16.08.2004 — «Zwischen Skylla und Charybdis – Wilhelm Furtwängler im Brennpunkt»: Die Ausstellung, die im Rahmen des Lucerne Festival, Sommer 2004 zum 50. Todesjahr des Dirigenten eingerichtet worden ist, beleuchtet Leben und Schaffen des aussergewöhnlichen Musikers, der zu den prägenden Gestalten der Gründerjahre des Lucerne Festival (damals Musikfestwochen Luzern) zählt. Die Ausstellung wird auch in Leipzig und in Berlin zu sehen sein.
Die klare Gliederung mit Hilfe von hohen quadratischen Säulen und je einer dazugehörenden Vitrine mag auf den ersten Blick darüber hinwegtäuschen, dass Wilhelm Furtwänglers Leben und Wirken alles andere als unzweideutig und harmonisch verlief. Allerdings haben die Kuratorinnen, die Musikpublizistinnen Sibylle Ehrismann und Verena Naegele (Büro Artes), in der Ausstellung auch Disparates, Fragwürdiges nicht ausgespart. Im Zusammenwirken von Bild- und Textmaterialien – darunter Fotografien, Briefe, Partituren, Notizhefte, Bücher, Zeitungsausschnitte, Plakate, Programmzettel, Langspielplatten – aus zwanzig Bibliotheken und Archiven ergibt sich eine klangvolle, von Dissonanzen nicht gesäuberte Hommage, der es weder an bewundernder Zuwendung noch an kritischer Distanz mangelt.
Furtwänglers Biografie samt ihrer Verankerung in der damaligen Zeit ist in sieben Stationen gegliedert. Auf jeder Säule exponiert ein Einführungstext einen Zeitraum, beispielsweise «1886–1921: Jugend und erste Dirigate», «1931–1935: Wahl für Berlin» oder «1947–1954: Rückkehr und Resignation». In den Wechselrahmen auf den vier Seiten werden einzelne Aspekte mit Dokumenten vertieft; eine zweite grafische Tafel bringt Zitate zum Thema von oder über Furtwängler. Die Vitrinen enthalten eine aufschlussreiche Auswahl weiterer Exponate.
In die chronologische Anordnung eingebettet sind die beiden Intermezzi «Künstlerisches Credo» (Furtwänglers Komponieren, Grundpfeiler seiner Konzertprogramme, Einsatz für die Neue Musik) und «Dirigenten / Konkurrenten» (Toscanini, Celibidache, Karajan).
Zwei Hörstationen
An der einen Hörstation kommt Furtwängler selbst zu Wort; in Aufnahmen von 1950, 1951 und 1954 spricht er über Besetzungs- und Stilfragen, Instrumentaltechnik, Melodik und Legato, Fassungen und den «Freischütz». Ausschnitte aus der 2. Violinsonate (1938), dem Sinfonischen Konzert (1937) und dem «Te Deum» (1909) gewähren Eindrücke vom kompositorischen Stil Furtwänglers.
Die zweite Abspielstation bringt Aufnahmen unter Furtwänglers Leitung u. a. mit Sinfonie- und Konzertsätzen von Bach, Beethoven, Schumann, Hindemith, Bartók und Fortner.
Begleitpublikation
Zur anregenden, viele Aspekte beleuchtenden Ausstellung ist ein Reader erschienen; in der hundertseitigen Begleitbroschüre sind folgende Beiträge versammelt:
– Von der hohen Kunst des Übergangs (Interview mit Daniel Barenboim)
– Kindheitsmuster eines deutschen Phänomens. Furtwängler, Webers «Freischütz» und Pfitzners «Palestrina» (Joachim Reiber)
– Aspekte einer schwierigen Beziehung. Furtwängler und seine Zeit in Leipzig (Claudius Böhm)
– Mitten im Streit um die «Zukunftsmusik». Furtwängler und die Moderne (Sibylle Ehrismann)
– «Schauer von Hitze und Kälte». Furtwängler und der «heroische» Beethoven in der Zeit des Nationalsozialismus (Beatrix Borchard)
– Die Politik und Furtwängler unter besonderer Berücksichtigung der Schweiz (Verena Naegele)
– «Hier bin ich doch verwurzelt …» Furtwängler in Berlin (Rainer Esche)
– Der dirigierende Komponist. Anmerkungen zu Furtwänglers kompositorischem Werk (Roman Brotbeck)
– «Die Improvisation ist in Wirklichkeit die Grundform alles wirklichen Musizierens». Furtwänglers Interpretationsästhetik (Hans-Joachim Hinrichsen).
Luzern, Leipzig, Berlin
Die Ausstellung «Zwischen Skylla und Charybdis – Wilhelm Furtwängler im Brennpunkt» ist bis 12. September 2004 im Foyer des Kleinen Saals im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) zu sehen (täglich 10 bis 21 Uhr, Eintritt frei).
Weitere Stationen der Furtwängler-Ausstellung sind Leipzig (Gewandhaus, 26. September bis 8. Dezember 2004) und Berlin (Philharmonie, 16. Dezember 2004 bis 28. Februar 2005).
Betty Freemans «Music People»
Die Amerikanerin Betty Freeman, eine der bedeutendsten Mäzeninnen für zeitgenössische Kunst und Musik, hat mehr als vierhundert Aufträge und Stipendien an über achtzig Komponisten, Interpreten, Autoren, Regisseure, Choreografen auf der ganzen Welt vergeben und immer wieder dafür gesorgt, dass deren Werke auch zu öffentlicher Aufführung kamen.
Seit über dreissig Jahren porträtiert Betty Freeman ihre Künstlerinnen und Künstler. Eine Auswahl ihrer Schwarz-weiss-Fotografien wird unter dem Titel «Music People» im Foyer des Luzerner Saals des Kultur- und Kongresszentrums (KKL) im Rahmen des bis zum 18. September dauernden Lucerne Festival, Sommer 2004 gezeigt. Ergänzt wird die Ausstellung durch Faksimiles von Komponisten-Manuskripten aus der Paul Sacher Stiftung Basel und Hörstationen mit entsprechenden Werken.
«Music People» im Hauptfoyer des KKL ist bei freiem Eintritt zugänglich bis 18. September, montags bis freitags ab 18.30 Uhr, samstags und sonntags ab 17.30 Uhr bzw. jeweils eine Stunde vor Konzertbeginn. Ausstellungskatalog (engl.) Fr. 15.–.
«Music People» wird auch in die Stadt getragen: In rund achtzig Schaufenstern Luzerns sind weitere 170 Fotografien von Betty Freeman zu sehen. Alle gezeigten Bilder können erworben werden (Abholpreis Fr. 300.–); der Verkaufspreis fliesst vollumfänglich in die Lucerne Festival Projekte zur Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. (ws)