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Die Gesänge der Indianer

14.12.2003 — Im Jahr 1870 wurde einem Indianer in Nevada als Vision der «Geistertanz» verkündet. Seine Botschaft war: Die Toten, Menschen wie Wildtiere, würden zur Erde zurückkehren und den Frieden, auch zwischen Weissen und Indianern, bringen. Die Prophezeiung einigte 1890, als die Ausrottung der Bisons durch weisse Jäger Tatsache geworden war, und die Plains- und Prairie-Indianer vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch standen, die Stämme zum grossen Aufstand; mit der blutigen Niederlage an Wounded Knee fand dieses letzte Aufbäumen ein tragisches Ende.
Die ungewöhnliche Breitenwirkung des Geistertanzes wird nur noch durch den Peyote-Kult übertroffen, der bereits im 18. Jahrhundert von Mexiko aus einen Siegeszug über den ganzen nordamerikanischen Kontinent antrat. Noch heute lebt der durch Carlos Castañeda auch in der industrialisierten Welt bekannt gemachte, streng reglementierte Brauch in den Reservaten weiter. Die Peyote-Anhänger verstehen sich als Christen; ihre Anliegen sind die Versöhnung mit den Weissen, brüderliche Liebe und Fürsorge für die Familie – was die amerikanische Regierung nicht daran hinderte, den Kult zu verbieten. Heute sind die Peyotisten in der Native American Church mit Sitz in Washington D.C. vereinigt.

Die Kunstlieder der indianischen Völker sind nicht Allgemeingut, sondern einer Art ungeschriebenem Urheberrecht unterworfen. Im indianischen Verständnis sind sie denn auch keine abstrakten, von Menschen erfundene Strukturen, sondern Dinge. Schutzgeister überreichen sie ihren Besitzern im Traum; sie werden deshalb weder verändert noch verwendet sie ihr Besitzer zur Improvisation. Daraus resultiert eine hohe Stabilität des Liedgutes, das in manchen Regionen gekauft, geerbt, ja auch gestohlen werden kann. Aber auch die indianische Ästhetik unterscheidet sich in erheblichem Masse von der abendländischen: Es ist nicht Schönheit, was die Kraft der Gesänge ausmacht, sondern ihr Wert als Mittel zum Zweck; eher als mächtig oder gut werden sie deshalb angesehen. Neben dieser schamanischen Kunstmusik sind jedoch auch andere Formen üblich. So kennen die Eskimos eine «singende» Gerichtsbarkeit; die streitenden Parteien schleudern sich so lange trommelbegleitete Schmählieder gegenseitig ins Gesicht, bis sich eine der Parteien «von den Beweisgründen des Gegners und der Reaktion der Zuhörer beschämt, zurückzieht und damit für schuldig erklärt».

Die Erforschung der indianischen Musik durch die abendländische Ethnomusikologie mass die Gesänge lange Zeit an der eigenen polyphonen Tonkunst. So veröffentlichte Alice Cunningham Fletcher 1883 Gesänge der Sioux und Pawnee in europäisch harmonisierter Form, und selbst Paul Collaer, der die Eigenständigkeit dieser Musik durchaus erkannte, schrieb in seinem Standardwerk 1967 noch davon, dass den Indianern Nordamerikas «der Sinn für Harmonie und Polyphonie» fehle. Einer der wichtigsten Gründe solcher Fehleinschätzungen liegt in der Tatsache begründet, dass die Forscher sich auf die Untersuchung der Instrumente und den Rhythmus der Musik konzentrierten; aus ihrer Perspektive schienen sie wichtiger als der Gesang. (wb)

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