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Die Orgel lernt atmen

02.07.2004

 

Im Rahmen des Forschungsprojektes «Innov-Organ-um» tüfteln die Musikhochschulen von Bern und Zürich und die technischen Fachhochschule Biel an einer Weiterentwicklung der Ausdrucksmöglichkeiten der Kirchenorgel. Nach fünf Jahren Entwicklungsarbeit haben sie diesen Frühling mit einem «Prototyp III» das erste produktiv verwendbare Instrument präsentiert.

Der geistige Vater des Projektes ist der Bieler Stadtorganist Daniel Glaus, der in Bern, Freiburg im Breisgau und Paris Komposition und Orgel studiert hat. Er litt «seit er Orgel spielte darunter, dass das hochkomplexe und teure System die Qualität der Pfeifen nur ganz rudimentär ausnutzen kann» und entwarf im Geist ein Instrument, das ähnlich wie moderne Synthesizer den Ton zu modulieren erlaubt, auch nachdem eine Taste bereits angeschlagen ist.

1997/98 führte Glaus erste Sondierungsgespräche mit Vertretern der Berner und Zürcher Fachhochschulen, die ihn schliesslich in Kontakt mit Daniel Debrunner, einem Spezialisten für Steuerungslektronik und passionierten Orgelliebhaber, brachte. Zu ihnen stiessen schliesslich auch die Orgelbauer Peter Kraul (Herwangen-Schönbach, Deutschland) und Johannes Röhrig (Neuenburg). Das Forschungsprojekt, das sie 1999 vorlegten, nimmt von einer möglichen Parallele zu modernen elektronischen Instrumenten Abstand. Ihr Ziel ist es, die expressiven Möglichkeiten der Pfeifenorgel mit den technischen Mitteln des 17. und 18 Jahrhunderts anzugehen. Im Zentrum der Forschungen stehen Möglichkeiten, mit Hilfe des Tastendrucks die Luftzufuhr zu den Pfeifen und damit den Klang differenziert steuern zu können.

Im Jahr 2000 entsteht ein erster Prototyp mit drei Tasten, doppelter Windversorgung für ein normales Schwanzventilsystem und ein dazukoppelbares Kegelventilsystem. Das technische Herzstück der Versuchsanordnung ist ein hochsensibles mechanisches Ventil, mit dem die Luftzufuhr zu einer Pfeife nicht einfach an- und ausgeschaltet wird, sondern über die Tastatur stufenlos von «keine Luft» bis «maximale Luftzufuhr» geregelt werden kann.

Im 2001 folgt der Prototyp II, nun mit 25 Tasten, 75 Pfeifen, Trakturübersetzungen und einem Mechanismus um Kegel- und Schwanzsysteme zu koppeln. Am Schweizerischen Tonkünstlerfest 2002 in Biel erklingt die erste Komposition ­ «Spisui» ­ für das neue Instrument. Geschrieben worden ist sie von Jürg Lindenberg, einem Kompositionsschüler von Daniel Glaus.

Ab 2002 wird das Projekt auch vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützt. Der Prototyp III wird gebaut. Dabei handelt es sich um ein vollständiges Instrument mit fünf Oktaven, fünf Registern, 443 Pfeifen, diversen Hebelzügen und Fusstritteinrichtungen zum Verändern der Einstellungen, drei Manualen und Pedal.

 Die Register sind: Achtfuss Prinzipal und Gedackt, Vierfuss Flöte, Quinte, Terz und ein spezieller Pfeifentyp ohne Labien. Sein Ton ähnelt mehr demjenigen einer Windharfe als dem einer traditionellen Orgelpfeife.

Das erste Manual steuert Kegelventile und ist besonders für experimentelle Musik geeignet. Das dritte Manual repräsentiert die traditionelle Spielweise und das mittlere dient der Kopplung der beiden andern. Die Luftzufuhr zu den Pfeifen kann nicht nur über die Manuale, sondern auch mit den Füssen differenziert geregelt werden. Man bedient dazu zwei Bälge, mit der die Grundstärke der Windzufuhr skaliert wird.

Der (transportierbare) Prototyp III steht seit Februar dieses Jahres im Grossen Konzertsaal der Hochschule der Künste Bern. Ein vierter Prototyp soll als Hauptorgel in die Stadtkirche Biel Eingang finden.

Daniel Glaus ist von den bisherigen Resultaten mehr als befriedigt. In einer Pressedokumentation zum Prototyp III schreibt er: «Nun ist es möglich, auf dem ganzen Tonumfang, auf Manualen und Pedal mit einfachen mechanischen Mitteln einen unendlichen Reichtum an Klangfarben und Nuancen hervorzuzaubern. Mit wenigen Hebelzügen kann der Charakter der Spieltraktur völlig verändert werden: von hart spuckend, fast perkussiv, xylophonartig bei geringstem Tastentiefgang bis zu sehr weich mit grossem Tastentiefgang für romantische, ineinanderfliessende Überlegati.» Nun will sich das Team unter anderm auf die Suche nach Komponisten machen, die für die Avantgarde-Orgel Werke schreiben möchten.

 


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