17.02.2009
Die Instrumente des Barock sind heute recht gut dokumentiert. Die stürmischen Entwicklungen, die vor allem die Blechbläser im 19. Jahrhundert durchlebt haben, sind aber noch überraschend wenig erforscht. Licht ins Dunkel bringen Projekte der Berner Hochschule der Künste (HKB). An einem Romantic Brass Symposium machte sie vom 12. bis 14. Februar 2009 eine Bestandesaufnahme.
Die Zeit zwischen Spätbarock und Hochromantik markiert eine zunehmende Chromatisierung der in früheren Epochen bloss als Naturtoninstrumente verwendeten Blechbläser. Zwei Entwicklungen fallen dabei auf. Zum einen durchlebten die Bläser eine relativ kurze Zeit des Experimentierens mit Klappen. Zum andern experimentierten Instrumentenbauer und Komponisten vor allem im tiefen Bassbereich mit einer Vielzahl neuer Instrumente.
Die Weblinks
Klappentrompeten-Projekt der HKB Bern:
www.hkb.bfh.ch/klappentrompeten.html
Ophikleïden- und Cimbasso-Projekt der HKB Bern:
www.hkb.bfh.ch/ophikleideundcimbasso.html
Musikinstrumente im Historischen Museum Basel
www.hmb.ch/de/hmb/houses/musicmuseum.html
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Ähnlich einer Klarinette oder Blockflöte ermöglichten Klappen bei Trompeten, Flügelhörnern und andern Blechbläsern die Chromatisierung mit Hilfe von Löchern, die über die Länge der Instrumente verteilt waren und mittels Klappenmechaniken geöffnet und geschlossen werden konnten. Sie wurden allerdings relativ schnell von den heute noch üblichen Ventilvorrichtungen abgelöst, mit denen der Luftstrom über zusätzliche Bögen geleitet wird. Im Gegensatz zu den Klappen lenken die Ventile den gesamten Luftstrom vollständig über den abschliessenden Klangtrichter der Instrumente, womit der Ton homogener und klarer bleibt als bei einer Klappenvorrichtung, die den Luftstrom auf Trichter und Klappenlöcher aufspaltet.
Die Alte-Musik-Bewegung, erklärt Claudio Bacciagaluppi, einer der Organisatoren des Symposiums gegenüber Codex flores, habe dazu geführt, dass Orchestermusiker heute vielfach eine doppelte Kompetenz haben müssten: Von Geigern wird etwa erwartet, dass sie sich mit den früher verwendeten Darmsaiten oder der Technik des Barockbogens auskennen. «Vor ähnlichen Herausforderungen, so Bacciagaluppi weiter, «werden künftig auch die Blechbläser stehen. Ein Dirigent, der Berlioz‘ Symphonie fantastique aufführten möchte, wird in Zukunft möglicherweise fragen, ob ein Orchester über Ophikleïden verfüge, die der Komponist ursprünglich verlangt hat».
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Impressionen von der Ausstellung historischer Musikinstrumente des Symposiums. |
Bacciagaluppi gibt zu bedenken, dass wir das 19. Jahrhundert heute im Vergleich zum Barock als nahe empfinden. Wer aber genau hinschaue, stelle fest, dass auch dieses Jahrhundert von der Gegenwart ziemlich weit weg sei. «Die Ophikleïde oder die Klappentrompete sind im Vergleich zu heutigen Blasinstrumenten nicht so ausgereift und perfekt», erklärt der HKB-Vertreter, «sie haben aber einen ganz anderen Klang».
Es gebe, meint Bacciagaluppi, in dieser Hinsicht noch einiges aufzuarbeiten. Einerseits gelte es, das Repertoire der Stücke neu zu erschliessen, die speziell für die historischen Instrumente wie die Ophikleïde geschrieben worden seien. Zudem lohne es sich, zu überlegen, was am gängigen Repertoire mit den historisch «korrekten» Instrumenten gespielt werden könnte. Die Projekte der HKB könnten dazu führen, dass spezielle Ausbildungsgänge geschaffen würden, etwa ein Nebenfach Ophikleïde für Hornisten oder ein solches für Klappentrompete, das die Absolventen der HKB Bern auf dem Arbeitsmarkt speziell qualifizierten.
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Es gehe der HKB deshalb auch darum, vergessene Modelle von Blasinstrumenten nachzubauen. Man wolle den Studierenden damit die Möglichkeit geben, diese Instrumente einmal selber auszuprobieren. Das Symposium diene dabei als Schaubühne für das, was in Bern bisher erarbeitet worden sei.
Der praktische Einsatz heute kaum mehr verwendeter Instrumente der Epoche ist zwar verbürgt, über die Details ihrer Verwendung existieren jedoch verblüffend wenig Quellen. So ist zum Beispiel einiges darüber zu erfahren, welche Bläser im 19. Jahrhundert wann im Orchester der Mailänder Scala Einsitz hatten und wie gut sie ihre Instrumente beherrschten. Um was für Instrumente es sich dabei handelte, schweigen sich die geschichtlichen Quellen jedoch aus.
| Ko-Organisator Claudio Bacciagaluppi bereitet eine Präsentation vor. | |
Als Quellen stehen den heutigen Forschern vor allem zeitgenössische Medienberichte, aber auch Besetzungslisten, Familienchroniken, Instrumentalschulen und die Bestände der heutigen Museen zur Verfügung. Daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, bedarf es eines breitgefächerten Wissens. Das Symposium an der Berner Hochschule war denn auch bewusst interdisziplinär angelegt: Die präsentierten Zeugnisse wurden von Instrumentenbauern − Konrad Burri aus Zimmerwald und Rainer Egger aus Münchenstein −, Museumskuratoren (Martin Kirnbauer vom Historischen Museum Basel und Sabine Klaus vom National Music Museum in Vermillion, USA), praktischen Musikern, Musikwissenschaftlern der Universitäten Bern und Fribourg und weiteren Spezialisten aus allen Blickwinkeln heraus diskutiert.
Dass die HKB in der Erforschung der Blechblasinstrumente des 19. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle einnimmt, hat mit den Projekten zu tun, die an ihr im Rahmen eines Forschungsschwerpunktes Interpretation realisiert worden sind. Bereits abgeschlossen ist eine Arbeit von Roman Brotbeck (dem Leiter der Abteilung Musik der HKB), Daniel Schädeli, Roland Fröscher und Claudio Bacciagaluppi in Kooperation mit Konrad Burri und dem Kreuzlinger Musikhaus Haag zu Ophikleïde und Cimbasso, den Vorläufern der modernen Tuba. Die Resultate des Projektes werfen ein neues Licht auf die grossen Werke der Tradition, zu deren Klangbild sich dadurch eine grundsätzliche Neubefragung und Neuinterpretation aufdrängt. Wenig erstaunlich also, dass die Resultate bei Dirigenten und Opernverantwortlichen bereits auf erhebliches Interesse gestossen sind.
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Ein zweites Projekt der HKB wird von Roman Brotbeck, Markus Würsch und Claudio Bacciagaluppi ebenfalls unter Mitarbeit mehrerer Instrumentenbauer realisiert. In seinem Rahmen sollen vorhandene Klappentrompeten nachgebaut, das Repertoire für Klappentrompete systematisch erforscht, die Spielweise erarbeitet und in der Lehre erprobt werden. Aus vorhandenen Schulen soll dabei ein modernes Lehrmittel geschaffen und das wichtigste Repertoire mit einem Berufsorchester in der Öffentlichkeit gespielt und auf Tonträgern festgehalten werden. Zum Klappentrompeten-Projekt findet sich auf der Webseite der HKB (hier) ein kurzer Videobeitrag.
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Adrian von Steiger (an der Tafel), Rainer Egger und Sabine Klaus diskutieren an einem Round-Table mögliche künftige Strategien der Forschung. |
Zu den Projekten der HKB gehört auch die Herausgabe einer Faksimile-Version einer Trompetenschule für Natur- und Klappeninstrumente aus dem Jahr 1824. Die «Méthode de Trompette sans Clef et avec Clef» von C. Eugène Roy wird von der HKB in Zusammenarbeit mit dem Verlag Editions Bim in Vuarmarens angeboten.
Am Symposium sind auch einzelne interessante oder kuriose Details präsentiert worden. So stellte etwa der Musikwissenschaftler Daniel Allenbach im Rahmen eines Referates zu frühen Ventilhornschulen in Frankreich eine solche vor, die unter dem Namen des nicht als Hornisten bekannten Komponisten Charles Gounod publiziert worden ist. Und der Milaneser Musikforscher Renato Meucci zeigte aufgrund akribischen Quellenstudium auf, wie das Cimbasso in italienischen Orchestern eingesetzt worden ist.
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Der in Karlsruhe tätige Edward H. Tarr erinnerte an den heute praktisch vergessenen Kornettsolisten Hugo Türpe (1859 bis 1891), Anselm Gerhard von der Universität Bern zeichnete nach, wie die Blechblasinstrumente unter dem Einfluss der Militärmusik um 1800 die Kunstmusik veränderte, und der Göteborger Reine Dahlquist widmete sich der Rolle, welche die Trompete als Soloinstrument im Wien des Wiener Kongresses gespielt hat.
Weitere Entwicklungen in Italien und England wurden berücksichtigt. Der in Pisa wirkende Francesco Carreras präsentierte Einsichten zu den Milaneser Instrumentenbauern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Claudio Bacciagaluppi ging den Trompetern und Hornisten an der Mailänder Scala vor 1850 nach, und Sabine Klaus widmete sich der englischen Klappentrompete, von der heute nur noch wenige Exemplare existieren.




