16.09.2003
Escom5 findet in Hannover in einer Zeit heftiger politischer Auseinandersetzungen um die Finanzierung von Kunst und Kultur statt. Im Codex-flores-Interview erklärt Klaus-Ernst Behne, was das Besondere an der Musikhochschule Hannover ist, welche Bedeutung die Konferenz für das Haus hat und welche Konsequenzen die Sparpläne der Regierung hätten.
Codex flores: Ihre Hochschule gleicht im Moment einem Bienenhaus.
Klaus-Ernst Behne: Die grosse Resonanz der gegenwärtigen Escom-Tagung ist für mich überwältigend. Ich bin erstaunt und erfreut darüber, wie viele sich angemeldet haben, aber auch über die thematische Vielfalt. Es lässt sich ein durchwegs sehr hoher wissenschaftlicher Standard beobachten.
In den Themen oder der Präsentation?
Der Standard ist im Bereich der Forschung selber sehr hoch, aber auch in der Art und Weise, wie die einzelnen Beiträge dargeboten werden.
Was für eine Bedeutung hat die Konferenz für die deutsche Musikpsychologie?
Sie gibt den deutschsprachigen Kollegen die Gelegenheit, sich international darzustellen und darauf hinzuweisen, welche schon über hundert Jahre alten Traditionen es hierzulande gibt. Das Fach Musikpsychologie ist ja im Wesentlichen im deutschsprachigen Raum entstanden, geschaffen von Persönlichkeiten wie von Helmholtz, Stumpf, Riemann, Kurth und Révész. Womit ich aber die Leistungen eines Carl Seashore etwa keineswegs schmälern will.
Und wenn man nach vorne blickt?
Aufgrund der grossen Resonanz der Konferenz würde ich davon ausgehen, dass das Fach in den nächsten zehn Jahren erheblich an Bedeutung gewinnen wird. In der medizinisch orientierten Forschung, in den Disziplinen, die sich mit den Transfereffekten musikalischer Aktivitäten beschäftigen oder der Sozialpsychologie der Musik – um nur drei Bereiche zu nennen – kann man heute auf ein großes Literaturspektrum blicken. Das ist gundsätzlich anders als vor zwanzig Jahren.
Wird sich auch etwas in den methodischen Ansätzen der deutschen Musikpsychologie ändern, die bis jetzt ja erklärtermassen stark soziologisch orientiert war?
Ich würde die Geschichte der deutschsprachigen Systematischen Musikwissenschaft nicht auf den soziologischen Bereich einengen. Man sieht eine grosse Methodenvielfalt.
Die deutschen Vertreter des Faches polemisieren aber auch hier an der Konferenz in moderater Form gerne gegen die wissenschaftlichen Moden, die von den USA zu uns ausstrahlen.
Natürlich wird auch bei uns heute die von den USA geprägte Form der Forschung betrieben, die zugegebenermassen bisweilen sehr partikular ist. Wie in den andern Wissenschaften aber auch, muss man manchmal ganz hart an den Details arbeiten. Dann sollte man aber wieder zurücktreten können und versuchen, einen ganzheitlichen Ansatz zu finden.
Das wird dann auch getan?
Die Konferenz fördert das Bewusstsein für die Qualität ganzheitlicher Ansätze auch bei unseren amerikanischen Kollegen. Ich glaube, sie fahren mit der Einsicht nach Hause, dass jeder, der über das Musizieren und das Musikleben vernünftige Aussagen machen will, einen solchen ganzheitlichen Ansatz in irgendeiner Form realisieren muss.
Die Hochschule für Musik und Theater Hannover widerspiegelt diese Vielfalt der Ansätze in einzigartiger Weise. Wie ist es dazu gekommen und welche Perspektiven hat das Haus?
Mitte der Siebzigerjahre wurde hier in Hannover eine Professur für Musikpsychologie ausgeschrieben, die ich übernehmen durfte. Darüber hinaus haben neben der Historischen Musikwissenschaft auch die Musikethnologie, die Musikphysiologie, die Musikermedizin und die Medienwissenschaft ihren Standort bei uns. Wir sind also in der glücklichen Lage, dass wir ein vergleichsweise grosses Spektrum abdecken können und sich auch eine entsprechende Forschung entwickelt hat. Von daher lag es nahe, die Escom-Koferenz in Hannover durchzuführen.
Die Vielfalt ist aber auch gefährdet. In Deutschland läuft gegenwärtig ein grosse Debatte um die Finanzierung von Kultur. Was sind die Konsequenzen für die Hochschule, wenn die geplanten Kürzungen tatsächlich realisiert werden?
Die öffentliche Debatte konzentriert sich in Niedersachsen im Moment auf das Theater und die Staatsoper. Die Musikhochschule ist aber auch betroffen. Wir werden in den nächsten Wochen erfahren, in welchem Ausmass bei uns gespart werden soll. Es schweben Zahlen im Raum, die beängstigend sind und bedeuten würden, dass ganze Bereiche geschlossen werden müssten. Vor diesem Hintergrund ist es nicht ungünstig, dass eine solche Fachkonferenz stattfindet. Sie soll ja gerade auch das Bewusstsein dafür schärfen, weshalb es so wichtig ist, dass Menschen musizieren.