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Kunst ist auch ein Forschungsprojekt

12.09.2006

Transdisziplinäre Projekte sind ein wichtiges Anliegen des zeitgenössischen Kunstschaffens. Allerdings ergeben sie sich in der Regel nicht von selber, sonden müssen explizit angeregt und organisiert werden. Dieser Einsicht verdankt sich die Gründung des transdisziplinären Instituts Y an der Hochschule der Künste Bern.

Codex flores: Sie sind an der Hochschule der Künste Bern, einem Departement der Berner Fachochschule, Leiter des transdisziplinären Instituts Y. Können Sie erklären, welche Idee hinter der Abteilung mit dem kryptischen Buchstaben steckt?
Florian Dombois: Mit der Fusion der Hochschule für Musik und Theater und der Hochschule für Kunst ist das Institut speziell für den Austausch zwischen den Disziplinen geschaffen worden – mit drei Aufgaben: Es organisiert zum ersten Lehrveranstaltungen, in denen sich Studierende aller Gebiete treffen, also der Musik, des Theaters, der bildenden Künste und der Konservierung. Ein zweites Feld ist das sogenannte Y-Studium: Künstlerische Persönlichkeiten, die sich in Medien ausdrücken, für die kein eigenes Studium existiert – zum Beispiel Video-Jockeys -, können da ihren individuellen Weg gehen. Mit ihnen wird vor jedem Semester neu ausgehandelt, welche Kurse jeweils zu besuchen sind. Dabei sind Kombinationen wie elektronische Gehörbildung, Harmonielehre, Kompositionsunterricht, Videounterricht, Videoschnitt und ein Mentorat in der bildenden Kunst oder ähnliches möglich. Den Status von Y-Studierenden haben pro Semester nur wenige, bisher waren es ein bis drei Absolventen. Ihre Betreuung ist recht aufwendig.

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Die Weblinks

Institut für Transdisziplinarität der HKB:
www.hkb.bfh.ch/y.html

In der Kunsthalle Bern findet zur Zeit die Ausstellung
«Pre-Emptive», unter anderem mit Werken
von Florian Dombois, statt:
www.kunsthalle-bern.ch

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Und der dritte Bereich?
Der dritte Bereich betrifft die Idee von «Kunst als Forschung», wie ich das nenne. Meines Erachtens ist die Idee des Forschens ein Ansatz, unter dem man die Künste gut zusammendenken kann.

Gibt es Vergleichbares an andern deutschsprachigen Hochschulen?
Es gibt da und dort die Idee des Studium Generale, das nennt sich dann «Forum» oder so ähnlich. Da wird meist versucht, Theorie und Praxis in Verbindung zu bringen. Kunst und Wissenschaft werden aber eher selten verbunden. In Berlin gibt es eine Universität der Künste, in der sich die Fachgebiete wegen der Grösse des Betriebes allerdings, so weit ich weiss, nur wenig austauschen. Bern hat als erste Schweizer Stadt die künstlerischen Fachhochschulen 2003 zusammengeführt. Zürich wird nächstes Jahr folgen. Gerade weil Bern schon ziemlich weit entwickelt und auch weil es klein ist, hat es meines Erachtens eine gute Chance. Wir kennen uns alle untereinander so gut, dass die Wege sehr kurz sind.

Birgt eine solche familiäre Atmosphäre nicht auch die Gefahr des Klientelismus in sich?
Klar gibt es diese Gefahr. Es braucht aber auch Leute, die sich engagieren und zusammenarbeiten wollen. Die kooperative Stimmung, die in Bern herrscht, erlebe ich als einzigartig.

Es fragt sich einfach, ob man dann von aussen neues reinlässt oder ob man sich abschottet.
Es weht immer wieder frischer Wind durch das Haus: In der Forschung haben wir ein relativ starkes Wachstum. Zudem stehen bereits wieder neue Umstrukturierungen an. Der Studiengang der visuellen Kommunikation bekommt eine neue Leitung, wir haben das schweizweit ausstrahlende Literaturinstitut neu gegründet, das ab diesem Herbst einen Studiengang in kreativem Schreiben anbietet. Demnächst werden das Theater und die Oper fusioniert. Da ist schon einiges in Bewegung.

Wie ist das Verhältnis von Fachhochschule und Universität?
In Sachen Musik- und Theaterwissenschaft haben wir ein Generalabkommen mit der Universität Bern. Unsere Studierenden können dort Veranstaltungen besuchen. Im bildnerischen Gestalten zum Beispiel wird sogar die Hälfte des Studiums an der Universität absolviert. Und ab diesem Herbst werden Studierende der Universität auch im Y-Institut Vorlesungen und Projekte besuchen. Die Zusammenarbeit ist eigentlich sehr gut.

Sie sind ein gebürtiger Berliner und haben auch in der deutschen Hauptstadt studiert. Wie erleben sie das akademische Klima in der Schweiz?
Im Hinblick auf die Kunstausbildung gibt es einen fundamentalen Unterschied: In Deutschland wird überwiegend ein Meister-Schüler-Modell im Geiste des 19. Jahrhunderts praktiziert. Da gibt es die international bekannten Professoren als die grossen Überflieger. In der Schweiz achtet man nicht so sehr auf Berühmtheit, sondern eher darauf, ob ein Lehrender mit den Studierenden gut arbeiten kann, und ob er oder sie interessante Positionen vertritt. Man hat hier oft auch mehrere Dozierende. Wenn ich Kunst studieren würde, würde ich das eher in der Schweiz tun.

Deutschland bietet aber sicher mehr Möglichkeiten.
In Deutschland hängt die Präsenz eines Professors auch von dessen Goodwill ab, während in der Schweiz klar festgelegt ist, wie oft ein Dozierender für seine Studierenden präsent sein muss. Zudem sind die Infrastrukturen in der Schweiz im Vergleich zu Deutschland hervorragend.

Die Idee von «Kunst als Forschung»

Sie haben den dritten Bereich des Y-Instituts, die Kunst als Forschung, erwähnt. Können Sie dazu mehr sagen?
Die Schweizer bringen der Kunst als Forschung viel Verständnis entgegen. Es ist eine grosse Chance, dass hierzulande so etwas wie künstlerische Forschung überhaupt zugelassen wird. Da arbeiten wir unter anderem auch direkt mit der Universität zusammen. Wir haben Projekte mit der ETH Zürich und dem Schweizer Erdbebendienst, aber auch mit der Psychiatrischen Universitätsklinik.

Mit der Psychiatrie?
Wir arbeiten in Sachen akustischer Umsetzung – sogenannten Sonifikationen – von EEG-Messungen zusammen und schauen, ob über eine Verklanglichung der Daten Strukturen in den Gehirnströmen erkennbar werden, die bisher übersehen wurden. Das Projekt nennt sich «Denkgeräusche» und versucht, die akustische Metapher für das Denken fruchtbar zu machen. Es gibt ein paar wenige Gruppen weltweit, die ebenfalls diese Art Daten sonifizieren und mit denen wir zusammenarbeiten, aber im Gros der EEG-Forschung ist das absolut nicht üblich. Auf jeden Fall ist die akustische Erfahrung der Daten eine grundsätzlich andere als die visuelle. Es werden andere Aspekte deutlich als in der Visualisierung.

Und so etwas funktioniert?
Wir haben in EEG zum Beispiel harmonische Klänge entdeckt und festgestellt, dass eine Person, die Blitzlichtern ausgesetzt wird, im Gehirn Reaktionen in den gleichen Frequenzen wie die Blitzlichtfolgen zeigt. Wenn wir solche Abfolgen mit einer Frequenz von zehn, zwanzig und vierzig Hertz präsentieren, dann hört man auch im EEG Oktaven. Im Wellenbild werden solche Phänomene übersehen.

«Die Wissenschaften haben sich in der Art und Weise, wie sie Wissen formulieren, extrem beschränkt.»

Wie muss man derartige Beobachtungen einschätzen?
Jede Erkenntnis – davon gehe ich immer aus – hängt von der Art und Weise ab, wie sie formuliert wird. Die Wissenschaften haben sich in der Art und Weise, wie sie Wissen formulieren, nun extrem beschränkt. Besonders in den Naturwissenschaften ist die Präsentation von Forschungsergebnissen extrem kodifiziert. Ein wissenschaftlicher Artikel ist vom Schriftsatz bis zur Buchstabengrösse genau festgelegt, und es gibt bloss eine bestimmte, genau definierte Klasse von Bildern, die als Argumente beigezogen werden dürfen.

Normierung ist eine unerlässliche Voraussetzung für einen intersubjektiven Dialog.
Natürlich. Dennoch bin ich der Meinung, dass sich Wissen auch in andern Medien formuliert oder sich manches gar nur dort formulieren lässt, und dass diese anderen Medien einzigartige Erkenntnisse ermöglichen. Klänge, Bildern, sogar dreidimensionale Objekte können Wissensträger sein. Das sind Mittel, mit denen in der normalen Wissenschaft nicht oder nur im Durchgangsstadium gearbeitet wird. Ich glaube zwar nicht, dass man jedes Kunstwerk als Forschung bezeichnen kann. Viele Künstler verstehen sich aber als Forschende und setzen sich mit etwas auseinander, das sie darstellen wollen. Nehmen wir als Beispiel ein gemaltes Porträt. Was ist das eigentlich? Es ist ein Versuch, den Charakter eines Menschen auf den Punkt zu bringen. Das ist.auch eine Form der Untersuchung, denn ein gutes Porträt zeigt nicht nur die Oberfläche eines Menschen, wie man sie sieht, sondern auch dessen Inneres.

In der Regel sagt ein Bild mehr über den Künstler aus, der es gemalt hat, als über das Motiv.
Aber nicht nur, oder? Ausserdem, die Zeichnung wirkt zurück. Jede Erkenntnisformulierung ist auch eine Setzung – das ist mir wichtig -, die selbst wieder zum Spielball in der Welt wird. In dem Moment ist natürlich auch die Persönlichkeit des Künstlers da drin. Interessanterweise hat man in der Wissenschaftstheorie übrigens genau diese Aspekte in den letzten Jahren ebenfalls verstärkt freigelegt. Auch wissenschaftliche Texte sind von ihren Autoren oder von den Epochen geprägt, in denen sie verfasst werden. Geschichtsschreibung ist das schönste Beispiel: Jede Geschichtsschreibung schreibt ihren eigenen Entwurf in die Vergangenheit hinein. Sprich: Es gibt so etwas wie Stilepochen der Erkenntnis, so wie es Stilepochen der Künste gibt.

Erkenntnis ist relativ?
Reine Objektivität ist für mich eine Illusion. Es gilt deshalb, den richtigen Umgang mit der Subjektivität zu finden. Da finde ich die Kunst interessant, weil sie eine Form entwickelt hat, diese Subjektivität zu zeigen und gleichzeitig zu destruieren. Es findet in der Kunst so eine Art Selbstaufhebung statt, die man mitlesen kann, wenn man die künstlerische Arbeit anschaut. Ich finde, so ähnlich müssten die Wissenschaftler ihre Arbeiten auch lesbar halten.

Erdebeben als Paradigma differenzierter Betrachtung

Sie haben diese umfassenderen Formen der Beschreibung in Ihrer Dissertation am Phänomen Erdbeben durchgespielt.
Ich habe eine Faszination für diese tektonische Aktivität und die ständige Bewegung, in der sich die Erde befindet. Ich bin auch von den Messgeräten fasziniert, mit denen das wahrgenommen wird.

Woher kommt diese Faszination?
Kann man Faszinationen herleiten? Nein, im Ernst: Mich bewegt halt, dass etwas, was scheinbar ruht, ständig in Bewegung ist, dass etwas scheinbar Unverrückbares eben gerade instabil ist. Ich habe auch eine grosse Faszination für die Geomorphologie, also die Art, wie Landschaften geformt sind. Das hat mit Gesteinsmaterialien, aber auch mit der tektonischen Bewegung zu tun, mit der Auftürmung von Gebirgen, mit Abtragungsprozessen und so weiter. Die Auslöser für diese Faszination verflüchtigen sich, wenn ich mich mit wissenschaftlichen Artikeln zur Geophysik beschäftige. Im wissenschaftlichen Artikel wird der Untersuchungsgegenstand völlig reduziert. Deswegen habe ich angefangen, mich mit andern Medien, mit andern Ausdrucksformen für diese Phänome auseinanderzusetzen.

Die Erweiterung der Methoden kann uns subjektiv helfen, ein besseres Verhältnis zu einer Erfahrung zu bekommen. Man bleibt im wissenschaftlichen Prozess damit aber in einem vortheoretischen Stadium. Solche «Bilder» können uns helfen, eine bessere intuitive Vorstellung eines Sachverhaltes zu haben, um schliesslich eine griffigere Theorie entwickeln zu können. Aber auf diese kommt es letztlich an.
Man muss mit Blick auf eine solche Unterscheidung Vorsicht walten lassen. Natürlich behandeln Wissenschaft und Forschung ein Wissen, das sich vermitteln lässt. Wenn ich bloss für mich Erkenntnisse gewinne und diese nicht transportieren kann, dann sind sie für die Forschung irrelevant. Das heisst aber nicht, dass die wissenschaftliche Forschung nicht ohne die persönliche sinnliche Erfahrung auskommt.

Inwiefern?
Es braucht ein grosses Training, um zum Beispiel eine wissenschaftliche Grafik lesen und ihre Plausibilität beurteilen zu können. Das ist Übungssache. Und: Die Erfahrung muss jeder Einzelne trotzdem noch selber machen. Weil wir die Dinge gerne in subjektive und objektive trennen und nur die objektiven verhandeln wollen, kehren wir unter den Tisch, dass es in den Wissenschaften einen natürlichen Erfahrungshorizont gibt.

«Klänge können genausogut reproduzierbare Erfahrungen und damit Argumente wiedergeben wie Grafiken.»

Es gibt das klare Kriterium des reproduzierbaren Experimentes als Kriterium von Wissenschaftlichkeit.
Und was spricht hier dagegen, etwa mit Klängen zu arbeiten? Als ich vor zehn Jahren angefangen habe, mich mit Sonifikation zu beschäftigen, haben mir viele Kollegen aus der Seismologie vorgeworfen, den Boden der Objektivität zu verlassen. Ich brauche natürlich auch in der Sonifikation Beispiele, die so deutlich unterscheidbar sind, dass jeder andere mir zustimmt. Aber Klänge können genausogut reproduzierbare Erfahrungen und damit Argumente wiedergeben wie Grafiken.

Das Ideal bleiben also eindeutige und intersubjektiv nachvollziehbare Erfahrungen.
Es gibt Dinge, die sind schwieriger anzuzweifeln als andere, aber selbst in der harten Disziplin der Physik gibt es viele Fälle, in denen die Befunde nicht immer eindeutig sind. Und so geht das graduell weiter runter, und es gibt vermutlich Beispiele, wo wissenschaftliche Resultate mehr zur Ansichtssache werden als die Bedeutung von Kunstwerken. Es gibt Arbeiten in der Kunst, wo man sich wirklich einig ist, dass sie eine extrem wichtige Einsicht verkörpern. Und dann gibt es Fälle, wo es sich immer mehr verwischt. Ich glaube, dass man diese Idee von Objektivität versus Subjektivität ein bisschen beiseite schieben und sich daran nicht allzusehr festbeissen sollte.

Unterschätzen sie die Wissenschaftler nicht, wenn Sie ihnen eine allzu eingeschränkte Sprache attestieren? Die Wissenschaftstheoretiker würden mit guten Gründen sagen, das persönliche Vorstellungsvermögen sei für die Wissenschaft irrelevant.
Da haben sie sicher recht, man darf nicht zu sehr pauschalisieren. Aber die Aufmerksamkeit für die Form der Darstellung ist in der Praxis in den Naturwissenschaften in der Regel sehr niedrig. In den Geisteswissenschaften ist sie schon höher. In den Künsten ist sie noch höher. Ich finde, den Anspruch, den die Künste an die Darstellungsformen haben, sollten sich die Wissenschaftler auch zu eigen machen. Eben weil die Darstellungsform meines Erachtens in die Welt zurück wirkt.

Da springen die Künstler in die Lücke?
Naja, Lückenbüsser würde ich nicht sagen. Eher: Kein Symbolsystem kann die ganze Welt erklären. Mich interessiert deshalb, wie eine Konkurrenz der Symbolsysteme installiert werden kann. Da spielen die Künste die entscheidende Rolle, unter anderem, weil viele Symbolsysteme heute nur noch durch sie behandelt werden und gar nicht mehr durch die Wissenschaft. Und, wenn ich das hier noch loswerden darf: Für mich ist die Wissenschaft wie eine ungezogene Tochter der Kunst. Von Lückenbüsserei kann also nicht die Rede sein. Eher von Ermahnung…

Wie sehen Sie die Zukunft des Y-Instituts?
Er wird hoffentlich weiter wachsen. Der Austausch und die Formate bewähren sich. Die Bewerbungen für das Y-Studium sind bis jetzt von Internen gekommen, inzwischen haben wir auch Anfragen von Externen. Ich hoffe, es spricht sich noch mehr herum, dass man hier eine ziemlich einmalige Gelegenheit für eine transdisziplinäre Ausbildung geboten bekommt.

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