26.08.2005 — Heinrich Schütz ist kein Musiker, dem gesellschaftlich und familiär ein unbeschwertes Dasein vergönnt gewesen wäre. Überblickt man sein Leben, so ist man erstaunt, mit welcher Vitalität und Lebensbejahung trotz aller widriger Umstände er sich immer wieder für die Seinen und die Musik einzusetzen weiss.
1585 als Sohn eines Wirtes in Weissenfels geboren, wird er vom Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel auf einer seiner Reisen entdeckt und tatkräftig gefördert. Über die einzelnen Stationen seines Wirkens brauchen nicht viel Worte verloren zu werden, auffällig ist die Beständigkeit und Treue, mit der er gedient hat, zuerst in Kassel, später – mehr als dreissig Jahre – in Dresden am Hofe des sächsischen Kurfürsten, dem er, im Interesse der von ihm abhängigen Untergebenen, selbst dann noch mit aller Kraft beisteht, als dieser sich schon lange der Trunksucht ergeben hat und den hartnäckigen Bitten seines Kapellmeisters nach Linderung der Not ebenso hartnäckiges Schweigen entgegensetzt.
In dieser schwierigen Zeit gibt Schütz zur Unterstützung seiner notleidenden Musiker beinahe alles hin, was er besitzt. Die Anerkennung jedoch bleibt ihm versagt, und viel Ungemach, das er erleidet, muss darauf zurückgeführt werden, dass er nicht in erster Linie die eigene Karriere im Auge hat, sondern in erster Linie die Qualität der Musik.
Unter keinem guten Stern steht auch sein Familienleben. Seine Frau, die er von ganzem Herzen liebt, stirbt sechs Jahre nach der Hochzeit. Schütz hat sie nie vergessen können: Kurz vor seinem Tode lässt er ihr Grab neu herrichten, an ihrer Seite will er selbst beerdigt sein.
Auch mit seinen Töchtern hat er kein Glück. Euphrosyne, die einzige, die das heiratsfähige Alter erreicht, ist schwächlich und stirbt vier Jahre nach ihrer Hochzeit, auch von ihren Kindern überlebt nur eines. Selbst die meisten seiner Geschwister sieht Schütz vor sich ins Grab sinken.
Auch wenn Schütz einen Grossteil seines Lebens am Hofe des sächsischen Kurfürsten in Dresden verbringt, so bringen ihn Studienreisen doch auch nach Italien zu Giovanni Gabrieli, wo er neben der neuen, leichten Art des Musizierens umfassenden humanistischen Geist kennenlernt. Dem Kurfürsten Johann Georg gelingt es lange Zeit, im Dreissigjährigen Krieg sein Land aus den religiösen und politischen Auseinandersetzungen zwischen den kaiserlich Katholischen unter der Führung Wallensteins und den reformierten Streitkräften Gustav Adolfs herauszuhalten.
Die apokalyptische Zerstörung Magdeburgs – bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lässt sich in Europa kein vergleichbares Ereignis mehr finden – bildet jedoch den Auftakt zu einer Eskalation der Auseinandersetzungen, von denen abzusehen ist, dass sie sich auf sächsischen Boden ausweiten werden. Als die Kaiserlichen die Burg von Weissenfels plündern und Tilly unter Verwüstung des umliegenden Landes in Sachsen einbricht, schlägt sich der Kurfürst auf die Seite Gustav Adolfs.
Die Bilanz jahrzehntelanger Unkultur ist erschreckend: Städte, die abwechselnd von den kaiserlichen und den schwedischen Truppen geplündert worden sind, zählen nach dem Krieg noch ein Drittel ihrer ursprünglichen Bevölkerung; raubende, brandschatzende und mordende Soldatenverbände, deren Versorgung das umliegende Land zu besorgen hat, ruinieren ganze Ernten, foltern und vergewaltigen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden; Seuchen, Hungersnöte und religiöser Wahnsinn, wie er sich nicht zuletzt in den sinnlosen, tausendfachen Hexenverbrennungen manifestiert, sind die Begleiterscheinungen des Krieges.
Im Gegensatz zur Johannespassion, in welcher der Nachvollzug der Leiden Christi im Zentrum steht, ist das Evangelium nach Matthäus auf die Zukunft, auf die Erschaffung der neuen Gemeinde gerichtet. Für dessen Vertonung, die als Aufforderung an die Nachkriegsgeneration, ein neues Europa zu schaffen, angesehen werden kann, wählt Schütz den dorischen Modus. «Um solche grundlegende Allgemeinverbindlichkeit zu symbolisieren, nimmt Schütz die universelle Tonartengruppe, die in der Gabrieli-Schule die Mitte der möglichen Affektlagen zeichenhaft symbolisiert» (Otto Brodde).
Es ist dies wohl auch die angemessene Art, die düsteren Jahre des Dreissigjährigen Kriegs und den christlichen Auftrag in Erinnerung zu rufen. Schütz bedient sich des unbegleiteten Rezitativs. Die Matthäuspassion setzt zudem mit asketisch leeren Quinten ein, in die sich, «erschrocken über den gähnenden Abgrund, sofort Intervalle der Nebentonart mit dem weiterführenden Wort schieben» (Martin Gregor-Dellin) (wb)