28.12.2003 — Die moderne Kunst wird zusehends multidisziplinär. Da erstaunt es, dass gerade auf dem designverliebten Gebiet der Architektur die Akustik immer mehr zum schon fast sträflich vernachlässigten Stiefkind wird. Über die Konsequenzen und mögliche Koexistenzen von Raumakustik und optischer Aufmachung hat sich Codex flores mit dem ausgewiesenen Akustiker Martin Lachmann unterhalten.
In ländlichen Gebieten schult sich das Ohr an den feinen Geräuschen der Natur: Mögliche Gefahren müssen geortet, die Wetterlage richtig eingeschätzt werden. Das Rascheln der Blätter, Tierlaute, Wind und Wasser animieren das natürliche Hören. Ganz anders die Klangkulissen in der Stadt: Über weite Strecken werden sie durch künstlich geschaffene Welten geprägt: den Walkman, die Musik in der Bar und im Auto und zahlreiche weitere omnipräsente Medien. Die urbane Gleichgültigkeit gegenüber der akustischen Umwelt treibt seltsame Blüten. Raumdesigner können sich über eine falsche Schattierung einer Wandfarbe oder ungünstig platzierte Lichtquellen ereifern, zeigen sich aber gegenüber offensichtlichen akustischen Missverhältnissen indifferent.
Die Weblinks:
Applied Acoustics
Schweizerische Gesellschaft für Akustik
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Ein sprechendes Beispiel ist das Restaurant Lasalle im Zürcher Schiffbau, einer Dependance des Schauspielhauses der Stadt, die als angesagter Treffpunkt der Kulturschickeria gilt. Ein akustisch bloss oberflächlich geschulter Mensch müsste sich weigern, den Raum überhaupt zu betreten: Der schmucklose, einfache Quader mit riesigen Glasflächen verrät schon von aussen hohe Nachhallzeiten und mangelnde Streuung. Wer in dem vollbesetzten Lokal einen Abend verbringen und sich dabei mit Freunden auch noch unterhalten will, muss sich ein dickes Trommelfell zulegen.
Wie kommt es, dass die desolate Raumakustik, die ein angenehmes Zusammensein praktisch verunmöglicht, kein Thema ist – nicht einmal in einem Lokal, das als Rückzugs- und Wohlfühlnische für einen Jazzclub und eine Schauspielbühne dient?
Vom Verschwinden natürlicher Nachhalldämpfer
Lachmanns im Baselbieter Gelterkinden beheimatete Firma berät Architekten, Stadtplaner und weitere, wenn es um die akustische Ausgestaltung von Räumen geht, seien dies Studios, Theaterräume, oder eben auch Restaurants und Sitzungszimmer. Derart massive akustische Probleme, wie sie im Lasalle zu beobachten sind, sind – so Lachmann – ein relativ junges Phänomen. Früher war die Akustik in der Architekturkultur kaum je Grund zur Sorge: Die verspielte und verschnörkelte Formensprache – man führe sich etwa ein altes Restaurants mit Holzvertäfelungen, Schnitzereien, aufgebrochenen Flächen und gepolsterten Stühlen vor Augen – ergab ganz von selber eine gute Akustik. Die aktuellen Strömungen in der Architektur, die grossen Glasflächen, einfachen geometrische Formen, das Fehlen ornamentaler Verzierungen, die harten Bodenbeläge, dies alles läuft der Akustik hingegen zuwider.
Akustik, erklärt Lachmann, wird erst dort ernstgenommen, wo sie einen «Unique Selling Point», ein wichtiges Verkaufsargument darstellt. Dies ist vor allem in der Autoindustrie der Fall. Da wird bewiesen, dass ausgeklügeltes Klangdesign durchaus möglich ist. Weder das Motrengeräusch noch der richtige Sound einer zuknallenden Türe wird in den Labors der Bolidenbauer dem Zufall überlassen, die Geräuschwelt des fahrbaren Untersatzes von der Pleuelstange bis zum Heck akribisch geformt.
An Orten hingegen, an denen die Akustik auch ein gewichtiges Argument der geistigen und körperlichen Gesundheit wäre, beobachtet Lachmann eine zum Teil erschreckende Gleichgültigkeit. Etwa in Räumen, in denen unterrichtet oder gelernt wird, in Bibliotheken, Hörsälen, Schulzimmern und so weiter. Internationale Studien beweisen, dass mangelndes Akustikdesign in den Schulstuben ein grosses Problem darstellt. Die Lernleistungen werden empfindlich eingeschränkt. In einer normalen Primaschulklasse haben ständig rund zwanzig Prozent der Kinder eine Hörbeeinträchtigung – möglicherweise auch nur wegen Grippe, Mittelohrentzündung oder anderen Krankheiten. Kommt eine schlechte Raumakustik hinzu, schalten die Zöglinge innerlich ab. Auch für die Lehrer, deren Stimme extrem gefordert ist, kann die mangelhafte Akustik zum Gesundheitsproblem werden.
Akustik kein Thema
Die Missstände sind so gross, dass die Schweizerische Gesellschaft für Akustik Handlungsbedarf sieht. Als Gegemittel hat sie sich die Durchsetzung der durchaus existierenden Normen auf die Fahne geschrieben. Mit einer einfach lesbaren Broschüre zur Gestaltung von Schulzimmern soll in naher Zukunft unter den Architekten das Bewusstein für die Problematik gefördert werden.
Aber auch anderswo müsste interveniert werden: Der Stellenwert der Akustik in der Ausbildung der Architekten, sowohl auf ETH- wie Fachhochschulstufe, ist in den letzten Jahrzehnten immer geringer geworden. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass die Akustiker im Gegensatz zu andern Ingenieurswissenschaftlern kaum mit exakten Eingabeparametern argumentieren können. Stahl- oder Maschinenbautechniker verfügen über dicke Bücher, in denen die von ihnen genutzten Materialien vom Schmelzpunkt bis zum Biegemoment und allen weiteren Details charakterisiert werden. In der Akustik ist man in dieser Hinsicht noch sehr eingeschränkt. Zwar weiss man, wie stark ein Material abhängig von der Frequenz absorbiert. Viele weitere wichtige Parameter fehlen aber. Und Gesamtberechnungen sind meist so kompliziert, dass sie nicht praktikabel sind.
In der Akustik zählt also viel mehr als in andern Disziplinen die Erfahrung. Anerkannt ist die Akustik in erster Linie, wenn es um den Lärmschutz geht. Der Gesetzgeber schreibt bei einem Bauprojekt für exponierte Lagen Gutachten vor. Diese sollen ermitteln, ob der Umgebungslärm für künftige Nutzer eines Gebäudes zumutbar ist. Wer etwa ein Haus direkt an eine Bahnlinie bauen will, muss nachweisen, dass geeignete Isolation vor dem Lärm schützt. Dabei hat die Schweiz hierzulande durchaus Verdienste vorzuweisen. Ihre Lärmschutzgesetzgebung wird in Europa als vorbildlich angesehen. Die Suva (Schweizerische Unfallversicherungsanstalt) definiert klare Grenzwerte für den zumutbaren Lärm am Arbeitsplatz, die in der Industrie sehr gut respektiert werden. Der Bereich Gaststätten ist allerdings eine rechtliche Grauzone. Restaurants und Discobetriebe werden von der Lärmschutzverordnung nicht als eigene Kategorie erfasst, eine Gastwirtschaft zählt nicht als Industrie und das Servicepersonal in einer Disco wird unter Umständen Lärmpegeln ausgesetzt, die für Industriearbeiter als absolut unzumutbar angesehen würden.
Die Raumakustik wird hingegen immer mehr vernachlässigt. Ein eigentliches «Klangdesign» einer Stadt, eines Quartiers oder einer Überbauung ist erst recht kein Thema. Es gibt, meint Lachmann, fallweise Interventionen, etwa die künstlerische Arbeit von Andres Bosshard oder das World Forum for Acoustic Ecology. Die Bedeutung solcher Ansätze sei aber leider marignal.
Den Dialog suchen
Wenn eine Zusammenarbeit zustandekommt, wird sie, erklärt Lachmann, von einer Art Hassliebe geprägt. Die Akustiker erschrecken die Architekten mit gestalterischen Ablöschern wie gelochten Blechplatten und beklagen sich dann, dass sie kein Gehör finden. Lachmann versucht, diese Kommunikationsfalle zu umgehen. Das bedeutet etwa, dass er die eigenen Materialideen auch an einem gestalterischen Kompromiss ausrichtet. Entscheidend ist dabei das Budget. Wenn man den Ehrgeiz in eine durch und durch designte Akustik steckt, können die Kosten nach oben offen sein. Es können beliebig teure Materialien gewählt werden. In der Regel, versichert Lachmann, sind aber nicht Riesensummen im Spiel. Die Sanitärinstallationen dürften teuerer werden als das durchschnittliche Akustikdesign.
Sucht der Architekt frühzeitig den Kontakt, kann mit der Raumgeometrie und den Flächen gearbeitet werden. Der Akustiker schaut sich dann zuerst mal den Raum an. Geometrie und Lage im Gebäude sind wichtig und schon bei der Raumeinteilung lässt sich einiges in Bewegung bringen. So macht es etwa kaum Sinn, Ruheräume direkt neben den lautesten zu situieren. Der Architekt hat in der Regel kaum eine Vorstellung vom akustischen Verhalten eines Raumes. Lachmann versucht deshalb überdies, die Konsequenzen eines gewählten Raumdesigns für die Akustik aufzuzeigen.
Die Gestaltungsidee und die vom Architekten geplanten Materialien werden unter die Lupe genommen. Ein Computermodell in dem eine Schallquelle positioniert wird, kann hörbar machen, wie der Raum tönt. Daraus entwickelt sich eine Diskussion, in welcher der Architekt selber alternative Materialisierungsideen vorschlägt. In einer zweiten Phase wird mit den Materialien gearbeitet. Da muss man fragen, ob es Flächen gibt, die für die Akustik komplett ausgeschieden werden können. Ist etwa die Decke, sind die Wände frei und verfügbar? Häufig lassen sich Beleuchtungskörper und Akustikmassnahmen kombinieren. Schrankfronten können eingebunden oder Stühle gepolstert werden.
Bild: Martin Lachmann vor dem Plan zum Foyer des UNO-Hauptgebäudes in New York. Die Renovation ist ein Geschenk der Eidgenossenschaft an die UNO anlässlich des Beitrittes des Landes zu Organisation. In dem von Team Inlay realisierten Projekt wacht Lachmann über die Akustik. (wb)