30.11.2004
Im Sächsischen Staatsbad Bad Elster wird an einem Präventions- und Rehabilitationsprogramm für Musiker getüftelt. Das Forschungsinstitut für Balneologie und Kurortwissenschaft und die Dr.-Köhler-Park-Klinik arbeiten im Rahmen eines regionalen Projektes dabei Hand in Hand. Codex flores hat sich mit Betroffenen unterhalten. Am Gespräch beteiligt waren eine Musikerin aus der Region, die Bewegungstherapeutin Claudia Tippmer, der Arzt Thomas Brockow und der für Koordination und Qualitätsmanagement zuständige Volker Stöckmann.
Codex flores: Eigentlich stehen eher die Jazz- und Rockmusiker im Ruf, ihrer Gesundheit nicht Sorge zu tragen. Sie kokettieren ab und zu sogar gerne mit einem ruinösen Lebensstil. Aber auch klassische Musiker sind – oftmals ohne es zu wollen – grossen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Dennoch werden diese kaum thematisiert.
Volker Stöckmann: Unsere eigenen Erfahrungen zeigen das ebenfalls. So wollten wir ganz am Anfang des Projektes einmal einen Fragebogen zu solchen Fragen testen. Wir wollten ihn von Musikern eines Orchesters probeweise ausfüllen lassen, um zu sehen, ob die Fragestellungen aussagekräftig sind.
Wir hatten uns unbefangen über den Orchesterleiter angemeldet. Der bereitete uns schon mal darauf vor, dass dies bei Musikern eine ganz sensible Problematik ist und dieser Weg bei anderen Orchestern in der Regel nicht funktionieren würde. Bei ihm gebe es aber diesbezüglich keine Probleme, weshalb er ganz einfach seine Musiker zu einem Termin mit uns in den Räumen des Orchesters einladen werde.
Als wir uns später am besagten Treffen vorstellten, war es anfangs mucksmäuschenstill, und es herrschte eine sehr zurückhaltende Atmosphäre. Die Musiker sagten, sie gäben zu dem Thema überhaupt keine Auskünfte; sie wüssten ja nicht, ob nicht vielleicht irgendwo ein Mikrophon versteckt sei. Einzig ein älterer Herr meinte, er gehe bald in Rente, da komme es nicht mehr darauf an. Mit den andern unterhielten wir uns halt an diesem Tag bloss allgemein, wobei festzustellen war, dass unsere Musiker an der Thematik höchst interessiert waren. Aber um die Problematik unbefangen besprechen zu können, musste noch einmal ein Termin auf «neutralem» Boden im Forschungsinstitut angesetzt werden.
Die Weblinks
Dr-Köhler-Park-Klinik:www.dr-koehler-parkklinik.de
Projekt Musicon Valley: http://www.musiconvalley.de
Bad Elster: http://www.badelster.de
Kontakt
Claudia Tippmer: pgastrocnemius@aol.com
volker.stoeckmann@gmail.com
thomas.brockow@fbk.sms.sachsen.de
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Musikerin: In der Orchesterlandschaft hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Durch Fusionen von Orchester und Theater sind zusätzliche Belastungen entstanden. Da gilt es, nach aussen hin zu zeigen, dass der Klang voller wird. Die Orchestergräben sind aber nur für ein Orchester ausgerichtet. Da sitzt man dann plötzlich beängstigend eng, nicht zu vergessen die extreme Lautstärkebelastung. Wenn man dann noch eine vierstündige Wagneroper spielen muss, muss man schon hart sein, um das durchstehen zu können. Hinzu kommen plötzlich die erweiterten Arbeitswege von gern fünfzig Kilometern zusätzlich.
Gerade bei Sinfoniekonzerten mit all den Proben ist das zeitraubend. Das bedeutet zwei Stunden im Auto, dann bis zu drei Stunden in der Probe sitzen. Wer nicht mithält, muss aussteigen. Durch den ständigen Wechsel der Probenorte sitzt man auch oft nicht optimal. Ein richtiger Orchesterstuhl, der sollte individuell verstellbar sein. Oft sind die aber nicht an allen Probenorten verfügbar. Für ein Weile steckt man Mängel in dieser Hinsicht noch weg und improvisiert halt ein wenig – zum Beispiel mit einem Keilkissen. Auf die Dauer ist das aber auch nicht die Lösung und körperliche Schäden bleiben dabei nicht aus.
Lernen denn angehende Musikerinnen und Musiker nicht, mit solchen Rahmenbedingungen vernünftig umzugehen?
Musikerin: In der Ausbildung mangelt es oft von Beginn weg an ausreichenden Hinweisen und Anleitungen wie man immer höher werdendem Leistungs- und Zeitdruck ausgleichend begegnen kann. Mir wurde nicht beigebracht, mit der wirklich optimalen Haltung und dem geringsten Kraftaufwand das Beste herauszuholen. Wenn man einige Berufsjahre hinter sich hat, beginnen dann je nach persönlicher Anfälligkeit halt die Schmerzen. Erst dann fängt man meistens an, sich mit dem Thema bewusst auseinander zu setzen. Doch oft ist es aber schon zu spät. Man schaut dann nur noch, dass man irgendwie ein Gleichgewicht zwischen Schmerzausgleich und Berufsanforderungen finden und halten kann.
Welche Möglichkeiten hat man denn heute, solche Probleme medizinisch anzugehen?
Musikerin: Beim Arzt, wird man in Regel nur allgemein behandelt. Speziell auf Musiker zugeschnittene Massnahmen fehlen. Als ich eine Kur beantragte, hiess es sogar, ich könnte die physiotherapeutischen Massnahmen ja in den spielfreien Zeiten absolvieren, das müsse genügen. Dass es darum ging, das Instrument mal aus der Hand zu legen und aus der nicht ganz einfachen Haltung herauszufinden, damit auch wirklich ein Heilungsprozess stattfinden kann, wurde nicht erkannt.
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Steine auf dem Weg zur Finanzierung
Wer bezahlt für die Behandlungen von Musikerkrankheiten?
Stöckmann: In einer anerkannten Klinik wie der Dr.-Köhler-Park-Klinik, die ein Zentrum für Naturheilkunde und unter anderem auch Lehrklinik für Ernährungsheilkunde ist, können Präventionsmassnahmen in der Regel dem Kostenträger belastet werden. In Deutschland ist das aus unsinnigen historischen Gründen aber zunächst einmal die Rentenversicherung, bei der ein behandelnder Arzt einen Antrag für eine Präventionsmassnahme oder ein Heilverfahren für einen Berufstätigen stellen muss.
Diese lehnt prinzipiell eher ab, respektive fängt erst an, darüber nachzudenken, wenn eine Frühverrentung droht und diese nun nicht mehr mit Präventions- sondern mit teureren Rehabilitationsmassnahmen noch zwei, drei Jahre hinausgeschoben werden kann. Die gesetzliche Krankenkasse wiederum darf für Berufstätige in Deutschland erst dann zahlen, wenn die Rentenversicherung abgelehnt hat. Aber bis dahin ist es meist ein nervenzehrender «Krieg», den die Betroffenen oft nicht bis zum Ende durchstehen. Natürlich steht es frei, als Privatgast selbst in die eigene Gesundheit zu investieren, wenn man es sich denn leisten will. Unsere Partnerklinik bietet hierfür beste Bedingungen und Konditionen, vor allem durch die Lage in eher preisgünstigeren neuen Bundesländern. Mit den von uns entwickelten Musiker-Präventionsmassnahmen setzen wir deshalb zusätzlich auf den Privatzahler.
Wo hört denn Prävention auf und wo beginnt die Rehabilitation?
Stöckmann: Man unterscheidet zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Von den letzteren zwei spricht man, wenn die Patienten schon Probleme haben. Da geht es darum, wie man diese gesundheitlichen Einschränkungen besser bewältigt. Primärprävention ist die allgemeine gesundheitliche Erziehung, zum Beispiel das morgendliche Zähneputzen. Prävention hat im allgemeinen leider einen schweren Stand, weil es schwierig ist, zu beweisen, dass sie hilft, also dass etwas nicht eintrifft, weil man ja rechtzeitig Vorkehrungen getroffen hat.
Können Sie das näher erläutern?
Thomas Brockow: Von Sekundärprävention spricht man zum Beispiel, wenn ein Musiker eine Blockierung der Halswirbelsäule hat und zur Vermeidung von degenerativen Veränderungen die Wirbelsäule stärkt. Wenn ein schon älterer Musiker bereits solche degenerativen Veränderungen zu beklagen hat und spezifische Massnahmen ergriffen werden müssen, dann fällt das unter Tertiärprävention, beziehungsweise Rehabilitation.
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(Bild: Codex flores) |
Wie lange sollten denn solche Präventionsmassnahmen dauern?
Stöckmann: Für die Musiker wären Präventionsmassnahmen über vier bis sechs Wochen sinnvoll. Praktisch ist das nach unserer Erfahrung aber nicht machbar, weil die Musiker nicht die Zeit hierfür haben.
Und wann sollte man als Musiker eine solche Massnahme ins Auge fassen?
Musikerin: Gesundheitsvorsorge müsste schon im Studium als wichtiges Hauptfach angeboten werden oder sogar schon in der Musikschule.
Claudia Tippmer: Wichtige Ansätze zur Prävention sollten schon ab dem Musikunterricht zu einem festen Bestandteil gehören. Eltern und Pädagogen können hier Weichen stellen. Die Auswahl des Instrumentes nach individueller Eignung und konstitutionellen Gegebenheiten, ergonomische Anpassungen auch aufgrund von Wachstumsschüben, eine gute ökonomische Haltung durch eine verbesserte Körperwahrnehmung sowie Vemeidung von Ermüdungserscheinungen durch effektive Pausengestaltung. Diese Elemente sind Teil einer solchen Präventionsmassnahme für Berufsmusiker. Es geht darum, die Musiker für ihren «harten» Alltag fit zu machen, ihnen «Handwerkszeug» mit auf den Weg zu geben, das sie überall, möglichst ohne fremde Hilfe und ohne Hilfsmittel nutzen können.
Auch Sport ist ein Reizthema
Sportliche Aktivitäten würden auch schon in diesem Alter sicher zum Ausgleich beisteuern.
Stöckmann: Viele Eltern von musizierenden Kindern haben da leider Bedenken. Die packen den Nachwuchs in Watte, aus Angst vor Verletzungen, die eine Karriere frühzeitig beenden könnten. Die Prävention muss eigentlich schon bei diesem falschem Verhalten im Kindesalter ansetzen.
Tippmer: Das Wort «Sport» ist bei den Musikern eher tabu. Man spricht besser von «Bewegung». Früher durften sich musisch begabte Kinder aus Angst vor Verletzungen nicht austoben. Einem musizierenden Kind genügt das «Ausleben dürfen» seines natürlichen Bewegungsdrangs – das Austoben -, ohne Absolvierung gezielter gymnastischer Übungen. Ein Musiker benötigt ein regelmässiges Konditionstraining, das den nötigen Ausgleich zu seiner einseitigen körperlichen Belastung schafft. Allein um den Anforderungen des Alltages gerecht zu werden, müssen vor allem Bauch- und Rückenmuskulatur für Haltearbeit und Bewegung trainiert werden. Die vielfältigen Bewegungen des Musikers während des Musizierens erfordern ein differenziertes Zusammenspiel dieser Muskulatur. Eine richtige, ökonomische Körperhaltung ermöglicht eine dynamische und ökonomische Technik, mit dem geringstmöglichen Kraftaufwand, egal welches Instrument gespielt wird.
Die Muskulatur muss so trainiert werden, dass man die Leichtigkeit entwickeln kann, die am Instrument in Technik umgesetzt wird. Wenn man schon nicht gut sitzt und die Muskulatur, die eigentlich für die Bewegungsarbeit da ist, Arbeit leisten muss, dann kommt halt der Krampf.
Wenn bei einer solchen Einstellung das Längenwachstum einsetzt und die Muskulatur nicht nachkommt, weil man sie mit ausgleichender Bewegung nicht trainiert, dann sind Schäden vorprogrammiert. Die machen sich dann aber halt nicht so schnell bemerkbar. Studien haben gezeigt, dass acht bis zwanzig Jahre vergehen können, bevor in der Folge Schmerzen auftreten.
Bieten Sie auch spezifische Rehabilitationsprogramme an?
Brockow: Zur Zeit bieten wir keine spezifische Rehabilitation für Berufsmusiker an. Das war ursprünglich einmal geplant, jetzt setzen wir verstärkt auf Präventionsmassnahmen und Selbstbefähigung der Musiker, weil die Erfolgsaussichten besser sind und es den Musikern leichter fällt, sich für drei bis zehn Tage für so einen Lehrgang frei zu nehmen.
Stöckmann: Es gab hier in Bad Elster Mitte der neunziger Jahre eine spezifische Rehabilitation für Musiker, und zwar an der Vogtlandklinik. Man hat sie dort aus wirtschaftlichen Gründen nicht weiter verfolgen können. Man war nicht in der Lage, genügend Musiker herzuholen und die gesetzlichen Krankenkassen als dauerhaften Partner zu gewinnen, um die Rentabilität des Angebotes zu sichern.
| Claudia Tippmer: «Früher durften Kinder aus Angst vor Verletzungen gar nichts machen. Bei einer solchen Einstellung sind Schäden vorprogrammiert.» (Bild: Codex flores) |
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Wie steht es mit dem Nützlichkeitsnachweis? Man könnte sich vorstellen, dass Musiker zum Ausgleich auch gerne eher ganzheitliche Angebote nutzen würden, die in ihrer Nützlichkeit nicht überprüft werden können. Die Kostenträger wollen aber sicher einen knallharten Nützlichkeitsnachweis.
Stöckmann: Wir hatten im Rahmen unseres Projektes untersucht, was für Musiker besonders geeignet ist, und haben dann mit den Medizinern und den Therapeuten hier in der Klinik Konzepte entwickelt, wie man Musiker optimal behandeln kann. Der ganzheitliche Ansatz ist ideal geeignet. Es reicht eben nicht, wenn ich nur eine Stelle massiere, die weh tut, ich muss den Menschen insgesamt aufbauen und stabilisieren. In dem Rahmen hat sich unter Musikern auch die Alexander-Technik bewährt, die wir – falls gewünscht – ebenfalls anbieten. Damit werden die Musiker befähigt, ein stabiles Fundament aufzubauen, was den Bewegungsapparat anbelangt, und das gut zu steuern. Wir betonen auch die ganzheitliche Bewegung.
In welchem Mass wird denn auch psychologisch mit den Leuten gearbeitet?
Stöckmann: Der Tagesablauf beginnt hier zum Beispiel mit gemeinsamem Wassertreten, das heisst auf Wunsch mit Kneippschen Prinzipien. Im Aussengelände der Klinik schlängelt sich ein Bach, den man in einem Tretbecken durchwaten kann, oder man übt sich im Taulaufen über die Wiese und anderen Möglichkeiten eines morgendlichen Bewegungsprogrammes. Das macht in der Gruppe mehr Spass und ist etwas, was die Leute auch in psychologischer Balance nach oben holt. Es gibt aber auch direkte therapeutische Betreuung gezielt mit einzelnen Patienten, als psychologische oder psychotherapeutische Einzelgespräche, etwa zum Thema Angst beziehungsweise zu Stressbewältigung oder Bühnenangst.
Sie haben im Rahmen des Projektes auch die Chance, mit Instrumentenbauern der Region zusammenzuarbeiten.
Stöckmann: Wir haben Kontakt zu sogenannten Teilemachern, die zum Beispiel Kinnhalter für Streichinstrumente fertigen. Die haben auch schon vorgefertigte Modelle, die man probieren kann. Die Handwerker sind gerne für uns da, die Instrumentenbauerstadt Markneukirchen ist gerade mal zehn Kilometer entfernt.
Schwierige Rahmenbedingungen für die Forschung
Wird in Bad Elster auch Forschung betrieben?
Brockow: Das ist ein heikles Thema. Die Musikermedizin ist wie die ganze Physikalische Medizin an den deutschen Universitäten deutlich unterrepräsentiert. Wir haben für die Musikermedizin zwei Lehrstühle, für die Physikalische Medizin drei. Daran sieht man, wie schwierig es ist, auf diesem Gebiet Forschungen durchzuführen.
Stöckmann: Wir haben in den letzten Jahren mehrere Studien gemacht, im Zusammenhang auch mit dieser Klinik und wir haben auch mit neuen Geräten zur Haltungskorrelation gearbeitet, zum Beispiel mit dem sogenannten «Spacecurl». Das ist ein Balancegerät, in dem man sich fast schwerefrei bewegen kann. Jede Dysbalance wird da sofort erkenntlich und die therapeutischen Erfolge sind sehr beeindruckend.
Brockow: Es geht bei dem Gerät um die Stimulation der tiefen autochthonen Rückenmuskulatur, die durch die normalen Bewegungen im Alltag nicht mehr gezielt erreicht werden kann. Wir führen hier allerdings keine muskelphysiologischen Studien durch. Klinische Studien waren geplant, sind aber im Moment aus organisatorischen Gründen noch nicht möglich. Wir können zur Zeit auch das Präventionsprogramm, das in der Entwicklung ist, nicht klinisch testen. Für eine wissenschaftlich anerkannte Präventionsstudie braucht es fünf- bis sechshundert Probanden und die kriegt man hier nicht zusammen. Bestehende Studien beruhen leider alle auf ganz kleinen Fallzahlen. Damit können Sie überhaupt keine klinische Wirksamkeit nachweisen. In der Musikermedizin ist mit fünfzig bis hundert Patienten leider nichts belegbar, was den heutigen hohen wissenschaftlichen Anforderungen genügen würde.
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(Bild: Codex flores) |
Die Motivation, das zu ändern, dürfte auch relativ klein sein. Der Ausfall von Musikern ist kein ökonomisches Problem.
Stöckmann: Das ist eine vordergründige Denkweise. Es ist so, dass ein Grossteil der Musiker nicht normal in den Ruhestand geht, sondern an die fünfzig Prozent werden berufsunfähig. Das ist die eine Kostenfalle für die Zukunft. Das andere sind die ständigen Behandlungkosten, die Einschränkungen von Lebensqualität und der anhaltende Gebrauch von Medikamenten und das über viele Jahre hinweg.
Weshalb muss es denn so weit kommen?
Musikerin: Wenn man als Orchestermitglied zur Kur geht, dann müssen die Kollegen die Arbeit übernehmen. Da hat man dann schon das Gefühl, sich etwas herauszunehmen, was eigentlich alle nötig hätten. Es hat ja jeder mehr oder weniger ähnliche Probleme.
Stöckmann: Die Lösung wäre dann doch, ein ganzes Orchester mal zur Kur zu schicken, das sich auch zutraut, sich gemeinschaftlich um seine Gesundheit zu kümmern. Da waren wir schon nah dran. Es handelte sich um ein Ensemble, das wegen des hohen Krankenstandes teilweise keine Auftritte mehr absolvieren konnte. Da entschlossen sich Orchesterleitung und Musikergewerkschaft gemeinsam zum aktiven Gegensteuern.
Viele Orchestermusiker wollen privat häufig gar nicht viel miteinander zu tun haben.
Stöckmann: Und die Familien erheben Anspruch, gerade in der spielfreien Zeit. Deshalb sind Kuren über vier bis sechs Wochen leider weniger realistisch. Aus diesem Grund haben wir uns jetzt auch auf Veranstaltungen von drei bis maximal zehn Tage konzentriert. Drei Tage mit An- und Abreise reichen erfahrungsgemäss als «Schnupperauftakt» für den noch Unentschlossenen, nach dem dann mit einem Folgekurs weiter aufgebaut werden sollte. Fünf Tage scheinen dafür aus der Sicht der Musiker in Deutschland gerade noch zeitlich machbar. Im Laufe der Spielzeit also immer mal wieder einige Tage aussetzen und für die Gesundheit üben, das ist unsere Empfehlung. Gern laden wir hierzu natürlich auch die Schweizer Musiker nach Sachsen ein. Im übrigen interessiert es uns brennend, wie die Situation der Musiker in der Schweiz ist.
Tippmer: In dem Angebot des Drei-Tages-Seminares werden gezielt Möglichkeiten aufgezeigt, wie der Musiker seinen Alltag gut bewältigen kann. Er bekommt Einblicke in verschiedene Therapiemöglichkeiten sowie ein Programm mit gezielten Ausgleichsbewegungen mit auf den Weg für die ganz persönliche Umsetzung. Diese Massnahme sollte jedoch nicht die sehr sinnvolle Chance ersetzen, einmal eine richtige Auszeit zu nehmen, um sich intensiv der eigenen Gesundheit zu widmen. So bietet die Dr.-Köhler-Park-Klinik Bad Elster in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für Balneologie und Kurortwissenschaft und dem Projekt Pro Gesundheit für den Musiker mit ihrem ganzheitlichen Therapieansatz optimale Möglichkeiten für Entspannung, Regeneration und Körperwahrnehmung im Rahmen einer auch mehrwöchigen Kur. Diese kann individuell geplant werden. Kommen Musiker allein im Rahmen einer kassenfinanzierten Kur – einer Präventionsmassnahme, Heilverfahren oder Reha – dürfen sie sich über eine intensive Betreuung freuen. Da dies öfter der Fall ist, sind übrigens zwei Räume als Übungsräume für Musiker ausgewiesen.



