21.12.2012
Der interdisziplinäre Kongress Mozart & Science brachte in Krems zum vierten Mal Wissenschaftler unterschiedlichster Provenienz zusammen, um die Grundlagen der Musiktherapie zu diskutieren.
In Sachen Musiktherapie ist in den letzten Jahren ein mehrfacher Mentalitätswandel zu beobachten gewesen. Vieles hat sich verändert, vieles ist nach wie vor im Fluss. Zum einen ist eine strukturelle Akzentverschiebung zu beobachten: Historisch gewachsene Schulen mit je eigenem philosophischem Überbau und in der Regel von Gründerpersönlichkeiten geprägte Schulen scheinen an Bedeutung zu verlieren – zugunsten einer Fokussierung auf spezifische Anwendungen im klinischen Alltag. Zum andern sucht die Disziplin den Anschluss an die wissenschaftliche Fundierung in Form von evidenzbasierten Wirksamkeits- und Wirtschaftlichkeitsnachweisen. Beides befördert den internationalen Dialog und die globale Vernetzung im Rahmen der Scientific Community klinisch tätiger Fachgruppen.
Der Kongress Mozart & Science, der mit nachhaltiger Unterstützung durch das Land Niederösterreich dieses Jahr zum vierten Mal realisiert worden ist, spielt dabei die Rolle eines Katalysators. In der neuen Heimstätte – der Fachhochschule Krems, die damit gleich ihre neuen Gebäude hat einweihen können – hat er auch geografisch einen festen Ort gefunden, nachdem frühere Auflagen in Baden bei Wien und im Zentrum Wiens durchgeführt worden sind. In Krems wird 2014 zudem der nächste Weltkongress der Musiktherapie über die Bühne gehen.
Wissenschaftlichkeit kritisch hinterfragt
Ein zentrales Thema waren in Krems die Robustheit und Aussagekraft der aktuellen Forschungsarbeiten zu den Wirkungen von Musiktherapie. Rund ein Jahrzehnt lang sind nun empirische Methoden ihres Nachweises eingeübt wurden. Ihr Ziel: das Fach wissenschaftlich auf das Niveau anerkannter Therapiemethoden im klinischen Umfeld zu heben. Da galt es, vor allem einmal für neue Denkweisen einzustehen und die Fachwelt affirmativ dafür zu gewinnen.
Im Rahmen der Konferenz wagte vor allem Thomas Hillecke, Dekan an der Fakultät für Therapiewissenschaften der SRH Hochschule Heidelberg und eine der treibenden Kräfte dieser Entwicklung im deutschsprachigen Raum, den konsequenten Schritt zurück. Trotz der spürbaren Anstrengungen diagnostizierte er nach wie vor ein Qualitätsdefizit in der wissenschaftlichen Arbeit. Nach wie vor verfalle man allzu gerne dem mereologischen Irrtum der unzulässigen Verallgemeinerung schwacher Einzelbefunde und der publizistischen Unterschlagung negativer Resultate.
Auch die Tatsache, dass heute Kontrollinstanzen wie die Cochrane Collaboration die Forschungen in Sachen Musiktherapie im Blickfeld habe, biete noch keine Qualitätsgarantie. Die Kontrolleure bestätigten zwar, so Hillecke, dass die Therapieform im Prinzip in der Lage sei, Wirkungen zu erzeugen. Die entsprechenden Arbeiten würde aber auch sie nach wie vor als mangelhaft betrachten.
Der an der Donauuniversität in Krems lehrende Gerald Gartlehner stellte die grundsätzliche Frage, was evidenzbasierte Medizin sein müsste, um ihre Aufgabe tasächlich erfüllen zu können. Einzelne Arbeiten hätten dabei wenig Aussagekraft. Die zunehmende Flut an Publikationen rufe vielmehr nach Meta-Analysen und Kontrollinstanzen wie der Cochrane Collaboration.
In einem Impulsreferat wiederum wies der Autor dieses Textes darauf hin, dass die Geisteswissenschaften im deutschsprachigen Raum ihren Beitrag zu einer solideren Fundierung des Faches nicht zu leisten vermögen, sei es aus Mangel an Willen, sei es wegen fehlender Ressourcen.
Psychologen, Linguisten, Philosophen, Musiktheoretiker und weitere Fachvertreter müssten die theoretischen Modelle liefern, aufgrund derer Neurowissenschaftler und Therapeuten zukunftsfähige Experimentaldesigns entwerfen könnten. Zur Zeit stützten sie sich noch allzu oft auf Konzepte ab, die im 19. Jahrhundert zu ganz anderen Zwecken entworfen worden seien.
Asien im diskursiven Aufbruch
Neben solchen Fundamentalkritiken waren von Vertretern der Hochkulturen des Osten, namentlich Indien, Korea und China, ungewohnt offene und kritische Töne zu vernehmen. Noch immer bekunde man Mühe, sich von der Idee zu befreien, dass alleine jahrtausendealte Traditionen es rechtfertigten, die Dinge unhinterfragt so zu tun, wie man sie eben tue, meinten sowohl die indische Vertreterin Sumathy Sundar als auch Wolfgang Mastnak, ein profunder Kenner der Szene in China.
Noch fehle in den östlichen Grossräumen eine Kultur des kritischen Nachfragens und Überprüfens des eigenen Tuns. Ähnliches wusste Martin Greve aus der Türkei zu berichten, wo das Fach ein ausgesprochenes Randdasein führt, obwohl in der weiteren Region historisch mit der altorientalischen Musiktheorie ein prominenter Beitrag zu einer Idee der musikalischen Heilkräfte geleistet worden ist.
Wie in den Neurowissenschaften, in denen den Heilserwartungen des «Jahrzehnt des Gehirns» Ende des 20. Jahrhundert eher Ernüchterung gefolgt ist, macht sich auch in der Musiktherapie-Forschung vermehrt Pragmatismus breit: Von den zahlreichen neuen Ideen und Methoden werden in der Praxis auf eklektische Weise diejenigen übernommen, die vielversprechend scheinen, ohne wie in Zeiten reiner Lehren und paternalistischer Gewissheiten davon auszugehen, den (einzig) richtigen Weg zu beschreiten.
Pragmatische Lösungen in der Praxis
Wie sich solche Vorläufigkeit in der Praxis nutzen lässt, skizzierte Petra Kern, die in den USA tätige frühere Präsidentin der WFMT (World Federation of Music Therapy). Sie plädierte für einen strukturierten Umgang mit aktuellen Erkenntnissen, allerdings nach einem methodisch solide abgesicherten Entscheidfindungsprozess. Resultate der empirischen Forschung in Form von wissenschaftlichen Publikationen bilden dabei bloss einen Teil eines Arrangements für ein bestimmtes therapeutisches Vorgehen. Ebenso wichtig sind soziale, kulturelle und individuelle Aspekte.
Die Bostoner Musiktherapeutin Suzanne Hanser zeigte Aspekte der Arbeit im Rahmen integrativer Medizin auf, ihr finnischer Kollege Jaakko Erkkilä präsentierte ein Projekt eines Trainings «für ein gemeinsames Therapieverständnis von Therapeuten und Therapeutinnen» in der Einzeltherapie. der Klagenfurter Kommunikationswissenschaftler Günther Stotz wiederum machte sich grundsätzliche Gedanken zur Frage, wie weit Wissenschaft und Forschung soziale Konstruktionen darstellen.
Auch die zeitgemässen Werkzeuge zum Wirksamkeitsnachweis hatten ihren Platz. So legte etwa Gerhard Tucek, der Kongressverantwortliche und Studiengangsleiter Musiktherapie in Krems, zusammen mit der Tiroler Mikrobiologin Susanne Perkhofer dar, wie mit physiologischen Indikatoren nachgezeichnet werden kann, was sich in der Interaktion zwischen Therapeut und Patient abspielt.
Stärken in der klinischen Arbeit
Ist in der methodischen und empirischen Begründung des Faches damit einiges in Bewegung, offenbarte der Kongress, dass sich mit Blick auf die Anwendungsgebiete Muster abzuzeichnen beginnen. Dass Musiktherapie im klinischen Alltag vor allem dort Stärken ausspielen kann, wo es an den Rändern der menschlichen Existenz darum geht, Kontakte und emotionale Zugänge zu schaffen, zeigte sich in den Forschungs- und Praxisberichten der Tagung.
Da wurde in Workshops die Arbeit in Neonatologie, auf Krebsstationen, in Intensiv- und Palliativmedizin sowie mit Autismus- und Wachkomapatienten berichtet, Bereiche, in denen der Hörsinn die erste, letzte oder gar einzige Form von Kommunikation darstellt. Musiktherapeuten sind in einem solchen Umfeld häufig diejenigen Fachkräfte, die im Gegensatz zu behandelnden Ärzten oder Pflegepersonal die kostbare Zeit zur Verfügung haben, um den häufig langsam ablaufenden Prozessen der menschlichen Begegnung gerecht zu werden. Allerdings stossen auch sie in diesen Extremsituationen an ihre psychischen Grenzen. Unter dem Titel «Selbstfürsorge als eine Frage der Berufserfahrung?» wurde das für die Arbeit auf deutschen Palliativ-Stationen am Kongress im Rahmen einer Postersession eines Heidelberger Teams ebenfalls thematisiert.
Gedanken zu den gesundheitspolitischen Erwartungen an die Musiktherapie machte sich der niederösterreichische Landeshauptmann-Stellvertreter Wolfgang Sobotka, der einmal mehr das Bekenntnis der lokalen Politik zur Musiktherapieforschung bekräftigte. Dank dieser unschätzbaren politischen Unterstützung hat Krems das Potential, sich zu einem globalen Kompetenzzentrum in Sachen Musikwirkungsforschung weiter zu entwickeln. (wb)