11.06.2008
Der Schweizer Komponist David Philip Hefti hat am 29. Mai 2008 auf Einladung der Pro Helvetia zur Verleihung der diesjährigen Kompositionsaufträge eine Ansprache gehalten. Dabei hat er über seine eigenen Erfahrungen als Empfänger eines Kompositionsauftrages 2007 berichtet und sich zudem zur aktuellen kulturpolitischen Debatte geäussert.
Die Rede ist nach Heftis eigenen Worten «ein Plädoyer für die Kunst im Allgemeinen – unter besonderer Berücksichtigung der bevorstehenden Budgetkürzungen der Pro Helvetia durch den Bund». Fällt – wie im gegenwärtigen Entwurf des Kulturförderungsgesetzes vorgesehen – die Werkförderung durch den Bund weg, ist dies nach seiner Überzeugung für den Schweizer Kulturbetrieb fatal.
Wir veröffentlichen Heftis Rede als Gastbeitrag zur laufenden Diskussion um das geplante Kulturförderungsgesetz. Die Zwischentitel und einige Absätze sind in dieser schriftlichen Form von Codex flores gesetzt worden.
Zur Bedeutung der
Pro-Helvetia-Kompositionsaufträge
von David Philip Hefti*
Meine sehr verehrten Damen und Herren
Liebe Kolleginnen und Kollegen
In den folgenden Minuten möchte ich Ihnen Einblicke in meine persönlichen Erfahrungen bezüglich eines Pro-Helvetia-Kompositionsauftrages geben, die ich mit Anmerkungen zur aktuellen Kulturdebatte ergänzen werde.
Vor etwa einem Monat fand die Uraufführung meines Violinkonzertes statt. Ebenso eine Live-Aufnahme des Konzertes für DRS2 sowie eine CD-Produktion der genannten Komposition für ein deutsches Label. Ein Kompositionsauftrag der Pro Helvetia machte es möglich, Synergien für ein weitherum beachtetes Projekt zu nutzen, auf die ich heute eingehen möchte: Schon lange beschäftigte mich der Gedanke, für Rahel Cunz eine Komposition für Violine und Ensemble zu schreiben, in der die Violine zwischen solistischem Auftreten und kammermusikalischer Gleichberechtigung hin- und herwechseln muss.
Als mich dann das Winterthurer Ensemble Theater am Gleis für eine Neukomposition anfragte, schien der Moment gekommen, meine Gedanken in Notenschrift festzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt war das Projekt insofern fertig ausgearbeitet, als sowohl der Dirigent, Jac van Steen, als auch das weitere Konzertprogramm, grösstenteils Werke von Anton Webern, bereits feststanden. Das Zusammentreffen von der ersten Idee zu einer Neukomposition mit der Begeisterung der beteiligten Musiker führte zur Initialzündung eines interessanten Projektes.
Die innovative Kraft kleiner Ensembles und Festivals
Wahre Innovation – und zwar in Bezug auf Kreation, Produktion und Diffusion – findet meist im Wirkungskreis kleiner Ensembles und Festivals statt, die sich mit Idealismus und Herzblut der zeitgenössischen Musik verschreiben. Losgelöst von Äusserlichkeiten wie lokalem Publikumsinteresse oder finanziellem Erfolg einer Produktion, gehen diese Formationen konsequent ihren Weg und geben so den grossen Kulturbetrieben nicht selten Denkanstösse, die von ebendiesen einige Zeit später nicht selten aufgenommen werden. Was also lokal gesät wird, kann im Idealfall europa- oder gar weltweit geerntet werden. Solche Erfolge fallen dann auf die etablierten Kulturhäuser zurück und kaum auf den Ausgangspunkt, das kreative Umfeld der kleinen Ensembles.
Hiermit bin ich wieder bei meinem persönlichen Beispiel gelandet, das durchaus exemplarisch für andere Projekte stehen kann. Zur pekuniären Entlastung einer ganzen Produktion, von der das Autorengehalt nur einen Teil ausmacht, gesellt sich ein weiterer und ungleich essenziellerer Aspekt eines Werkbeitrages der Pro Helvetia hinzu: Kompositionsaufträge sind Gütesiegel! Abgesehen davon, dass es eine hohe Auszeichnung ist, als Komponist mit einer solchen Ehre bedacht zu werden, vereinfacht es den Aufwand der Produktionsverantwortlichen massiv, ihre Budgets zu erfüllen, da sowohl Städte, Gemeinden und Kantone als auch Stiftungen und private Geldgeber schnell und meist positiv auf Unterstützungsbegehren reagieren, die bereits von den Fachgremien der Pro Helvetia begutachtet wurden.
Werkförderung, Drittmittel und Medienarbeit
Die hohe Fachkompetenz der Pro Helvetia kann also bei der Vergabe weiterer Mittel durch Dritte eine entscheidende Rolle spielen. Auch das mediale Interesse an Projekten, die von der Pro Helvetia gefördert werden, ist oftmals gross, was in der heutigen Zeit, in der man der Kunst in den Medien immer weniger Platz einräumt, von entscheidender Bedeutung ist. Neben den Printmedien sind Radiostationen, die Konzerte live mitschneiden und so einem breiten Publikum den Zugang zu neuester Musik ermöglichen, von hoher Wichtigkeit.
Damit befinden wir uns bereits auf dem politischen Parkett. In der aktuellen Debatte zu den Entwürfen von Kulturförderungs- und Pro Helvetia-Gesetz, weht sowohl den Künstlern als auch den kulturfördernden Institutionen ein eisiger Wind entgegen. Lauscht man den hitzigen Diskussionen oder gibt man sich der Lektüre der parlamentarischen Ratsprotokolle hin, fallen immer wieder haarsträubende Argumente auf, meist finanzieller Provenienz und vornehmlich aus einem politischen Lager.
Kontinuierliche Ausdehnung des Kulturbegriffs
Zudem werden ganze Begriffsfelder um das Wort Kultur kreiert, wie «Kultur schaffen», «Kultur vermitteln», «Volkskultur», «Kulturpessimismus», «Kulturkritik», «Kulturskandal», «Kulturschock», «Sprachkultur», «Kulturbetrieb» und so weiter. Es ist schon erstaunlich, was man heute alles unter dem Begriff der Kultur subsumieren kann. Offenbar geht es darum, den Kulturbegriff so weit als möglich zu dehnen, dass sogar Massenevents als Kultur gelten, und nicht mehr darum, ob wir als Individuen überhaupt Kultur haben.
Vom lateinischen cultura abgeleitet, wandelte sich der Begriff der Kultur von der Pflege des Ackers hin zur Pflege des Geistes. So kann «Kultur haben» als Fähigkeit zur Selbstreflexion oder als Zulassen von Empfindungen verstanden werden. «Kultur haben» kann auch das weite Feld der individuellen sozialen Fähigkeiten oder die Breite des eigenen geistigen Horizontes bezeichnen. Bereits in der Antike wurde der Aspekt der kulturellen Identität, d.h. die Übernahme von Normen und Werten einer Kultur, mit der Vorstellung einer Bildung der Seele durch die Philosophie verbunden.
Kultur findet also in unserem Innern oder zwischen zwei Menschen statt und darf keinesfalls zu einem im Zeitgeist stehenden, zum trendig erklärten Requisit verkommen. Gelehrte, Forscher und Künstler geben uns in hohem Masse die Möglichkeit, sofern wir dazu bereit sind, unser inneres Feuer zu entzünden, um ein reichhaltiges – oder eben: kultiviertes – Leben zu führen. Erst durch die eigene ständige Auseinandersetzung mit der Kunst erarbeiten wir uns einen immer grösseren Bildungsfundus, was freilich ein niemals endender Prozess ist. Deshalb dürfen wir es nicht zulassen, dass in den Bereichen Bildung, Forschung und Kunst gespart wird, denn sie sind sowohl Rohstoffe als auch Fundament unserer Gesellschaft und somit nicht nur von «gesamtschweizerischem Interesse», wie es im Entwurf zum Kulturförderungsgesetz als Bedingung für unterstützungswürdige Kunst heisst, sondern gar von übergeordnetem gesellschaftlichem Interesse.
Kulturvermittlung nicht gegen Werkförderung ausspielen
Nun möchte ich wieder konkret werden und den Kreis zu den Pro-Helvetia-Kompositionsaufträgen schliessen. Sollte das Kulturförderungsgesetz im aktuellen Entwurfsstadium angenommen werden, wäre es eine Tatsache, dass die Mittel, die die Pro Helvetia bisher zur Vergabe von Werkbeiträgen zur Verfügung hatte, in ein Gefäss für Kulturvermittlung fliessen würden.
Auf den Punkt gebracht hiesse das, es gäbe keine Pro-Helvetia-Kompositionsaufträge mehr. Das Zauberwort heute heisst ja «Kulturvermittlung», was insofern problematisch ist, als es ein Gefälle zwischen kulturschwangerem und zu kultivierendem Subjekt suggeriert. Wenn wir schon unbedingt Kultur vermitteln wollen, muss man sich fragen, wie das anzustellen sein wird, wenn dem wichtigsten Kulturförderer unseres Landes untersagt werden wird, Werkbeiträge zu vergeben, die den nötigen Raum öffnen, um Kunst überhaupt entstehen zu lassen?
Es ist mir bewusst, dass ich mit dieser Ansprache Eulen nach Athen trage, denn ich brauche wohl niemandem in diesem Saal zu veranschaulichen, dass es diese Werkbeiträge, die heute vergeben werden, dringend braucht. Verfolge ich die politischen Debatten, sorge ich mich um den Atem der Künstler, sollte das finanzielle Korsett immer enger werden. Kultur, die als Verschmelzung von Kultiviertheit und Kunst angesehen werden kann, bedarf der gewissenhaften Pflege, wenn sie Früchte tragen soll.
*David Philip Hefti ist Komponist und Dirigent und hat 2007 einen Kompositionsauftrag der Pro Helvetia erhalten. Mehr Angaben zur seiner Person finden sich auf seiner Webseite: www.davidphiliphefti.com