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Der Charme der Musikautomaten


18.07.2006 — Im malerischen Seewen im Solothurner Schwarzbubenland hat eine einzigartige Sammlung an Musikautomaten eine definitive Heimstätte gefunden: Das zur Gruppe Musée Suisse gehörende Musikautomatenmuseum ist ein ideales Ziel für sommerliche Ausflüge, die Kulturgeschichte und beschauliche Spaziergänge verbinden.

Das Zeitalter der mechanischen Reproduktion von Musik beginnt nicht mit dem Grammophon. Vor der Entdeckung, dass Töne mit Hilfe eines Wachszylinders gespeichert und wieder abgespielt werden können, standen Kodierungsverfahren, die heute fast moderner anmuten: Verfertigt wurden Spielanweisungen für Musikautomaten in Form «digitaler», mechanischer Speicher – als rotierende Zylinder, gelochte Metallplatten oder Papiersteifen. Die dadurch begründete Industrie der Musikkdosen wurde 1811 von Abram-Louis Cuendet in Sainte-Croix nahe Genf ins Leben gerufen. Bald einmal bestückte da ein Heer schlecht bezahlter Heimarbeiterinnen in geduldiger Kleinarbeit Walzen für Musikdosen mit feinsten Metallstiftchen.

Zu den ersten solchen Kleinoden gestellten sich – ganz getreu dem ökonomischen Gesetz des immer Grösseren und Aufwendigeren – grössere mechanische Orgeln und Klavier, ja ganze Orchester mit immer raffinierteren, von Lochkartenstreifen und -bändern gesteuerten Mechaniken.

Die Kirchweihorgel im Foyer des Museums ist stündlich zu hören.


An diese Musikautomaten verlor der junge Basler Druckereiunternehmer Heinrich Weiss Mitte des 20. Jahrhunderts sein Herz. Bereits in dieser Zeit begann er, die ausrangierten Zeugen vergangener Musikkultur auf Flohmärkten und in Abstellkammern zusammenzusuchen und zu reparieren. Daraus ist eine der faszinierendsten Sammlungen zur Geschichte der mechanischen Musikreproduktion gewachsen. Im Jahr 2000 hat sie in einem luxuriösen Museumsbau im Solothurner Jura eine definitive Heimstätte gefunden.

Wer Musikdosen, Trichtergrammophone und Drehorgeln mit dem Geruch von Antiquitätenmärkten und gemütvollen Bürgersalons assoziiert, dürfte von dem kühlen und funktionalen, dafür repräsentativen Bau der Architekten Markus Schwob und Christoph Sutter irritiert sein. Die luftige Atmosphäre und die grosszügigen Dimensionen der vier Ausstellungssäle (zwei für die Sammlung, einer für die Museumspädagogik und einer für Wechselausstellungen) erlauben es aber vor allem den grösseren Objekte wie einer Decap-Tanzorgel oder der Kirchweihorgel im Foyer, ihren individuellen Charme zu entfalten.

Musikautomaten müssen nicht unbedingt nostalgischen Charakter aufweisen, wie dieses Objekt im Foyer beweist.


Zugänglich sind die rund 500 Ausstellungsobjekte der Sammlung nur in Form von Führungen durch geschultes Museumspersonal. Dies ist aber durchaus sinnvoll; schliesslich ist es der Klang, der die Automaten zu Leben erweckt. So empfiehlt es sich, bloss eine auf einmal in Betrieb zu setzen und dies kompetentem Personal mit der nötigen Sorgfalt zu überlassen. Der etwa einstündige Rundgang gibt so einen einzigartigen und lehrreichen Eindruck von dieser versunkenen Welt bürgerlicher Behaglichkeit und der Poesie der Maschinen.

Bis 22. Oktober 2006 ist in dem Museum eine Sonderausstellung zu historischen und zeitgenössischen Figurenautomaten zu bestaunen. Ausgehend von den legendären menschlichen Automaten des Franzosen Jacques de Vaucanson und der Schweizer Pierre Jacquet-Droz und Henri Maillardet bildete sich eine ganze Tradition mechanischer Tiere und Figuren, die auch heute noch gepflegt wird. In der Seewener Ausstellung sind rund 75 Exponate zu sehen – unter anderem von Christian Bailly, Renato Boaretto oder dem in Brugg tätigen Walter Dahler sowie von François Junod, der die Kunst des feinmechanischen Figurenbaus im geschichtsträchtigen Sainte-Croix weiterführt.  (wb)

Museum für Musikautomaten, Bollhübel 1, 4206 Seewen, geöffnet Di-So, 11-18 Uhr. Webseite: www.musee-suisse.com

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