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Von Weltangst beherrscht

10.01.2005 — Es war ein heller Sonntagvormittag, jener erste November 1942, an dem sich Hugo Distler, mit erst 34 Jahren seelisch gebrochen, in seine einsame Dienstwohnung zurückzog, das Bett in die Küche schob und den Raum verdunkelte. Nachdem er das Sterbehemd angezogen hatte, nahm er ein Bild seiner Frau und seiner Kinder in die Hand und drehte den Gashahn auf.

Der körperlich zerbrechliche und geistig einsame Distler lebte in einer Zeit, die für seine Eigenarten kaum Platz freihielt; wie weit Schwermut und fehlende Lebenskraft allerdings auch in ihm selber angelegt sein mochten, lässt sich nur noch schwer feststellen. Das Nürnberger Realgymnasium hatte er als stiller und unauffälliger Schüler absolviert, und selbst während seiner musikalischen Ausbildung in Leipzig scheint er nicht sonderlich aufgefallen zu sein; man sah ihn meist allein, sein Zürcher Mitschüler Walter Tappolet attestiert ihm jedoch eine «ungewöhnliche Energie, die sich geradezu in Verbissenheit steigern konnte».

Seine erste Stelle trat Distler als Jacobi-Organist in Lübeck an – aus finanziellen Gründen hatte er das Studium nicht abschliessen können. In diese Zeit fällt auch die Komposition der Choralpassion, zu der ihm das Erlebnis einer Schütz-Aufführung den Anstoss gegeben hatte. Allerdings scheint Distler aufgrund seines Wesens ohnehin eine starke innere Beziehung zum Karfreitagsgeschehen gehabt zu haben. Nicht selten waren von ihm auch sonst äusserst pessimistische Töne zu hören. Lange vor 1939 war er von der Unvermeidlichkeit eines Krieges überzeugt; Hitler und die Nazis hasste er aus tiefstem Herzen. «Warum findet sich unter denen, die ihr Leben ohnehin verwirkt haben, nicht einer, der dieses Tier aus dem Abgrund beseitigt?» fragte er. Seinen einzigen Bruder sollte er vor Leningrad verlieren. (Die Nazis dürften übrigens nicht unschuldig daran sein, dass Distler sich vornehmlich der Vokalmusik widmete; galt in dieser Zeit die innovative Instrumentalmusik doch als entartet. Nur die Kirchenmusik war ein ideologisch geschütztes Gebiet, auf dem sich der kreative und suchende Komponist von politischen Unannehmlichkeiten unbehelligt bewegen konnte.)

Meist grundlos allerdings fühlte sich Distler von Feinden umstellt, und gelegentlich wurde er von Anwandlungen eines Minderwertigkeitsgefühls heimgesucht. Seine Lebensangst fand ihre Bestätigung allerdings auch in ganz handfesten Erlebnissen, wie zum Beispiel demjenigen des Selbstmordes einer seiner Schülerinnen, deren Körper er zerschmettert am Fuss «seiner» Lübecker Orgel-Empore vorfinden musste. Nach einem Zwischenspiel in Stuttgart wurde Distler 1940 an die Berliner Musikhochschule berufen. Damit hatte er alles erreicht, was ein Musiker in Deutschland zu seiner Zeit überhaupt erreichen konnte.

Allerdings musste er seit Kriegsbeginn den Einzug in die Armee befürchten, eine Vorstellung, deren Grauen durch Begegnungen mit Vertretern des unmenschlichen Militarismus verstärkt wurde. Die ständige Flucht vor der drohenden Mobilisierung scheint den von Weltangst durchdrungenen Künstler endgültig gebrochen zu haben. Die detaillierte Schilderung der letzten Stunden von Distlers Leben verdanken wir einer Gedenkrede seines Freundes Oskar Söhngen; wie kaum sonst etwas entwirft sie ein Bild von Distlers Persönlichkeit: Nachdem er sich in grösster Hoffnungslosigkeit, überarbeitet und überreizt zum Sterben entschloss, setzte er sich noch ein letztes Mal an seine geliebte Orgel, spielte eine Bearbeitung des Bachschen Chorals «Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr»; dann schrieb er seiner Frau einen Abschiedsbrief. Von zu Hause nahm er nur die Bibel und ein Messingkreuz mit auf seinen letzten Weg.

Der Brief, der ihm die «Uneinziehbarkeit in den Militärdienst» garantierte, erreichte ihn – am Tage nach seinem Freitod – zu spät. (wb)

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