06.06.2009
In der Schweizer Bundesstadt Bern werden zur Zeit die Subventionsverträge für Stadttheater und Symphonieorchester neu ausgehandelt. Das Theater drängt auf mehr Mitsprache über die finanziellen Mittel des Orchesters. Codex flores zeigt auf, weshalb es keine gute Idee wäre, diesem Begehren nachzugeben. Letztlich ist der Konflikt ein Lehrstück darüber, was geschieht, wenn die Kultur zum Spielball gutgemeinter, aber falsch aufgegleister Regionalpolitik wird.
Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten ist das Verhältnis zwischen Stadttheater Bern (STB) und Berner Symphonieorchester (BSO) angespannt, trotzdem oder gerade weil die beiden über das Musiktheater eng aneinandergekettet sind. Angesichts der Wirtschaftskrise wird die Neuformulierung der Verträge nun auch noch zu einem Hochseilakt zwischen Sparbemühungen und der Sicherung einer angemessenen Perspektive in Sachen Hochkultur für die Hauptstadt des kleinen Binnenlandes im Herzen Europas. Umso härter wird der Kampf um die finanziellen und räumlichen Ressourcen. Als wenig hilfreich erweist sich dabei die politische Konstruktion der Trägerschaft.
Die Weblinks:
Berner Symphonieorchester:
www.bsorchester.ch
Stadttheater Bern:
www.stadttheaterbern.ch
Editorial:
Bern braucht starke Kulturbotschafter
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Finanziert werden STB und BSO von (zu) zahlreichen Parteien, im Wesentlichen vom Kanton, der Stadt und den Gemeinden der Region, für welche die Stadt Zentrumsfunktionen übernimmt. Letztere sind im Moment noch in einer Regionalen Kulturkonferenz (RKK) organisiert, in der neben 82 stadtnahen Kommunen Vertreter von Stadt und Kanton, Burgergemeinde, STB, BSO sowie den ebenfalls in den Wirkungskreis der RKK fallenden städtischen Institutionen Kunstmuseum, Historisches Museum und Zentrum Paul Klee Einsitz haben. Die Geschäftsstelle der RKK wird von einem Verein Region Bern geführt.
Die Aufteilung der Subventionen von Orchester und Theater gestaltet sich heute wie folgt:
| Stadt | Kanton | RKK | Total | |
| 39% | 50% | 11% | ||
| STB (in Mio. CHF) | 9,266 | 11,8 | 2,614 | 23,76 |
| BSO (in Mio. CHF) | 4,926 | 6,315 | 1,389 | 12,63 |
Die gegenwärtigen Subventionsverträge haben die Laufzeit von 2008 bis 2011 (mit der Option einer Verlängerung um ein Jahr), sind also vor noch nicht allzulanger Zeit in Kraft getreten. Die Folgeverträge für die Periode von 2012 bis 2015 werden aber bereits im Rahmen eines «Projektes Theater Bern» ausgehandelt. Als Entscheidungsgrundlage dient ein Gutachten, das der Basler Anwalt und Kulturmanager Cyrill Häring im Auftrag der RKK erstellt hat.
Projekt Theater Bern soll Perspektiven schaffen
Das Projekt Theater Bern wird von einer Steuergruppe der RKK geführt. Sie besteht aus Stefan Funk (Gemeindepräsident Zollikofen) und Denise Steiner (Geschäftsführerin der RKK) sowie den Vertreterinnen der Förderstellen von Stadt und Kanton. Es handelt sich dabei um die Kultursekretärin der Stadt Bern Veronica Schaller und die Stellvertreterin der Vorsteherin des Amtes für Kultur des Kantons Bern Jacqueline Strauss. Beide sind in ihrem Ämtern neu. Dies gilt ebenfalls für den Intendanten des Stadttheaters Marc Adam und den Direktor des Berner Symphonieorchesters Matthias Gawriloff, Adam ist seit 2007 auf seinem Posten, Gawriloff sogar erst seit ein paar Monaten. Die «Anwälte» der Kulturinstitutionen sind gegenüber den erfahrenen Politikern in Sachen Wissen um die expliziten und verborgenen Mechanismen des Berner Kulturlebens also im Rückstand.
Beim STB exponiert sich der Verwaltungsratspräsident Henri Huber als Lobbyist für die Anliegen des Theaters; er ist als früherer Gemeindepräsident der grossen Berner Vorortsgemeinde Köniz ein alter Politfuchs. Beim BSO amtet Lorenz Hasler, seines Zeichens Leiter der Musikschule derselben Vorortsgemeinde, als Stiftungsratspräsident ad interim; Köniz beherbergt überdies die sogenannten «Vidmarhallen», die neue Schauspiel-Dependance des Stadttheaters.
Im Stadttheater Bern ist überdies Srboljub Dinic in einer strategischen Position: Er wurde 2004 zum Chefdirigenten und 2007 zudem zum Musikalischen Direktor des STB ernannt, ist dem Haus aber schon länger verbunden. Die Funktion des Chefdirigenten übt er paradoxerweise ohne eigenes Orchester aus, ein Zustand der in der Theaterlandschaft einmalig sein dürfte. Andrey Boreyko wiederum, der Chefdirigent des BSO, bleibt in Bern, bis sein Vertrag Ende Juli 2010 ausläuft, dann wechselt er, ohne diesen zu verlängern, nach Düsseldorf, weil die unklaren Verhältnisse in der Schweizer Bundesstadt für das Orchester keine konstruktiven und gesicherten Zukunftsperspektiven öffnen. Für ihn muss ein Nachfolger gefunden werden – in einer für ein solches Vorhaben im Musikgeschäft ungewöhnlich kurzen Zeit.
Einen grossen Einfluss auf die künftigen Planungen hat überdies die Tatsache, dass weder STB noch BSO im Besitz der Gebäude sind, die ihnen zur Verfügung stehen. Das Kultur-Casino, die Heimstätte des Orchesters, gehört der Berner Burgergemeinde, das Theatergebäude der Stadt Bern. Letzteres ist dringend renovationsbedürftig, worunter nicht zuletzt das Orchester leidet. Aussenstehende Kenner der Situation beobachten dabei gegenüber Codex flores einen Mangel an Support der Theaterleitung für die Anliegen des Orchesters, etwa wenn es um Lärmschutzmassnahmen geht.
Wenn’s gut geht, werden die zur Renovation des Theaters benötigten rund 25 Millionen Franken von der Stadt im Rahmen eines Investitionskredites zur Verfügung gestellt und damit die Subventionen nicht belastet. (Die erwähnten Vidmarhallen, in welche das Stadttheater heute mehr oder weniger seine gesamten Aktivitäten in Sachen Schauspiel ausgelagert hat, sind in gutem Zustand und im Besitz einer Alid Finanz AG mit Sitz in Teufen.)
Zum Ausformulieren der neuen Subventionsverträge herrscht ein gewisser Zeitdruck, weil die RKK bald aufgelöst und durch eine Regionalkonferenz Bern-Mittelland ersetzt werden soll, für welche die Kultur bloss eine unter mehreren Aufgaben sein wird. Die Regionalkonferenz soll auch über Verkehr, Raumplanung und Neue Regionalpolitik bestimmen. Auf dieser Ebene und in dieser thematischen Nachbarschaft wird die künftige Kulturpolitik der Stadt angesiedelt sein.
Die Subventionsverträge von Orchester und Theater
Ein (wenn nicht der) Knackpunkt ist mit Blick auf das Musiktheater die Kontrolle über die Aufgabenverteilungen und die Geldflüsse zwischen BSO und STB. Zur Zeit ist es so, dass das Orchester zwar rund die Hälfte seiner Aktivitäten im Rahmen der Arbeit fürs Musiktheater des STB absolviert; es ist dabei aber nicht Teil des Theaters, sondern tritt als externer Dienstleister auf.
Laut laufendem Subventionsvertrag hat das BSO für das STB im Durchschnitt 220 Orchesterdienste pro Spielzeit zu leisten. Der finanzielle Wert der Dienste für das STB wird im Vertrag explizit mit 4,9 Millionen Franken angegeben. Man kann dies – und die Parteien tun es je nach Interessenlage auch – nun unterschiedlich interpretieren: Man geht (wie das Orchester) davon aus, dass das BSO dem Theater seine Dienste zur Verfügung stellt, ohne dass dem STB dabei Kosten entstehen (und das STB dafür die Einnahmen aus dem Musiktheater abschöpfen kann), oder man stellt sich wie einige Theatervertreter auf den Standpunkt, dass faktisch ein Teil des Budgets des Theaters, nämlich dessen Ausgaben für Orchesterdienste, nicht von ihm selber verwaltet werden kann, sondern in der Verfügungsgewalt des Orchesters als externem Partner ist.
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Der Subventionsvertrag des BSO legt überdies fest, dass das Orchester zuerst die Daten für seine eigenen Konzertaktivitäten bestimmt und erst danach das Theater die Termine für seine Musiktheaterproduktionen plant. Beide Planungen müssen laut Vertrag mindestens zwei Jahre im voraus erfolgen. Für den Konfliktfall ist im Prinzip eine paritätische Schiedskommission vorgesehen. Kann ein Konflikt zwischen STB und BSO nicht gelöst werden, hat – immer laut Subventionsvertrag – der Vorstand der RKK das letzte Wort. Die Schiedskommission ist bislang allerdings ein Papiertiger geblieben.
Im Weiteren sieht der Vertrag 96 Orchesterstellen für das BSO vor und die Tatsache, dass dieses mit den Subventionen auch die Mietkosten für das Kultur-Casino begleichen muss. Auch zum Teuerungsausgleich äussert sich der Vertrag. Er legt explizit fest, dass während der Vertragsdauer keine teuerungsbedingten Anpassungen der Subventionen erfolgen. Der fehlende Teuerungsausgleich hat nicht unerhebliche Auswirkungen auf den zur Zeit schwelenden Konflikt. Schliesslich legt der Vertrag fest, dass sich das BSO als eines der vier bedeutendsten Symphonieorchester der Schweiz positioniert.
Letzteres bedeutet, dass vom BSO erwartet wird, in der Liga des Genfer Orchestre de la Suisse Romande (OSR) und des Zürcher Tonhalle-Orchesters zu spielen. Das OSR verfügt allerdings über ein jährliches Budget in der Höhe von 25 Millionen Franken, sein Zürcher Gegenstück über ein solches von 26 Millionen Franken. Selbst das Basler Orchester, das in den letzten Jahren hat Haare lassen müssen, verfügt mit einem Stiftungs-Budget von 16 Millionen Franken über mehr finanzielle Mittel als der Berner Klangkörper.
Die Bestimmungen stehen so gleichfalls im Subventionsvertrag des STB. Auch das Theater muss die Miete für das Theatergebäude aus den Subventionen bestreiten. In diesem Fall wird der Vertrag sogar explizit: Die Mietkosten belaufen sich auf 1,7 Millionen Franken pro Jahr. (Das BSO bezahlt laut eigenen Aussagen anteilmässig vergleichbare Summen für die Miete des Kultur-Casinos).
Im STB-Subventionsvertrag ist bei dessen Einführung zudem festgelegt worden, dass die Theatergenossenschaft unter der Leitung der Abteilung Kulturelles der Stadt bis Ende 2007 ein neues Konzept für das Stadttheater Bern hätte erarbeiten müssen. Im Falle eines Scheiterns drohte der Vertrag mit einer Kürzung der Subvention um jährlich eine Million Franken. Der Theaterpräsident Henri Huber räumt ein, er habe sich geweigert, «ein Konzept vorzulegen, das uns gezwungen hätte, den gleichen Auftrag – für den wir jetzt schon massiv unterfinanziert sind – mit weniger Geld zu erfüllen». Auf die Kürzung der Subvention ist von Seiten der Politik bislang allerdings verzichtet worden.
Klar ist, dass STB und BSO in der kommenden Subventionsperiode nicht mehr Geld als bisher zur Verfügung stehen wird. Ob die beiden Institutionen summa summarum mit weniger finanziellen Mitteln werden auskommen müssen, ist allerdings bereits eine Frage der Interpretation. Eine Rolle spielt da der erwähnte Teuerungsausgleich, der bislang auf Eis gelegen ist. Wird er weiterhin nicht berücksichtigt, belasten die Teuerungsangleichungen die Budgets, die dann unter dem Strich tiefer ausfallen als bisher. Kommen zusätzliche Belastungen wegen Unterhaltsarbeiten am Theater oder höhere Mietkosten hinzu, könnte es noch enger werden.
Die Politik erwartet deshalb von den beiden Institutionen eine Optimierung der Verhältnisse, damit bei faktisch geringeren Ressourcen die gleiche Qualität gewährleistet werden kann. (Die Absicht, dem Spardruck die Sparte Tanz im Theater zu opfern, ist bereits auf dem Tisch.)
Die Entschädigungen für Orchesterdienste im Theater
STB und BSO sind von unterschiedlichen Unternehmenskulturen und unterschiedlicher künstlerischer Dynamik geprägt, müssen aber zeitliche, räumliche und finanzielle Ressourcen teilen. Wie die eingeschätzt werden müssen und wie sie mit einer Reorganisation optimiert werden können, stellt sich nun je nach Perspektive der beiden Institutionen zum Teil recht unterschiedlich dar.
Der Theatervertreter Henri Huber dringt darauf, dass die 4,9 Millionen Franken für die Theaterdienste des Orchesters, die zur Zeit vom Orchester verwaltet werden, dem Theater zur Verfügung gestellt werden. Bislang konnte das Theater, erklärt Huber, in der Regel pro Saison jeweils nur rund 80 Prozent der ihm zustehenden 220 Orchesterdienste des BSO tatsächlich in Anspruch nehmen (Gawriloff bestreitet dies vehement). Damit sei dem BSO rund eine Million Franken zur freien Verfügung gestanden, die nach seiner Auffassung eigentlich dem STB zugestanden wären.
Huber bekennt sich aber ausdrücklich zum BSO, auch wenn es, wie er meint, eher zu den teuren Klangkörpern in der Schweiz gehöre; würden die fraglichen 4,9 Millionen Franken dem STB zufliessen, würde dieses Orchesterdienste beim BSO beziehen, so weit dies möglich wäre, so Huber weiter. Nur im Fall, dass das BSO nicht zur Verfügung stünde, würde das Theater sich nach Alternativen umsehen, sprich andere Ensembles zum Zuge kommen lassen. Die Orchesterstatistik des VESBO (Verband Schweizerischer Berufsorchester) sagt allerdings etwas anderes: Laut dieser ist das BSO das zweitschlechtest bezahlte Orchester der Schweiz.
Das BSO pflegt seit Jahren aus guten Gründen eine konsequente Trennung von Betriebs- und Konzertrechnung. Mit den Subventionen, erklärt Roland Schürch, der Leiter Finanz- und Rechungswesen des BSO, werden die festen Kosten der Betriebsrechnung für das Orchester abgegolten, die im Wesentlichen aus Lohnzahlungen bestehen. Über die volatilere Konzertrechnung werden alle Konzertkosten, inklusive Gagen für Solisten und Gastdirigenten, abgerechnet. Damit belasten künstlerische Risikoprojekte, etwa Konzerte mit wenig populären, aber wichtigen Werken der Moderne, nicht die Subventionen. Dies schafft Transparenz über die tatsächliche Verwendung der Gelder.
Das BSO ist rechtlich verpflichtet, die Löhne per 24. jeden Monats zu bezahlen. Wäre es nun darauf angewiesen, dem Theater für seine Dienste Rechnung zu stellen, die Ungewissheiten des Zahlungszeitpunktes einzukalkulieren und keine Sicherheit darüber zu haben, die 4,9 Millionen Franken tatsächlich im vollen Umfang zu erhalten (was nicht der Fall wäre, wenn das STB andern Ensembles den Vorzug geben würde), könnte es die Lohnzahlungen nicht garantieren und müsste einen Drittel der Musiker entlassen.
Aber auch, wenn man die Geschichte des BSO in Erinnerung ruft, scheint eine Übertragung von Verantwortung ans Theater keine nachhaltige Lösung. Letzteres arbeitet nicht nur ohne Konzept; es muss zur Deckung seiner laufenden Kosten auf Bankkredite zurückgreifen (was auch schon zu Diskussionen im Stadtparlament geführt hat), oder es finanziert Kosten des einen Jahres mit Subventionen des folgenden – ein Vorgehen, das möglich wird, weil die Theatersaison von Jahresmitte zu Jahresmitte läuft, die Subventionen aber fürs Kalenderjahr gerechnet werden.
Das BSO hat im Vergleich zu solchen finanziellen Hauruck-Übungen seinen Haushalt im Griff – nach bösen Erfahrungen in den 1990er-Jahren, in denen der damalige Geschäftsführer rund eine halbe Million Franken unterschlagen und das BSO in die Überschuldung getrieben hatte. Dem Orchester ist es gelungen, mit schmerzlichen Einsparungen bei den Personalkosten (nicht ausbezahlte Teuerung, nicht besetzte offene Stellen) seither laut Angaben Schürchs einen nicht unerheblichen Betrag einzusparen und wieder eine ausgeglichene Rechnung aufzubauen. Stadt und Kanton, die zur Sanierung finanziell nicht beitragen wollten, strichen dabei 1999 sogar noch 130’000 Franken Gewinnvortrag ein.
Mit den jahrelangen, erfolgreichen Sanierungsbemühungen aus eigener Kraft hat das Orchester bereits einen hohen Beitrag an den Ausgleich der Kulturkosten der Stadt geleistet und keinen Spielraum mehr, wenn nicht Entlassungen ausgesprochen werden sollen.
Das Orchester ist aber auch dem Theater schon entgegengekommen. Im Vertrag von 1988 zwischen STB und BSO war noch festgelegt, dass das Theater dem Orchester «eine Jahrespauschale in der Höhe von Fr. 390’000.–, zahlbar in 10 Monatsraten» entrichtet. Diese Zahlungen sind später anders organisiert worden, um die darauf anfallende Mehrwertsteuer zu vermeiden. Im Jahr 2000 hat das BSO überdies zugunsten des Theaters auf 80’000 Franken Bundessubvention verzichtet.
Eine Umlenkung der Gelder für die Theaterdienste des Orchesters wäre nach Gawriloffs Überzeugung nicht nur weder historisch noch betriebswirtschaftlich zu rechtfertigen. Sie wäre sogar gefährlich. Sie würde das Theater nämlich der realen Gefahr aussetzen, in den Konkurs getrieben zu werden. Müsste das BSO an das STB für die Dienste künftig Rechnung stellen, so käme – wie die früheren Erfahrungen gezeigt haben – die Mehrwertsteuerpflicht wieder zum Zuge. Der Betrag würde die Theaterrechnung belasten. Vor allem aber müsste das BSO (wegen der Lohnzahlungspflichten) auf eine zügige Bezahlung der Rechnungen bestehen, was in der zweiten Jahreshälfte, in der sich das STB bislang auch mit Bankkrediten über die Runden rettete, im Theater zu einem nicht mehr überbrückbaren Liquiditätsengpass führen würde.
Kooperation mit pragmatischen Vereinbarungen
Gawriloff schlägt ein Modell der Kooperation zwischen BSO und STB vor, das an den Geldflüssen im Grundsatz nichts ändern würde, aber eine gemeinsame Disposition und Ressourcenverwaltung in Sachen Spielorten vorsähe, ein Modell, das laut dem Orchesterdirektor im Theater Lübeck, der früheren Wirkungsstätte des jetzigen Berner Stadtheater-Intendanten Marc Adam, aber auch in Bremen, Düsseldorf oder Hamburg bereits Realität sei und sich gut bewähre. Er sähe überdies eine Stärkung der Position des musikalischen Leiters im Theater vor. Dieser würde Intendantenfunktionen übernehmen und mit dem Chefdirigenten des BSO auf Augenhöhe operieren. Überhaupt übernähme das BSO im Musiktheater gerne mehr Verantwortung.
Der BSO-Direktor kämpft mit Folgen der Auseinandersetzungen, die von aussen etwas weniger offensichtlich sind: Die Atmosphäre, die rund um die Berner Kulturinstitutionen zur Zeit herrscht, lässt ich am besten mit dem umschreiben, was auf Englisch plastisch mit «FUD» abgekürzt wird: Fear, Uncertainty and Doubt. Angst, Unsicherheit und Zweifel zu säen, ist eine gängige Strategie, wenn es darum geht, Parteien in politischen oder wirtschaftlichen Auseinandersetzungen zu schwächen.
Mit solchen Unsicherheiten wird das, was in den letzten Jahren vom Orchester erreicht worden ist, wieder in Frage gestellt, auch wenn schwer nachvollziehbar, wer in der Schweizer Bundesstadt daran ein Interesse haben könnte. Am ehesten scheint eine Kombination aus fehlendem Bekenntnis zu einer hochklassigen Kultur mit Ausstrahlung und falschen politischen Konstruktionen dafür verantwortlich.
Der Bund hält sich in gut förderalistischer Manier («Kultur ist Sache der Kantone») vornehm zurück und belässt es beim Spenden eines eher symbolischen Beitrages von einer Million Franken (die sogenannte «Bundesmillion») an die Hauptstadtkultur. Der Bundesstadt wird im massgebenden Konzept des Bundesamtes für Raumentwicklung zudem die Rolle einer Metropolregion als «Hauptstadtregion» mit bloss nationaler Ausstrahlung zugedacht – im Gegensatz zu den international bedeutenden Zentren Genf, Basel und Zürich. Die Bundeskulturpolitik weist der Stadt folgerichtig primär die Rolle eines Spiegels der kulturellen Vielfalt der Schweiz zu. Mit andern Worten: Sie reduziert deren Funktion auf innenpolitische Nabelschau und Minderheitenschutz.
Der Kanton streicht in seiner Kulturstrategie 2009 im Abschnitt «Besondere Qualitäten des bernischen Kulturlebens» zwar regionale Einrichtungen wie das Kunsthaus Langenthal, die Mémoires d’Ici in St-Imier oder das eigenständige Kulturschaffen der Randregionen lobend heraus; sowohl BSO als auch STB finden in diesem Kontext hingegen mit keinem Wort Erwähnung.
Die neue städtische Kulturverantwortliche wiederum hat in einem Interview mit der lokalen Presse erklärt, sie betrachte es (im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Christoph Reichenau) nicht als ihre Aufgabe, «grosse kulturpolitische Visionen» zu haben, sondern wolle lieber als Vermittlerin zwischen Kultur und Politik amten. Die sensible Kommunikation zum Thema Musiktheater überlässt sie dennoch dem externen Berater Häring.
Auch die neue Regionalkonferenz wird an den unsicheren Verhältnissen kaum etwas ändern. In dieser entscheiden 229 Stimmen über das Schicksal der Kultur. 42 davon hält die Stadt Bern, 13 die Agglomerationsgemeinde Köniz. Das macht 55 Stimmen. Die restlichen 174 (!) Stimmen werden von den Gemeinden im Hinterland der Stadt gehalten. Welche Interessen an der städtischen Kulturpolitik diese antreiben wird, lässt sich daran ablesen, was für Mühe andere Zentren – etwa Zürich oder selbst das betuliche Solothurn – haben, ihr Umland in die Beteiligung ihrer Zentrumslasten einzubinden. So lässt sich keine visonäre, von Aufbruchstimmung geprägte Kulturstrategie verfolgen.
Die Folge der Zuständigkeits- und Positionierungsswirren: Stadt, Region, Kanton und Bund wissen nicht so recht, was sie mit den traditionellen Kulturinstitutionen in der Bundesstadt anfangen sollen und schieben sich in Sachen Finanzierung gegenseitig den Schwarzpeter zu. Nicht für alle zeichnen sich dabei tragfähige Lösungen ab. Der Kanton soll in Zukunft zwar die Verantwortung für das Bernische Historische Museum und das Zentrum Paul Klee ganz übernehmen.Theater und Orchester scheinen aber auf der Strecke zu bleiben.
Dem BSO droht angesichts solcher Verhältnisse der Abstieg in eine untere Orchesterliga, dem bereits jetzt deutlich unterfinanzierten Theater das Absinken in vollständiger überregionaler Bedeutungslosigkeit. Beides ist mit Blick auf die steigende strategische Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Schweiz eine Katastrophe.
