24.02.2004
Vom 15. bis 18 April geht an der Universität Graz die erste «Konferenz zur Interdisziplinären Musikwissenschaft» über die Bühne. Der Anlass hat programmatischen, ja fast schon polemischen Charakter, wenn man sich vergegenwärtigt, dass im deutschen Sprachraum den systematischen Fächern bloss Nischen zugestanden werden und das akademische Leben weitgehend von der historischen Schwesterdisziplin beherrscht wird.
Die hiesige Historische Musikwissenschaft äussert sich bevorzugt in deutschsprachigen Fachpublikationen und setzt sich deshalb der Gefahr aus, die internationalen Entwicklungen nicht im nötigen Mass mitzuvollziehen. Weil auch die finanziellen Mittel für das Fach gekürzt werden sollten, hat die Gesellschaft für Musikforschung den in Graz wirkenden Richard Parncutt zu einer Bestandesaufnahme ermuntert. Die daraus resultierenden Einsichten bildeten einen der Gründe für die Grazer Tagung. Die erfreulich hohe Resonanz, welche der Anlass schon im Vorfeld international gefunden hat, könnte dazu führen, dass eine Folgekonferenz auch ausserhalb des deutschsprachigen Raums durchgeführt wird und sich eine eigene Reihe entwickelt.
Die Konferenz im Web:
http://gewi.uni-graz.at/~cim04/
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Der 1957 in Australien geborene Konferenzveranstalter Richard Parncutt arbeitete in München mit Ernst Terhardt, in Stockholm mit Johann Sundberg, in Kanada mit Annabel J. Cohen und Albert S. Bregman und in Grossbritannien mit John A. Sloboda. An der Uni Graz belegt er einen Lehrstuhl für Systematische Musikwissenschaften. Bereits in seiner Dissertation «Sensory bases of harmony in Western music» vereinte er Aspekte der Musikologie, Physik und Psychologie. Parncutt unterstützt neben seiner Facharbeit die «Universitären Initiativen gegen Rassismus» an der Universität Graz. Codex flores hat sich mit dem umtriebigen Wissenschaftler und Humanisten über die Ziele und den Charakter der Konferenz unterhalten.
Codex flores: Wie ist es zur Idee gekommen, eine interdisziplinäre musikwissenschaftliche Tagung zu veranstalten?
Richard Parncutt: Ich wurde im Rahmen der Gesellschaft für Musikforschung um eine Stellungnahme zur gegenwärtigen Situation der Musikwissenschaft in Deutschland aus der Sicht der Systematischen Musikwissenschaft gebeten. Die Idee zur Tagung entstand aus meiner inzwischen veröffentlichten Reaktion auf diese Einladung.
Sehen Sie eine derartige Konferenz als Pionierleistung oder liegt die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Sachen Musik in der Luft?
Etwas von beidem. Musikwissenschaft war schon immer interdisziplinär. Eine solche Tagung gab es aber noch nie. In der Musikwissenschaft wird ohnehin viel zu wenig interdisziplinär gearbeitet.
Welche Schwerpunkte für die Konferenz haben sich mit den eingereichten und akzeptierten Papers ergeben?
Eigentlich hat sich kein fachlicher Schwerpunkt ergeben (ausser natürlich der Musik selber). Es wurden auch keine solchen Schwerpunkte angestrebt. Es geht vielmehr um die interdisziplinäre musikwissenschaftliche Arbeit an sich.
Weshalb findet eine solche Konferenz gerade in Graz statt?
In erster Linie, weil ich da bin. Ich bin aber nur da, weil der ehemalige Grazer Professor für Musikwissenschaft, Rudolf Flotzinger, eine neue Professur für Systematische Musikwissenschaften geschaffen und (nicht nur dadurch) eine verstärkte Interdisziplinarität in der Musikwissenschaft gefördert hat. Dazu kommt, dass es an den Grazer Universitäten viele verschiedene Institute gibt, die verschiedene Aspekte der Musikwissenschaft abdecken.
Welche Disziplinen oder Fragestellungen sehen Sie in den nächsten Jahren speziell im Fokus der Musikforschung?
Ganz unabhängig von der Tagung in Graz ist eine Tendenz in Richtung Interdisziplinarität zu beobachten, dazu auch ein verstärktes Interesse für den Begriff «Kulturwissenschaft», der auch an der kommenden Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung eine wichtige Rolle spielt.
Verschiedene Klassifizierungen sind möglich
In den Konferenzunterlagen wird erklärt, dass eine interdisziplinäre Kombination von Fächern, wenn sie zur Gewohnheit wird, nicht mehr als interdisziplinär betrachtet werden sollte, sondern zu einer neuen Disziplin wird. Wo würden sie die Musikwissenschaften in dieser Entwicklung gegenwärtig sehen?
Die Aussage bezieht sich auf Teilbereiche der Musikwissenschaft und nicht auf die Musikwissenschaft als Ganzes. Die interne Gliederung der Musikwissenschaft ändert sich ständig und allmählich. Zum Teil hat dies mit dem beschriebenen Vorgang zu tun. Die Musikwissenschaft ist sehr vielseitig und wird dies vermutlich immer blieben.
Ein erklärtes Ziel der Konferenz ist die Abschaffung der unbrauchbar gewordenen Kategorie «Systematische» Musikwissenschaft. Sie klassifiziert die Fachgebiete für die Dauer des Anlasses in Geisteswissenschaften (Humanities), Naturwissenschaften (Sciences), Mischungen der beiden und praktische Anwendungen. Wird dies eine konferenzinterne Klassifizierung bleiben oder dürfte sich eine vergleichbare Kategorisierung auch an den Universitäten und Musikhochschulen durchsetzen? Erhoffen Sie sich letzteres?
Diese Klassifizierung ist nur ein Beispiel. Es gibt auch andere, die genauso gut sind. Das Anliegen der Tagung ist nicht die Gliederung des Fachs, sondern die interdisziplinäre Mitarbeit innerhalb des Fachs und mit anderen Fächern, unabhängig von Gliederung.
Die Konferenz hat sich auch zum Ziel gesetzt, gerade die Gebiete zu fördern, die von bürokratischen Hürden oder unflexiblen Strukturen des Forschungsbetriebes behindert werden. Können Sie konkrete Beispiele anführen?
Es ist bekannt, dass Berufungskommissionen in den Musikwissenschaften häufig von Vertreterinnen und Vertretern der Musikgeschichte und anderen Geisteswissenschaften dominiert werden. Das führt zu einer allgemeinen Ausgrenzung der schwach vertretenen Fächer. Ich vermute, dass (zumindest in Deutschland) auch musikwissenschaftliche Forschungsanträge häufiger von denjenigen akzeptiert oder abgelehnt werden, welche vor allem die Musikhistorie vertreten – mit dem gleichen Ergebnis. Darüber hinaus scheint gerade in diesem Bereich ein gewisser Widerstand gegen Interdisziplinarität zu bestehen (insbesondere zwischen Geistes- und Naturwissenschaften sowie zwischen Theorie und Praxis). CIM04 arbeitet – vorwiegend indirekt – in Richtung auf eine Lösung dieser Probleme.
Konnten Sie in dieser Hinsicht den letzten Jahren Ansätze zur Öffnung beobachten oder haben Spardruck und Abbau zu einer Verhärtung der Fronten geführt?
Es wurden in letzter Zeit doch einige «systematische» Stellen ausgeschrieben. Es werden aber viel mehr sein müssen, um ein Gleichgewicht zwischen den Teilbereichen wieder herzustellen, das der derzeitigen Verteilung der besten internationalen Forschung einigermassen entspricht. Ich empfehle, dass die «systematischen» Stellen entweder allgemeiner – etwa «Musikwissenschaft» – oder spezifischer – «Musikpsychologie», «Musiktheorie» – genannt werden.
Sie haben auch angeregt, dass Lehrstühle in der Historischen Musikwissenschaft durch Vertreter der systematisch, ethnologisch, soziologisch oder kulturwissenschaftlich ausgerichteten Musikwissenschaften neu besetzt werden, wenn der Inhaber emeritiert. Ist der Vorschlag auf fruchtbaren Boden gefallen?
Ich glaube nicht. Es wird etwas länger dauern, bis sich diese Idee durchsetzt. Allerdings gehöre ich nicht zu den deutschsprachigen musikwissenschaftlichen Seilschaften und bin daher nicht sehr gut informiert.