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Roger Scrutons «The aesthetics of music»

01.07.2003

Roger Scrutons Buch «The Aesthetics of Music» ist zum einen eine hervorragende Einführung in die Geschichte der Musikästhetik. Zum andern ist es ein konservatives Pamphlet auf der Suche nach der moralischen Bedeutung von Musik. Eine Grundthese: Die klassische abendländische Musik nimmt diese moralische Aufgabe besser wahr als die populäre Musik des zwanzigsten Jahrhunderts.

Scruton ist der Meinung, dass Musik zwar keinen semantischen Gehalt besitzt, dafür aber so etwas wie Ausdruck (Expression). Das Problem dabei: Wir sind vorläufig nicht imstande, zu definieren, was Ausdruck genau ist. Zumindest etwas können wir jedoch tun, nämlich einige aussagekräftige Kriterien entwickeln, denen eine Theorie des Ausdrucks entsprechen muss. Scruton gibt vier davon an:

– Ausdruck wird nicht per Konvention in die Musik eingeführt, sondern äussert sich erst in der Erfahrung der Musik selber (Semaphoren-Test).
– Ausdruck ist ein ästhetischer Wert (Werte-Test)
– Ausdruck wird von einem kompetenten Hörer richtig verstanden. (Verständnis-Test)
– Ausdruck ist überdies eine Frage der musikalischen Entwicklung und Artikulation (Struktur-Test).

Scruton gibt jedoch nie eine Definition von „Ausdruck“, was zur Folge hat, dass er in zentralen Argumentationen für seine eigenen Überzeugungen auf eine vage, nicht objektivierbare Wahrnehmung musikalischer Sachverhalte rekurrieren muss. So behauptet er etwa, dass Debussys «La puerto del vino» aus dem zweiten Buch der Präludien Verträumtheit und Trägheit (Indolence) ausdrücke – mit einem bitteren Unterton –, diese Eigenschaften nicht aber besitze.

Ob die Beobachtung zutrifft oder nicht, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass der Befund nur aufgrund der Zustimmung einer Gemeinschaft einheitlich geschulter Hörer bekräftigt werden kann, denen neben der eigenen Wahrnehmung keine weiteren Kriterien zur Bejahung zur Verfügung stehen (dies ist der Preis, den wir bezahlen für die Einsicht, dass Musik auf nichts ausserhalb sich selber referieren kann). Lehnt ein Mitglied die Analyse ab, so kann ihm bloss entgegnet werden, es sei nicht fähig, richtig zu hören oder zuzuhören. Gezeigt werden kann ihm der Sachverhalt nicht. Mit dieser Art von Argumentation kann jede Diskussion mit Hinweis auf die Autorität einer Gemeinschaft abgeblockt werden. Tatsächlich kann und muss man diese Waffe gegen Scruton selber richten: Wie sich zeigen wird, ist er in bezug auf ihm nicht genehme Musikstile wahrnehmungsblind.

Musikkultur im Niedergang

Scrutons Analyse der klassischen Musik und seine Beobachtungen zum Aufkommen einer Massenkultur im zwanzigsten Jahrhundert führen ihn zur Behauptung, dass die Musikkultur im Niedergang begriffen ist (er illustriert seine These zum Beispiel mit der Behauptung, dass man bloss irgendwo auf der Welt das Radio anstellen müsse, um «Rock, Grunge und Heavy Metal» zu hören (Seite 496) – «Rock, Grunge und Heavy Metal» wären jedoch der schnelle kommerzielle Tod jeder Radiostation, die nicht gerade an einer amerikanischen Universität beheimatet ist.) Allerdings setzt er sich im Gegensatz zu Adorno, der die Schuld dafür der Bourgeoisie zuschiebt. Für Scruton ist der Niedergang eine Folge der Demokratisierung der Musik mit den Mitteln der Massenmedien (Seite 470).

Der Niedergang der Musikkultur ist eine pure Behauptung. Man kann sich geradesogut auf den Standpunkt stellen, dass das Gegenteil der Fall ist und zahlreiche Belege dafür angeben: Noch nie wurde so viel und so gute Musik produziert wie heute – in allen Stilen.

Scruton ist als echter Konservativer auch Platoniker: Musik hat eine moralische Kraft und die Trägerin der klassischen ästhetischen Werte ist die abendländische Kunstmusik. Dies ist eine zentrale Aussage in Scrutons Gedankengebäude. Umso erstaunlicher ist es, dass sie sich auf simple Art widerlegen lässt: Ob die klassische abendländische Tonkunst tatsächlich etwas zur moralischen Besserung beiträgt und beigetragen hat, lässt sich nämlich klären, indem man prüft, ob klassische Musiker – diejenigen, die von dieser Musik am meisten mitbekommen – tatsächlich auch die besseren Menschen sind. Es gibt dazu keine Untersuchungen (wenig erstaunlich, denn niemand weiss, wie eine solche aussehen müsste). Die Frage zu bejahen, dürfte jedoch niemand im Ernst wagen. Klassische Musiker unterliegen denselben sozialen Unfähigkeiten und charakterlichen Unzulänglicheiten wie die Konsumenten «populärer Musik».

Man kann Scrutons Behauptung zu retten versuchen, indem man sich auf die schwächere Behauptung zurückzieht, klassische Musik schärfe die Sinne und damit das Urteilsvermögen – im Gegensatz zur populären Musik. Eine solche Meinung kann jedoch nur vertreten, wer sich noch nie seriös mit den Produktionsgepflogenheiten populärer Musik befasst hat. Die Deklassierung populärer Musik durch Scruton scheint aber gerade aufgrund einer derartigen Unkenntnis zustandezukommen. Unter anderem die Analyse eines Nirvana-Songs, die Scruton im letzten Kapitel seines Buches (Seite 499) vorlegt, belegt dies. Es handelt sich dabei um den Titel „Dive“ aus dem Album „Incesticide“ der Gruppe rund um den Sänger Kurt Cobain. Originalton Scruton: «Fragmente in einer Art B-moll (allerdings zum grössten Teil mit einem auf beliebig anmutende Art gespielten E-Dur-Akkord harmonisiert), die nur eine geisterhafte Ähnlichkeit mit Melodie haben. Zwischen den Noten gibt es keine Bewegung, alle Bewegung wird von der Rhythmus-Gitarre generiert. Diese melodischen Defizite gehen einher mit einem Verlust an harmonischer Textur: In der Suppe verstärkter Obertöne werden alle Binnenstimmen übertönt. Alles was der Gitarrist tun kann, ist mit Hilfe paralleler Quinten die Illusion von Harmonie zu erzeugen.» Die Stelle wird durch einen verräterischen Satz eingeleitet: «Melodien werden zu kurzen Luftstössen, die sich nicht entwickeln können, weil sie vom Rhythmus überrollt werden, und keine Stimmführungs-Funktion haben.»

Tribalismus im Rock

Die «Art B-moll» der «Fragmente» im Gesang Kurt Cobains lassen sich für einen mit Rock auch nur oberflächlich vertrauten leicht einordnen: Sie gehören einer Blues-Tonleiter an, was auch den «auf beliebig anmutende Art gespielten E-Dur-Akkord» erklärt. Es gibt da eine durchaus konsistente Einheit der Form, das Stück ist für Blues-geschulte Ohren nicht speziell dissonant oder beliebig im harmonischen Aufbau. Ob es zu den besseren der Rockgeschichte gehört oder nicht, bleibe dahingestellt. Die Blues-Tonleiter mit der ihr eigenen Art der Intonation und Harmonisierung ist einer der wertvollsten und fruchtbarsten Beiträge zur Musikkultur des zwanzigsten Jahrhunderts – was Scruton an anderer Stelle auch zu bejahen scheint (Seite 469) – und hat einige der expressivsten Stücke unserer Zeit hervorgebracht. An diesen müsste „Dive“ gemessen werden. Wie der Eingangssatz enthüllt, versucht Scruton jedoch, das Rockstück an den Kategorien einer klassischen Komposition zu messen – an den Regeln des vierstimmigen Satzes mit führender Stimme und Binnenstimmen und melodischer Entwicklung als grundlegendem Strukturprinzip.

Auch die Art der Klangformung eines Rockgitarristen bleibt Scruton ein Buch mit sieben Siegeln. Er bemängelt den «antiharmonischen Power chord» der Begleitgitarre mit elektronischer Verzerrung. Ob man verzerrte Gitarren mag oder nicht, ist Geschmackssache. Der implizite Vorwurf des Primitivismus an die Adresse mehr oder weniger aller Rockgitarristen geht jedoch ins Leere. Wer sich die Zeit nimmt, sich mit einem erstklassigen Rockgitarristen einmal über Klang zu unterhalten, kann leicht feststellen, das dieser auf feine Art zwischen verschiedenen Verstärkern, Effektgeräten und Lautsprecherboxen zu unterscheidet versteht und über ein ausgebautes Instrumentarium in Sachen Klanggestaltungswillen verfügt.

Ein Grundproblem oder eine Grundbefangenheit im Ansatz von Scruton äussert sich in den Folgerungen (Seite 500): «Die Zuhörerschaft hört nicht der Musik, sondern durch sie den Musikern zu. Die Gruppenmitglieder werden zu Führern einer fantasierten Gemeinschaft.» Die moralisch angemessene Form des Musikhörens ist nach Scrutons Auffassung nämlich das reflektierte Zuhören. Analog dazu hat Musik Qualität, wenn sie einen Ausdruck reflektiert und nicht unmittelbar erzeugt wie im Falle des Nirvana-Stückes. So lässt sich eine andere Analyse deuten: die Gegenüberstellung eines von Carlos Barbosa-Lima für Gitarre eingerichteten Stückes von Luiz Bonfa und «La puerta del vino» aus dem zweiten Buch der Präludien von Debussy.

Scruton schreibt (Seite 344): «Ein Stück Musik kann verträumt und träge sein wie die Gitarrenmusik von Luiz Bonfa und alle schlimmeren Varianten. Aber wenn es Verträumtheit und Trägheit ausdrückt … dann ist das eine Art ästhetischer Erfolg. Bonfa bietet Musik, die Atmosphäre hat, aber nichts ausdrückt.» (an einem andern Ort bezeichnet er Bonfas Musik auch als Kitsch, was sie m. E. definitiv nicht ist. Über ihren Wert kann man sich ansonsten streiten.)

Verrohung und Sentimentalität

Man fragt sich ja gleich, wie etwas «Atmosphäre haben kann» und zugleich «nichts ausdrückt». Die Frage kann schwerlich geklärt werden, da uns Scruton wie erwähnt eine Definition von «Ausdruck» schuldig bleibt. Viel wichtiger aber ist, was Scruton mit «Atmosphäre haben» im Gegensatz zu «etwas ausdrücken» zu meinen scheint. Er denunziert neben der populären Musik der westlichen Welt damit m. E. ein fundamentales Anliegen vieler nicht-abendländischer Musikstile, die Zuhörer in eine bestimmte Stimmung versetzen wollen und sie gerade von der kritischen Distanz zu befreien versuchen, die Voraussetzung für das Erfahren von Expressivität im Sinne Scrutons ist.

Weshalb ist dies im Gegensatz zu «Ausdruck haben» kein ästhetischer Wert? Scruton ist offenbar der Meinung, dass es sich nicht über Banalität hinauszuhieven vermag. Banalität jedoch ist eng mit Sentimentalität verbunden.

Zur Charakterisierung von Sentimentalität nimmt Scruton die Arbeiten des Philosophen Michael Tanner zu Hilfe (Seite 485). Vier Charakteristiken treffen laut Tanner auf sentimentale Menschen zu: Sie reagieren äusserst leicht auf Stimuli; sie scheinen zwar zu leiden, dieses Leiden aber auch zu geniessen; sie reagieren mit gleicher Heftigkeit auf unterschiedliche Stimuli und sie lassen ihren Reaktionen nicht entsprechende Taten folgen. Im allgemeinen leisten sich sentimentale Menschen ein gefühlsvolles Leben, ohne einen Preis dafür zu bezahlen.

Die Analyse gipfelt in der Auszeichnung aristokratischer gegenüber demokratischer Kultur (Seite 497): «Die aristokratische Kultur hat eine instinktive Abneigung gegen alles, was vulgär, sentimental oder platitüdenhaft ist; nicht so die demokratische Kultur, die den guten Geschmack der Popularität opfert und dem Bürger keinerlei Hindernisse in den Weg legt, auf der Suche nach seinem eigenen Geschmack.» Diesen Sentimentalitätsbegriff verwendet Scruton für einen etwas unorganisierten und widersprüchlichen Zweifrontenkrieg. Die eine Front wurde bereits abgesteckt: der Tribalismus des Heavy Metal, der Scruton als Zeichen einer Verrohung der musikalische Sitten dient. Die andere ist die «banale» (Seite 345) und damit «sentimentale» Musik Andrew Lloyd Webbers, die als einzige (Seite 500) heute eine Brücke zu schlagen versuche zwischen E- und U-Musik und in der vom Rhythmus bestimmten Welt das Bedürfnis nach Melodie und Harmonie abdecke.

Abgesehen davon, dass Scruton seinen Blick extrem verengt und so wichtige Strömungen wie Gospel, Soul, Country, New Age und – vor allem – die Filmmusik von John Williams oder Jerry Goldsmith völlig links liegen lässt (dass er nur gerade Webber erwähnt, mag damit zusammenhängen, dass dieser ein Landsmann ist): Die Dichotomie hätte ihn misstrauisch machen müssen. Wie kann es nämlich sein, dass die Folge der Demokratisierung der Musik eine Verrohung ist und zugleich eine Sentimentalisierung? Scruton deutet das Bedürfnis nach Sentimentalität als Gegenreaktion zur Bombardierung mit rohem Rock und Heavy Metal. Wer sich ein bisschen umsieht, wird aber leicht feststellen, dass die Musical- und Soul-Konsumenten nicht die Kinder der Rebellen mit Little Richard, Stooges und James Brown im Ohr sind, sondern diejenigen, deren geistige Vorväter- (und vor allem -Mütter) sich eh schon an Frank Sinatra, Paul Anka, Perry Como und bestenfalls Elvis Presley orientiert haben.

Die Rolle der Massenmedien

Es stellt sich vor allem die Frage, ob Musik, die «eine Atmosphäre hat» damit auch sentimental im Sinne der obigen Definition sei und ob sentimentale Menschen oder solche, die sich zu gewissen Zeiten ihres Lebens sentimental gebärden, nicht-sentimentalen moralisch unterlegen sind. Letzteres muss m.E. nicht der Fall sein. Tatsächlich scheint mit dem Einzug der Massenmedien Musik auch eine neue Funktion zu übernehmen, nämlich diejenige der «Seelenhygiene», während derer sich Menschen zum Zweck der Entspannung sentimental verhalten, dies aber sehr wohl wissen und dennoch fähig sind, auch andere Formen der Musikrezeption zu beherrschen. Musik kann überdies sehr wohl Atmosphäre haben, ohne damit die sentimentalen Bedürfnisse von Hörern anzusprechen. Vielmehr hilft sie dabei, sich in bestimmte Gemütszustände zu versetzen, die eine genuine emotionale Erfahrung bedeuten und die eigene differenzierte Emotionalität bereichern.

Was «Atmosphäre haben» für einen ästhetischen Wert haben kann, lässt sich erst erklären, wenn die beste dieser Art von Musik analysiert wird. Dazu zählen würde ich unter anderem – die Aufstellung ist subjektiv und nicht vollständig –das klassische Shakuhachi-Repertoire Japans, die klassische Musik Indiens, der zeitgenössische Jazz im Umfeld des Berklee College, die Gitarrenmusik Sebastiao Tapajos und die Klavierimprovisationen Hermeto Pascoals, Vertreter der MPB, die ich beide höher schätze als die in nach Scruton-Art gutbürgerlichen Kreisen bekannteren Baden Powell oder Luiz Bonfa. Das Problem dabei ist allerdings, dass sich «Atmosphäre haben» genauso wenig definieren lässt wie «Ausdruck» und dass man das Schätzen einer von Musik vermittelten Atmosphäre auch lernen muss und es Menschen gibt, die das Sensorium dafür haben und solche, die es weniger haben. Atmosphäre kann betörend, sinnlich, aber auch gewalttätig sein (in metaphorischem Sinne wohlgemerkt).

Diese Art von ästhetischem Wert besteht übrigens drei der vier Tests von Scruton. Einzig einem – der Forderung nach Entwicklung und Artikulation – müsste sie entschlüpfen, da die Wahrnehmung von Entwicklung und Artikulation eine Art kognitiver Aufmerksamkeit erfordert, die der Erfahrung von Atmosphäre im Wege steht (dies bedeutet allerdings keineswegs, dass die Varietas nicht auch ein bedeutendes Mittel dieser Art von Musik sein kann!) Man könnte die Tests mit Blick auf diese ästhetischen Wert jedoch durch einen weiteren ersetzen: Atmosphäre macht Musik von einem abstrakten Beziehungsspiel von Tonwellen zu einer sinnlichen Geste.

Geheimbündlerisches

Ein derartiges semantisches Verständnis von Musik und dasjenige von Scrutons führt zu einer Pattsituation: Aussage steht nun gegen Aussage. Damit muss die Philosophie ihre Waffe strecken. Der Zugang Scrutons zur Ästhetik der Musik erweist sich demnach ausser in seiner kritischen Demontage der Idee von Musik als Sprache als Unfruchtbar, indem er Präferenzen des Musikhörens einer bestimmten Wertegemeinschaft nicht über diese hinaus zu verteidigen vermag. Das Scheitern zeigt aber auch ein grundsätzliches Problem der Musikästhetik auf: Ihr empirisches Material sind zu wesentlichen Teilen Beobachtungen in einem bestimmten Musikstil geschulter Hörer, die sich überdies meistens einig sind darüber, dass Geschmacksfragen in Sachen Musik über das rein Subjektive hinausgehen, in der konkreten Einzelwertung aber in der Regel nicht zu Einigkeit gelangen.

Scrutons Buch zerfällt wie gesagt in zwei Teile. Im einen ist Scruton Philosoph, im andern wird er zum Polemiker, der mangels Kenntnis dessen, was er bekämpft, mit stumpfen Waffen antritt. Die Polemik durchzittert eine seltsame Art von Lebensangst, die alles in eine sichere Distanz bringen möchte, bis hin zum Erlebnis musikalischer Sinnlichkeit. Seine etwas unmotivierten Äusserungen zu Freundschaft und der Notwendigkeit echter Freundschaft sowie die Vorstellung, man müsse sich aus dem öffentlichen Leben in die eigene Stube zurückziehen, um Musik noch richtig zelebrieren zu können, hat etwas Geheimbündlerisches. Die Haltung erinnert an die literarischen Werke des Japaners Mishima, der eine ähnlich exklusiv-elitistische Philosophie pflegt, mit Ansätzen ins Preziöse, und ebenfalls den Niedergang einer Kultur – in seinem Fall der klassisch japanischen – beklagt.

Man kann der Behauptung Scrutons eine andere entgegensetzen: Im Niedergang begriffen sind die Werte des Bildungsbürgertums, und zwar nicht wegen einer Attacke von aussen, sondern weil sich ihre Träger selber – die gutausgebildete Mittelschicht – immer mehr davon distanzieren. In diesem Licht tönt Scrutons Klage eher nach der Suche eines aussenstehenden Schuldigen für das genuine Versagen seiner eigenen Wertegemeinschaft als nach einer schlagkräftigen Kulturkritik.

Ob man diese Art von Niedergang als beklagenswert ansieht, ist jedoch eine andere Frage. (wb)

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