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Dem Andenken eines Engels

03.05.2005 — Zeitlebens verfolgte ihn die 23, die er seit einem ersten schweren Asthmaanfall an einem 23. Juli als seine Schicksalszahl betrachtete. Der abergläubische, mit überströmender Gemüthaftigkeit begabte Alban Berg verschrieb sich als Schüler von Arnold Schönberg zwar der Zwölftontechnik. Immer aber blieb er ein Kind der üppigen, schwelgerischen, geheimnistuerischen und mystifzierenden Spätromantik. Allein seine Lebensdaten sind bedeutungsschwanger: Sein Geburt fällt ins Jahr 1885 – den zweihundertesten Geburtstag Bachs! –, als Todesdatum wird in der Regel der Heiligabend 1935 angegeben.

In unserer Welt hat er sich nie recht heimisch gefühlt. 1903 fiel er durch die Reifeprüfung und versuchte er sich nach einer unglücklichen Liebe das Leben zu nehmen. 1904 bestand er mit viel Glück die Reife doch noch.

Als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht zu übernehmen begannen, wurde die Situation für den jüdischstämmigen Schönberg schwierig; auch für Berg, den man fälschlicherweise ebenfalls für einen Juden hielt und dessen «schwächliche, parfümierte Musik» vollkommen «gemütlos» sei, wie der deutschtümelnde Scharfmacher Paul Zschorlich in der «Deutschen Zeitung» schrieb. Um sich ein eigenes Sprachrohr zu schaffen, gründeten seine Freunde 1932 das Organ «23 – eine Wiener Musikzeitschrift». Offiziell benannt nach einem Paragraphen des Pressegesetzes, in Tat und Wahrheit aber von Bergs Schicksalszahl abgeleitet.

In seinem Todesjahr 1935 erhielt Berg von dem amerikanischen Geiger Louis Krasner den Auftrag zu einem Violinkonzert. Berg schob die Arbeit zunächst auf, weil er von seiner grossen Oper «Lulu» allzusehr in Anspruch genommen war. Dann jedoch starb die achtzehnjährige Manon Gropius, zu der Berg und seine Frau Helene ein herzliches, zärtliches Verhältnis gepflegt hatten, an Kinderlähmung. Die Tochter Alma Mahler-Werfels, der Witwe Gustav Mahlers und des Architekten Walter Gropius, muss über eine zauberhafte Ausstrahlung verfügt haben. Berg widmete das im Sommer 1935 entstandene Konzert denn auch «dem Andenken eines Engels». Programmatisch schildert es Leben, Todeskampf und Verklärung des Mädchens. Im August des Jahres stach Berg jedoch ein Insekt ins Rückgrat. Ein bösartiger Abszess machte ihm bis in den Winter hinein zu schaffen. Im Dezember erkrankte er an einer Blutvergiftung, von der er sich nicht mehr erholen sollte.

Louis Krasner erfuhr vom Tode Bergs per Zufall in einem New Yorker Hotelzimmer aus einer herumliegenden Ausgabe der «New York Times». Das Datum der Uraufführung des Konzerts war jedoch bereits festgelegt. Sie sollte am 19. April 1936 in Barcelona stattfinden. Der Jude Krasner traf Anton Webern, der als Dirigent amtieren sollte, in Wien. Webern weigerte sich zuerst, nach Barcelona zu fahren; Krasner spielte das Konzert mit ihm durch und bat ihn erneut, die Leitung zu übernehmen. Webern willigte schliesslich ein, bestand aber darauf, einen für Krasner nicht ungefährlichen Umweg über Deutschland zu machen. «Als wir nach München gekommen sind», erzählt Krasner in einem Interview mit der «Neuen Zeitschrift für Musik» vom Oktober 1991, «hat Webern gesagt, wir gehen heraus ein Bier trinken; ein gutes dunkles Münchner Bier. Nach kurzer Zeit sind wir dann über die Grenze gefahren, und da hat sich Webern nach einiger Zeit an mich gewandt und gesagt: Na, Krasner, hat Ihnen jemand etwas getan?»

In den ersten Proben in Barcelona verlor sich Webern im Detail-Studium der Partitur, die den mit solcher Musik nicht vertrauten Musikern des Casals-Orchesters ein Buch mit sieben Siegeln war. Am dritten Probentag rannte er vom Dirigentenpult; verstört irrte er durch die Stadt, von der Aufgabe seelisch sichtlich überfordert. Als Retter in der Not sprang Hermann Scherchen ein, dem aus Termingründen bis zum Konzert noch genau eine halbe Stunde Probenzeit blieb. Krasner schildert das Konzert in eindrücklichen Worten: «Natürlich war Scherchen ein wunderbarer Dirigent. Hinzu kam die Tatsache, dass die Musiker sehr bedrückt waren, weil sie sich an der ganzen Situation mitschuldig fühlten. Und dann war da noch der Umstand, dass Berg gerade gestorben war. Das Publikum war subjektiv noch unter diesem Einfluss. So war es nicht wie eine Aufführung, sondern wie eine Andacht. Und als wir geendet hatten – es endet ja sehr ruhig –, hat sich keiner gerührt, und erst nach einer Weile war ein stürmischer Applaus und Scherchen hat die Partitur hochgehalten.»

Das Bedürfnis nach Bedeutungshaftigkeit hat der Witwe Helene Berg in bezug auf den Tod ihres Mannes übrigens vermutlich einen Streich gespielt, datierte sie ihn doch auf das christliche Lichtfest Heiligabend. Berg starb neueren Erkenntnissen zufolge jedoch in der Nacht auf Heiligabend, bereits am … 23. (wb)

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