtische Sinfonieorchester das Gravitationszentrum des Musiklebens. Es scheint sich mehr und mehr zu den Festivals zu verlagern.
Ich glaube nach wie vor, dass lokale Orchester, Festivals und Tourneen das gleiche Ziel haben. Allen geht es darum, das Schweizer Kulturleben zu bereichern. Die lokalen Orchester betrachten die Migros-Tourneen allerdings als grösste Konkurrenz. Das bedauere ich sehr. Konkurrenz ist nicht unsere Absicht. Ich bin der erste der zu einer Zusammenarbeit Hand bietet.

Die Rahmenbedingungen für Tourneen ändern sich

Wie könnte eine solche aussehen?
Früher gab es durchaus internationale Projekt-Partnerschaften. Ein hiesiges Sinfonieorchester lud etwa ein grosses ausländisches Orchester ein und gastierte im Gegenzug selber in dessen Heimatstadt. Heute kommen kaum noch ausländische Orchester in grosse Schweizer Städte, wenn nicht wir sie einladen. Solche Gastspiele sind logistisch und finanziell sehr aufwendig geworden und übersteigen die Ressourcen der lokalen Orchester. Das Bedürfnis danach ist beim Publikum aber da.

Ist untersucht worden, ob Gastspiele ausländischer Orchester Besucher in einer Stadt dazu animieren, auch die Abo-Konzerte der lokalen Ensembles zu besuchen?
Eine solche Studie ist meines Wissens noch nie gemacht worden. Ich wüsste auch nicht, wie man so etwas erheben könnte. Was wir aber immer mehr sehen ist, dass nach unseren Konzerten lokale Konzertanbieter ihre Flyer verteilen.

«Gastspiele sind logistisch und finanziell sehr aufwendig geworden und übersteigen die Ressourcen der lokalen Orchester.»


Wissen Sie Genaueres über die Zusammensetzung des Publikums ihrer Tournee-Konzerte?
Vor Jahren hatten die Klubhaus-Konzerte, wie die Tourneen früher hiessen, ein eigenes Publikum. Ich glaube, das ist heute nicht mehr so. Heute scheinen die gleichen Leute unsere Konzerte zu besuchen, die auch Abonnenten der lokalen Orchester sind. Von den Festivals unterscheidet uns allerdings das Fehlen der geladenen Gäste von Sponsoren.

Sponsoren-Publikum kann problematisch sein. Ihm geht es nicht immer primär um die Musik, sondern oft bloss um den Event.
Auf der andern Seite gelingt es Sponsoren, Leute in ein hochkarätiges Konzert zu locken, die eine solche Erfahrung sonst nie machen würden. Wir selber laden in unsere Konzerte nur ganz wenige Leute selber ein.

Die Schwelle für Nicht-Insider des Klassikbetriebes scheint bei den Migros-Konzerten aber noch immer tiefer als im Abo-Konzert.
Da hat es sogar eine Öffnung gegeben. In den 1970er-Jahren waren fast hundert Prozent der Hörer Abonnenten. Da war die Duchmischung von Stammpublikum und neugierigen Gelegenheitsbesuchern schlecht. Vor allem die Jungen fanden da keine guten Plätze mehr. Heute machen die Abonnenten etwa die Hälfte des Publikums aus – über alle Konzerte in der Schweiz sind das etwa 5000.

Neue Orchestertypen erobern das Podium

Auch die Orchesterlandschaft verändert sich. Heute haben Spezialensembles – vor allem solche mit sogenannt historisch informierten Interpretationsansätzen – eigenes Profil. Dazu kommen Orchester aus allen Weltregionen, die einen eigenen Ton pflegen, etwa solche aus China oder Südamerika.
Das ist richtig und es ist eine grosse Bereichung für alle Seiten.

Man hört ab und zu, dass die Ansprüche der Musiker auf Tourneen stark gestiegen sind. Die Kostensteigerung soll auch damit zu tun haben.
Ich kann da nur aus eigener Erfahrung mit einem Beispiel antworten. Als ich Intendant der Schweizer Orpheum Stiftung zur Förderung junger Solisten war, haben wir 1991 die Bamberger Symphoniker ans Festival Bad Ragaz eingeladen. Wenn ich die Leistungen, die wir dem Orchester gegenüber damals erbrachten, mit denjenigen von heutigen Tourneen vergleiche, sehe ich keinen wesentlichen Anstieg der Ansprüche.

Wie sorgen Sie dafür, dass die Tournee-Kosten sich in einem vernünftigen Rahmen halten?
Vor allem dadurch, dass wir mit den Orchestern sehr früh und mit den Dirigenten und Intendanten direkt verhandeln. Wir haben so die günstigsten Konditionen und bezahlen fast nur die Hälfte von dem, was Veranstalter, die später kommen, aufwerfen müssen. Das gibt uns auch die Möglichkeit, auf das Programm Einfluss zu nehmen. Wenn Tournee-Programme schon feststehen, dann können Veranstalter, die das Ensemble übernehmen, nicht einmal mehr eine Ouvertüre ändern.

«Es ist das gute Recht des Publikums, sich zu verweigern. Es ist und bleibt unser Massstab.»


Dafür sind die arbeitsrechtlichen Bestimmungen komplexer geworden?
Auch da kann ich nur für die Migros-Kulturprozent-Classics sprechen. Wenn wir ein Orchester schlecht behandeln würden, käme es nie mehr. In dem kleinen Markt, in dem wir uns bewegen, sprechen sich schlechte Erfahrungen sofort herum. Den eigenen guten Ruf hat man schnell verloren.

Das Publikum reagiert so schnell?
In der Tat. Sogar unsere Abonnenten reagieren sehr sensibel auf Erfahrungen, mit denen sie sich nicht anfreunden können. Wir hatten in der vergangenen Saison zum Beispiel zwei Personen, die ihre Abonnements zurückgaben, weil wir ein zeitgenössisches Werk – Musik des Chinesen Tan Dun – im Programm hatten.

Es überrascht, dass selbst ein eher moderat-modernes und durchaus sinnlich-zugängliches Werk derart Anstoss erregt.
Es ist das gute Recht des Publikums, sich da zu verweigern. Es ist und bleibt unser Massstab.

Man hätte jetzt eher vermutet, dass die Erwartungen sich ändern würden und das Publikum in der heute undogmatischeren und pluralistischeren Welt offener sein müsste.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass das Publikum nicht offener geworden ist. Eher im Gegenteil. Wir stellen fest – das gilt für ganz Europa –, dass das Repertoire immer enger wird. Schon die Musik von Berlioz, Glasunov oder Debussy geht heute vielen zu weit.

Und trotzdem programmieren Sie 2011/12 Debussys «Jeux».
Das dürfte auch einige wieder abschrecken. Man kann da leider auch nicht auf die Jungen hoffen, wie das oft getan wird. Sie sind nicht offener als das traditionelle Abo-Publikum. Sie mögen vielleicht die Musik Mahlers, weil sie melodiös und emotional aufgeladen ist. Junge an Schubert oder Bruckner heranzuführen, ist aber schwierig. Was gar nicht ankommt unter Jugendlichen ist die Avantgarde der Nachkriegszeit bis zu den 1980er-Jahren, Nono, Berio und so weiter. Sie sind dafür sehr eklektisch. Sie hören Rap, Strawinsky, DJ Bobo, Bligg, wie’s gerade passt und kommt.

Welches Publikum findet die europäische Avantgarde denn überhaupt noch?
Sie zieht vor allem diejenigen an, die aus der gleichen Generation stammen und mit dieser Musik älter geworden sind.

Gegen Dogmen und vorgefasste Meinungen

Kann man die Jungen mit Vermittlungs-Programmen abholen, wie sie im Moment vermehrt diskutiert werden?
Kulturvermittlung ist vor allem mit Blick auf ganz junge Leute ein sehr wichtiges Thema. Ich arbeite schon seit zwei Jahren an einem Konzept, wie wir das lokale junge Publikum erreichen können. Da ist aber noch nichts spruchreif.

Gibt es da Erfolgswege?
Ich habe mir Best-Practice-Beispiele aus aller Welt angesehen. Aber das wird auch für uns eine Reise ins Ungewisse.

Ohne Leitlinien kann man weder Vermittlungs-Projekte noch Tourneen organisieren.
Mir liegen drei Grundsätze am Herzen: Zum ersten muss uns der Wille zur individuellen Qualität antreiben, zum zweiten gilt es zu verhindern, dass Dogmen und vorgefasste Meinungen das Kulturleben bestimmen, und zum dritten muss man denjenigen, die sich ernsthaft mit der Musik zum Wohl der Gesellschaft auseinandersetzen, Wertschätzung entgegenbringen.

Können Sie das etwas ausführen?
Ein ganz grosses Anliegen ist es mir, die Wertschätzung für Schweizer Musiker in ihrem eigenen Land zu steigern. Wir haben hervorragende Sänger, Instrumentalisten, Ensembles und Komponisten. Aus den osteuropäischen Ländern ist mir eine Atmosphäre vertraut, in der Musikern mit grosser Hochachtung und Respekt begegnet wird. In der Schweiz scheinen manchmal Skepsis und Misstrauen zu überwiegen.

«Ich wünschte mir etwas weniger Futterneid in der Szene und etwas mehr ästhetische Offenheit.»


Interpreten werden von der breiten Öffentlichkeit eher wahrgenommen als Komponisten.
Das Migros-Kulturprozent tut mit einer CD-Porträtreihe, den Grammont Portraits, gerade für diese ausserordentlich viel. Man könnte meinen, dass es Komponisten hierzulande eher schwer haben. Es ist aber das Gegenteil der Fall. Viele können sich vor Auftragswerken kaum retten. Dafür sorgen private und öffentliche Stiftungen, der Bund über die Kulturstiftung Pro Helvetia und weitere Institutionen.

Also alles im grünen Bereich?
Ich wünschte mir etwas weniger Futterneid in der Szene und etwas mehr ästhetische Offenheit. Die dogmatischen Schulen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheinen aber an Einfluss zu verlieren.

Zur Aufführung bringen Sie aber kaum neue Schweizer Werke.
In der letzten Saison haben wir ein Auftragswerk eines Schweizer Komponisten, Rolf Urs Ringgers, aus der Taufe gehoben. In der kommenden Saison wird das mit einem von Daniel Schnyder auch wieder der Fall sein. Wichtiger als Uraufführungen scheinen mir aber sowieso Zweitaufführungen. Mit Uraufführungen steht man als Organisator zwar gut da. Mehr als neunzig Prozent der Werke werden nach einer solchen aber nie mehr aufgeführt. Da gibt’s keine Vertiefungen, leider.

Dafür ist die Forderung danach, neue Werke müssten innovativ sein, zum Selbstläufer geworden. Ob etwas innovativ war, lässt sich in der Regel paradoxerweise erst feststellen, wenn es zum Klassiker und damit Teil der Geschichte geworden ist.
Förderung vom Innovationskriterium abhängig zu machen, ist tatsächlich eine zwiespältige Sache. Wenn wir im Rahmen der Migros-Unterstützungsprogramme zum Beispiel Komponisten mit einer gewissen Ästhetik fördern, dann können wir fast darauf wetten, dass im Jahr darauf die Hälfte der Dossiers diese kopieren. Wir beobachten auch, dass sich eine Art Antrags-Professionalismus breit macht. Es gibt immer mehr Agenturen und Kulturmanager, die genau wissen, wie ein Dossier aussehen muss und welche Reizwörter man darin gezielt einstreuen muss – eben solche wie «innovativ», «originell», «kreativ» oder «qualitativ». Wie da Stichwörter kalkuliert gesetzt werden, hat ab und zu sogar Unterhaltungswert.

Keine Angst vor sehr früher Förderung von Kindern

Wie kann man das Potential eines Projektes oder eines Musikers optimaler nutzen?
Man muss die Weichen für eine grosse Karriere vor allem sehr früh stellen. Bereits Kinder müssen mit den besten Lehrern arbeiten und auftreten können – natürlich ohne, dass sie verheizt werden. In der Schweiz haben wir im Sport heute eine fantastische Spitzenförderung. in der Musik fehlt eine solche noch immer.

Das hängt auch mit dem eher romantischen Bild von Kindheit zusammen, dem die Schweizer nach wie vor nachhängen. Ein Kind soll «Kind sein dürfen» und nicht schon in frühem Alter «Wettbewerb und Leistungsdruck ausgesetzt werden».
Das sind falsche Konzeptionen. Kinder wollen in der Regel aus sich selber heraus viel erreichen. Denen, die das wirklich wollen, tut man keinen Dienst, wenn man sie daran hindert.

Man hat auf der andern Seite den Eindruck, der Karrierebeginn in jungen Jahren sei in der Schweiz recht einfach.
Er ist es überall auf der Welt. Die Jugend hat immer einen Bonus. Wunderkinder zerbrechen häufig daran. Ich bin kein Fan von Wunderkindern. Diese Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die Jungen möchte ich auch etwas aufbrechen und ebenfalls würdigen, was ältere Interpreten Spezielles zu sagen haben.

Welche Wirkung haben Auftritte im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics?
Das ist eine heikle Frage und im Rückblick zwiespältig. Viele inländische Organisatoren haben Nachwuchskünstler, die einmal bei uns waren, nicht eingeladen. Es ist sehr bedauerlich, dass es da ein Gärtchendenken gibt. Einige Künstler haben mir erzählt, sie hätten den Auftritt bei der Migros fast als Bremse empfunden. Sie hätten sich als «Migros-Solisten» gebrandmarkt und deshalb zurückgewiesen gefühlt. Andere machen aber auch sehr gute Erfahrungen.

Unbestrittene Verdienste hat die Migros-Förderung sicher mit Blick auf die nationale Kohärenz: Das Kulturprozent pflegt die Sprachregionen in der Schweiz, auch mit der CD-Reihe Musiques Suisses.
Da kommt uns die Struktur des Unternehmens mit den regionalen Genossenschaften sehr entgegen. Ich musste aber selber auch feststellen, dass der Röschtigraben extrem tief ist. Manchmal können auch wir ihn nicht überwinden. Künstler, die im einem Landesteil sehr bekannt sind, spielen in andern vor leeren Sälen. (wb)

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