Musik, Macht und Menschlichkeit: Dominique de Rivaz’ Film verbindet Generationen und Welten, Geschichte und Phantasie. Johann Sebastian Bach und Friedrich II. von Preussen begegnen sich 1747 und messen Können und Macht. Sie hätten Vater und Sohn sein können.
06.04.2004 — Eine Reise. Eine Kutsche schaukelt durch Landschaften und Tageszeiten. Dann ein Halt, eine Kontrolle. Unterwegs ist Johann Sebastian Bach. Aus Leipzig ist er aufgebrochen, um in Potsdam seinen Sohn Carl Philipp Emanuel zu besuchen, dessen jüngstes Kind getauft werden soll. Aber dem Musiker wird nicht die ihm seiner Meinung nach zustehende Behandlung zuteil. Er ist an der Grenze des engeren Wirkungsbereichs von Friedrich II., den man dereinst den Grossen nennen wird. Der junge preussische König lässt selbst den Meister seine Macht spüren.
Reisen und Grenzen
Reisen beziehungsweise das Unterwegssein im Leben, in der Zeit und vor Ort, aber auch Grenzen, seien es solche der Freiheit und des Denkens oder der Fakten und der Phantasie, spielen fortan eine wichtige Rolle im Film «Mein Name ist Bach» der Schweizer Filmautorin Dominique de Rivaz.
Kostümfilme helvetischer Provenienz sind eher selten. Wenn es sich zudem um eine Auseinandersetzung mit Ikonen der abendländischen Kultur und Geschichte handelt, muss von einer Rarität gesprochen werden, ganz abgesehen davon, dass die Bezeichnung Kostümfilm für «Mein Name ist Bach» kaum zutreffend ist. Hier wird gespielt, mit Klängen und Instrumenten, mit Worten und Noten, mit Macht und Genialität und schliesslich auch mit Barock-Kostümen, aber – und dies ist wohl das Reizvollste und auch Riskanteste – mit Verbürgtem und Erdachtem, Gefundenem und Erfundenem.
Bekannt und mehrfach belegt ist die Begegnung des alternden Johann Sebastian Bach mit dem jungen Friedrich II. am 7. Mai 1747 in Potsdam. Der Monarch zitiert den berühmten Musiker an den Hof, wo übrigens Carl Philipp Emanuel als Musikintendant wirkt. Friedrich II. ist nicht nur ein gebildeter Herrscher, sondern auch ein begabter Musiker. Am Abend jenes 7. Mai fordert der 33-Jährige im alten Schloss zu Potsdam den 62-jährigen Bach auf, eine kleine, von ihm erdachte Melodie als Fuge zu drei oder gar sechs Stimmen zu improvisieren. Der Virtuose verweigert sich vorerst und kehrt dem König den Rücken.
Dies ist eine fiktive Lösung, denn die Fakten fehlen. Aber die von Friedrich erdachte oder erlistete Melodie wurde zu einem Thema der zweitletzten grossen Komposition Johann Sebastian Bachs: «Das musikalische Opfer». Es wurde dem König erst lange nach dem Zusammentreffen mit einem herzlichen Brief übermittelt, und es scheint sich darin etwas von jener ebenso dramatischen wie kontemplativen Woche zu spiegeln, die Dominique de Rivaz und ihre Drehbuchkoautoren Jean-Louis Bourgeois (von ihm stammt die Filmidee) und Leo Raat zu ihrem feinen Filmspiel beflügelten.
Menschen hinter Masken
Einmal öffnen sie uns mit vielen köstlichen Details ein Fenster auf die Zeit Bachs und Friedrichs II. Aber sie zögern dabei nicht, aus Denkmälern Menschen zu machen. Eine mit Wärme und Liebe ausgestaltete Intimität wird vor die wissenschaftlich ausgelotete Authentizität gestellt. «Mein Name ist Bach» wird damit zu einem verletzlichen Werk. Vieles kann in Frage gestellt werden. Doch dieser Film wendet sich nicht an Wissenschafter, sondern an alle, die sich einem Erzählen, ja manchmal einem Fabulieren öffnen, das hinter die Masken führt, hinter die Vollkommenheit des Komponisten wie hinter die Befehlsgewalt des Monarchen. Dort wohnen Zweifel, Schmerz und Furcht, unerfüllbare Träume und nagende Selbstkritik.
Der Perücke bar, wird Bachs Schädel zum Globus. Darin sind wohl geniale Einfälle, aber auch nagende Angst vor dem Erblinden und davor, als Vater versagt zu haben. Friedrichs Vater hat seinen besten Freund hinrichten lassen. Traumatisiert, möchte er dennoch der Beste sein, ein Künstler als Regent und Flötenspieler, doch er bleibt ein launischer Tyrann. In der Annäherung der gegensätzlichen Charaktere wird «Mein Name ist Bach» aktuell, als Familiengeschichte zeitlos.
Subtiles Filmspiel

und sein Sekretär Goltz (Gilles Tschudi).
Wenn «Mein Name ist Bach», eine Koproduktion Schweiz-Deutschland, den Preis des besten Schweizer Spielfilms 2004 erhalten hat, so wird damit ein Ganzes ausgezeichnet, die feine Inszenierung mit der reichen Bildsprache, der sorgsam ausgewählten Musik und den eine Brücke in die Gegenwart schlagenden Originalkompositionen von Frédéric Devreese. Wenn Gilles Tschudi für die Nebenrolle des Sekretärs Goltz geehrt worden ist, so wird damit über sein unbestrittenes Können hinaus ein Zeichen dafür gesetzt, mit welcher Intensität hier neben Bach (Vadim Glowna) und Friedrich (Jürgen Vogel) auch Prinzessin Amalie als Vögelchen in goldenem Käfig (Karoline Herfurth), Friedemann Bach als querulierender musikalischer Visionär (Anatole Taubman), Hofkomponist Johann-Joachim Quantz (Philippe Vuillemier) und schliesslich Voltaire (Michel Cassagne) gezeichnet und gespielt werden.
Die in Bern aufgewachsene Dominique de Rivaz hat schon als Kind ihre Leidenschaft für den Film entdeckt und ihr bisheriges vielgestaltiges Kurz- und Dokumentarfilmschaffen mit einem Spielfilm, einem faszinierenden Essay, über zwei «Grosse» und ihre Welt gekrönt. Könnte es sein, dass uns der Barock und seine Menschen näher sind, als wir glauben? (fz)