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Marcelo Nisinman und Musica Urbana in Embrach


29.08.2006 — Marcelo Nisinman führt die von Astor Piazzolla begründete Tradition des Tango Nuevo auf authentische Art weiter. In der Kirche Embrach stellte er nicht nur seine hohe Virtuosität auf dem Bandoneon unter Beweis, sondern auch sein grosses Talent als Komponist und Arrangeur.

Mit Astor Piazzolla ist der Tango aus der lokalen Begrenzheit südamerikanischer Metropolen herausgetreten. Als reine Instrumentalmusik hat er sich Kompositionstechniken der europäischen Kunstmusik und dem Jazz geöffnet. Heute kennt er Dialekte und Spielarten, die von experimentellen Verbindungen mit Elektronik bis zur modernen Kammermusik reichen. So setzten sich etwa der Geiger Gidon Kremer, der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim und das Kronos Quartet mit der Musik des urbanen Argentiniens auseinander. In der Person Dino Saluzzis hat sie auch einen Türöffner in die Welt des Jazz gefunden, und in Paris und anderen grossen Städten Europas blüht eine eigenständige, zum Teil sehr innovative Szene rund um das Idiom.

Am Piccolo Musikfestival im nahe Zürich gelegenen Städtchen Embrach hat der in Basel lehrende Bandoneonist Marcelo Nisinman bewiesen, dass er zu den vielversprechendsten jungen Talenten gehört, die den von Piazzolla vorgezeichneten Weg im Umfeld der europäischen Avantgarde weitergehen, ohne sich von den Wurzeln und der emotionalen Authentizität des Stiles zu verabschieden. Nisinman – ein erklärter Protégé Piazzollas – beherrscht die traditionellen Spielarten seines Instrumentes im Schlaf. Anderseits hat er sein kompositorisches Handwerk in Argentinien beim Hindemith-Schüler Guillermo Graetzer und in Basel bei Detlev Müller-Siemens zu hoher Fertigkeit verfeinert.

Derart mit souveränen künstlerischen Mitteln ausgestattet, geht er in seiner harmonischen Sprache und der subtilen Art der Klangbehandlung einen natürlich anmutenden Schritt über Piazzolla hinaus. Die «klassischen» Tangoinstrumente Violine, Viola, Cello, Bass und Klavier ergänzt er vorzugsweise mit den eher dunkel gefärbten und in die Tiefe ziehenden Klängen von Englischhorn, Bassklarinette und Bassposaune, aber auch anderen Registern dieser Blasinstrumente, welche die für den Tango Nuevo typischen perkussiven Spieltechniken in seinen Arrangements und Kompositionen zu eigenständigen Klangflächen und implusiv atmenden Clustern erweitern.

Das Programm, das Nisinman und das Kammerensemble Musica Urbana in Embrach präsentierten, erwies Piazzolla mit subtilen Arrangements von Stücken wie «Invierno porteño», «Adios Nonino» und Ausschnitten aus der Kammeroper «Maria de Buenos Aires» Reverenz. Daneben erklangen Klassiker wie Goyeneches Lied «La ultima curda» und Eigenkompositionen Nisinmans – darunter eine skurrile, aber nicht minder feingliedrige und spritzige Reminiszenz an europäische und argentinische Tanz- und Salonmusikformen.

Als Gast stiess für drei Lieder die Embracher Sängerin Gabriela Bergallo zur Gruppe, die Initiatorin und Organisatorin des ungewöhnlichen und hochklassigen Musikfestivals im Zürcher Unterland. Die gebürtige Argentinierin fügte sich bestens ins Ensemble ein und zeigte sowohl in dem komplexen Arrangement der «Milonga de la Anunciación» wie im Duett mit dem Bandoneon mit «La ultima curda» musikalische Souveränität und hohe gestalterische Reife.

Zum Schluss des Abends gab es für den Bandoneonisten, das Ensemble und die Sängerin vom Publikum eine verdiente Standing Ovation. Es dürfte kaum die letzte gewesen sein, die der smarte Musiker und seine Entourage entgegennehmen dürften. (wb)

Piccolo Musikfestival Embrach, Marcelo Nisinman (Bandoneon), Ensemble Musica Urbana und Gabriella Bergallo (Gesang), Sonntag, 27.August 2006.

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