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Musik Europas

25.10.2003 — Händels Oratorium «Der Messias» hat in der Zeit seit seiner Schaffung bis ins 20. Jahrhundert eine Entwicklung zur Gigantomanie durchgemacht: 1771 wurden für eine Aufführung des «Messias» zugunsten des Foundling Hospitals neben dreissig professionellen Sängern sechsundzwanzig Volontäre aufgeboten und der Chor war somit grösser als das Orchester. Die Aufführungen des «Messias» im Mai und Juni 1784, anlässlich derer Händels Geburtstag – irrtümlicherweise ein Jahr zu früh – gefeiert wird, begründen die grossen Musikfeste der neueren Zeit. In einer von Herder übersetzten Version findet das Oratorium den Weg auch nach Deutschland. Die beiden Aufführungen von 1784 präsentieren mit einer noch stärkeren klanglichen Neugewichtung eigentlich ein neues Werk; die Zahl der Mitwirkenden einer «Messias»-Aufführung sollte im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts jedoch noch in schwindelerregende Höhen steigen.

Im deutschsprachigen Raum beschäftigen sich der tief beeindruckte Goethe, aber auch Zelter, Hiller und vor allem Mozart intensiv mit dem Werk. Letzterer schafft sich sogar eine eigene Version: Seine Neuinstrumentierung (und stellenweise Neuschöpfung) lässt die Vokallinien weitgehend unangetastet, fügt dem Orchester aber Blasinstrumente hinzu, die dem Geschmack der Zeit entsprechen. Die Neuinstrumentierungen des Messias besitzen übrigens auch sonst eine interessante Geschichte. So kann Mozart «The trumpet shall sound» nicht eins zu eins in die deutsche Version übernehmen, weil es in der deutschen Bibel Posaunen sind, die die Ankunft der Auferstehung ankündigen. Anlässlich späterer grosser Musikfeste wird der Orchesterpart des «Messias» zudem aus dem einfachen Grund angereichert, weil für andere Werke zahlreiche Instrumentalisten aufgeboten werden, die über die ganz Zeit der Festivitäten hinweg beschäftigt sein wollen.

Im neunzehnten Jahrhundert wir der «Messias» zu so etwas wie der Grossen Abendländischen Festmusik. Auf seine Aufführungen geht die Schaffung der modernen Oratorienvereine zurück. Im England des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts provozieren die zu einem rituellen Akt gewordenen Wiedergaben im Crystal Palace einen Stossseufzer Shaws: Tausende von Mitwirkenden ermöglichen keine künstlerisch und gedanklich vertretbare Wiedergabe mehr. Die berühmt-berüchtigten Monumentalaufführungen spiegeln auch das zwiespältige Verhältnis des viktorianischen England zu den Botschaften musikalischer Gesamtkunstwerke: In einem Land, in dem Verdis «Traviata» nur als Oratorium aufgeführt werden kann, lässt sich auch – wie zum Beispiel von Cyril Scott – die Auffassung vertreten, dass die ganze viktorianische Mode bis hin zur Vorliebe für schwarze Pferdehaarsofas und übertriebene Trauerrituale auf Händels Einfluss zurückführbar sind.

Händels Aufführungen des «Messias» zugunsten des Foundling Hospitals brachten die hübsche Summe von 6935 Pfund. Wie wohl kein zweiter vor und nach ihm verstand er es, Musik und Ethos geschickt zusammenzubringen: Nicht wie Bach mit pietistischer Verinnerlichung, sondern mit einer typisch englisch-utilitaristischen Art und Weise, Kunsterlebnisse zur wohltätigen Erhöhung der Spendefreudigkeit auszunützen. (wb)

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