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«Mozart & Science» in Baden bei Wien


12.10.2006 — Zum ersten Mal hat die International Music and Art Research Association Austria (I.M.A.R.A.A.) in Baden bei Wien den Kongress «Mozart & Science» durchgeführt. Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen suchten dabei nach sinnvollen Formen des interdisziplinären Dialogs rund um die Musik.

Den äusseren Anlass des von der niederösterreichischen Landesakademie mitgetragenen Treffens bildete das Mozartjahr. Das Symposium knüpfte allerdings auch an eine österreichische Tradition des Dialogs zwischen Musikkundlern und –pädagogen, Medizinern und Naturwissenschaftlern an: Bereits 1973 hatte der Physiker Juan G. Roederer in Ossiach im Bundesland Kärnten begonnen, Seminare zur Wechselwirkung von Gehirn und Musik zu veranstalten – noch lange vor dem sogenannten Jahrzehnt des Gehirns, das in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts dank der bildgebenden Verfahren zu einem ungeahnten Boom der Neurologie geführt hat.

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Die Weblinks
I.M.A.R.A.A.:
www.mensch-und-musik.at/IMARAA/index01.html
Webseite der Tagung
www.mozart-science.at
Wiener Mozartjahr 2006:
www.wienmozart2006.at

Fotoimpressionen I
Fotoimpressionen II
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Dank der Teilnahme Roederers und des Neurologen Hellmuth Petsche, des zweiten grossen Ossiacher Pioniers der siebziger Jahre, sowie altgedienten Forschern wie dem Psychobiologen Colwyn Trevarthen geriet der Badener Kongress auch zu einer Begegnung der Generationen, an dem sich der Wandel der Methoden und Thesen auf dem Gebiet der Musikwirkungsforschung trefflich ablesen liess.

In den Dialog mit den Altmeistern trat an dem Kongress die smarte Generation der tonangebenden Neuromusikologen – darunter Manfred Spitzer, Petr Janata, Gottfried Schlaug und Stefan Koelsch –, aber auch Musikpsychologen und -pädagogen wie Frances Rauscher, Richard Parncutt, Karl Hörmann oder Hans-Günther Bastian. Zu ihnen gesellten sich schliesslich Chronobiologen wie Hans Ullrich Balzer, Musiktherapeuten wie Concetta Tomaino und Gerhard Tucek sowie Vertreter von Spezialfächern – etwa der Sonifikation wissenschaftlicher Daten –, Medienwissenschaftler und Kulturpolitiker.

Interdisziplinäre Arbeit ist Knochenarbeit

In den Vorträgen und Podiumdiskussionen wurde deutlich, dass die immer dringender geforderte Interdisziplinarität in Musikpsychologie und Musikwirkungsforschung vor mindestens drei grossen Herausforderungen steht: Nicht nur gilt es, das Gespräch zwischen den Disziplinen mit ihren teils sehr unterschiedlichen Methoden und Sprachspielen anzuregen. Überbrückt werden muss ebenso die Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis – sei diese künstlerisch, therapeutisch oder pädagogisch. Die zentrale Herausforderung dürfte aber die mühsame Kleinarbeit bieten, mit der die Lücke zwischen globaler und basaler Sicht der Dinge geschlossen oder zumindest verringert werden muss: Noch allzu sehr stehen die sich zur Zeit explosionsartig vermehrenden partikularen Experimentalbefunde von Musikpsychologie und Neuromusikologie und die globalen Theorien von Musiktheoretikern, Soziologen, Psychologen, Pädagogen und Philosophen auf dem Gebiet der Musik weitgehend unverbunden nebeneinander.

In dieser Hinsicht waren in Baden teils paradox anmutende Asymmetrien zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern zu beobachten. Gleich mehrmals charakterisierten sich Vertreter der «harten» empirischen Naturwissenschaften – mit fast entschuldigendem Unterton – dafür, ein «reduktionistisches Weltbild» zu pflegen, eine Aussage, hinter der sich offensichtlich eine gehörige Portion Skepsis gegenüber allzu hochfliegenden geisteswissenschaftlichen Welterklärungsmodellen verbarg. In der pragmatischen und im Labor- oder Klinikalltag geschulten kommunikativen Umgangston wirkten die Vertreter aus Medizin und experimentellen Disziplinen allerdings häufig vitaler (und unterhaltender) als die Geisteswissenschaftler, die gerne für sich selber den Habitus der Vor- und Querdenker in Anspruch nehmen.

Roland Haas, der Präsident der organisierenden I.M.A.R.A.A.

Die Vertreter der humanistischen Fächer bieten den Exponenten der experimentellen Zünfte zur Zeit allerdings noch wenig Schützenhilfe, wenn es darum geht, die Daten, die in den letzten Jahren angefallen sind, zu sichten, kritisch zu hinterfragen und dafür Erklärungsmodelle zu entwerfen, aus denen sich wiederum Anregungen für weitere experimentelle Forschungen ableiten liessen. Ein derartiger Dialog würde sich mit Blick auf die interessanten Befunde aufdrängen, die etwa Stefan Koelsch und Petr Janata an dem Badener Kongress vorstellten – darunter Experimente mit Blick auf syntaktische und semantische Aspekte der Musikverarbeitung und Beobachtungen in bezug auf auditorische Situationsanalysen.

Dank den neuen experimentellen Ansätzen könnte ein solcher Austausch Ausgangspunkt einer evolutionären Theorie werden, welche die Beziehungen zwischen Sprache, Wahrnehmung und Emotionen klären helfen könnte. Vielversprechende Entwürfe, die in eine solche Richtung zielen, präsentierte in Baden der Musikpsychologe Richard Parncutt. Er geht davon aus, dass akustische Gestalten zu den grundlegenden Erfahrungen des mit aussergewöhnlicher Sensibilität begabten ungeborenen und frühkindlichen Lebens zählen und bei der Konstitution eines mentalen Weltbildes eine Schlüsselrolle spielen. Dabei liessen sich laut Parncutt möglicherweise auch Rückschlüsse auf die evolutionären Ursprünge der Musik ziehen. So oder so scheint immer offensichtlicher, dass die künftige neuropsychologische Musikforschung sich im Schnittfeld von Philosophie, Musiktheorie, Neurologie, Evolutionsbiologie und Entwicklungspychologie abspielen dürfte.

Neue Ansätze im Wirkungsnachweis von Musiktherapie

Auch die Chronobiologie, ein von der Entourage der Veranstalter speziell gepflegtes Fach, zeigt vielversprechende Ansätze, mit denen tieferliegende physiologische Phänomene für die experimentelle Musikologie verfügbar gemacht werden könnten. Dass die Vertreter dieser Forschungsrichtung gerne von Rhythmen sprechen, in denen sich Lebenprozesse abspielen, verdeckt etwas den Blick auf die tatsächlichen Leistungen des Faches, das periodisch auftretende Vorgänge vornehmlich im menschlichen Körper – etwa Herzschlag, zirkadiane Strukturen, Blutdruckschwankungen – klassifiziert und ihre gegenseitigen Abhängigkeiten genauen Prüfungen unterzieht.

Um Rhythmen im musikalischen Sinn handelt es sich bei den chronobiologischen Vorgängen genau genommen nicht, als solche sollten bloss musikalische Strukturmuster über einem nicht minder strukturierten metrischen Gerüst bezeichnet werden. Wie musikalisches Erleben und chronobiologische Grundlagen voneinander abhängen, ist sicherlich eine hochinteressante, aber kaum triviale Frage. Derartige Detailforschungen dürften sich aber als fruchtbar erweisen. Chronobiologische Phänomene könnten nämlich etwa den Schlüssel für den Nachweis der Wirksamkeit von Musiktherapie bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma oder im Wachkoma liefern, wie der Musiktherapeut Gerhard Tucek in einem hoch interessanten Vortrag darlegte.

Tucek präsentierte Fallstudien, bei denen sich die Effekte von Musiktherapie bei Komapatienten physiologisch nachweisen liessen – mit der Messung von Herzschlag, Hautleitfähigkeit und weiteren chronobiologischen Indikatoren. Derartige Befunde könnten laut dem Kenner der altorientalischen Musiktherapie Vorüberlegungen zu einer Systematik der Wirksamkeitsnachweise für solche klinische Interventionen anregen.

Wie problematisch der «Aufstieg» von physikalisch-physiologischen Einzelüberlegungen auf mentale und soziale Wirkungen sind, zeigte auch der Vortrag eines kommerziellen amerikanischen Anbieters von Therapiesoftware auf Basis von Musik, die mit Hoch-, Tief- und Bandpassfiltern manipuliert wird. Die Darlegungen liessen beim skeptischen Publikum etliche Fragen offen. Bemängelt wurde nicht zuletzt, dass eine präsentierte Erfolgsgeschichte nicht wirklich als Illustration der zuvor explizierten Therapieverfahren betrachtet werden konnte.

Vielversprechende Ansätze zu einer besseren Fundierung wirksamer Therapiemethoden beim Einsatz von Musik präsentierte auf der andern Seite die New Yorker Musiktherapeutin Concetta Tomaino. Der Schlüssel liegt hier in der klaren Definition begrenzter Indikationen, bei denen Musik ihre spezifischen Stärken ausspielen kann, so zum Beispiel bei der Behandlung von Patienten mit motorischer Aphasie oder der Verbesserung der Bewegungskoordination bei Parkinson-Betroffenen mit Unterstützung rhythmischer Klänge.

Macht Musik nun intelligenter oder eben doch nicht?

Wie weit entfernt voneinander Erklärungen zu Phänomenen auf hoher erkenntnistheoretischer Ebene und physiologische Einzelbefunde noch sind, zeigte in Baden auch die immer wieder angesprochene Frage, ob Musikmachen der allgemeinen Intelligenz förderlich ist. Der Frankfurter Pädagoge Hans-Günther Bastian stellte einmal mehr seine Langzeitstudie an Berliner Schülern zur Diskussion. Mit dieser glaubt er nachgewiesen zu haben, dass Musikunterricht den Intelligenzquotienten sehr wohl positiv beeinflusst – allerdings erst mit einer Verzögerung von mehreren Jahren.

Die mittlerweile zu einiger Berühmtheit gelangten Resultate führten auch in Baden zu engagierten Diskussionen. So merkte ein Methodologe der Universität Wien in einer Publikumsdiskussion Bedenken an den methodischen Grundlagen der Studien an. Nach seiner Erfahrung träten bei aussergewöhnlichen Stimulationen immer positive Wirkungen auf, und alleine die Unmengen an psychologischen Tests, welche die Schüler offensichtlich zu absolvieren hatten, müsse ja deren Intelligenzquotienten zum Vorteil gereicht haben, spottete der Zuhörer (Leserbrief). Juan G. Roederer wiederum äusserte die Vermutung, alleine die Tatsache, dass Kinder, die musizieren, weniger vor dem Fernseher sitzen, dürfte deren Intelligenz zuträglich gewesen sein. Der Klagenfurter Psychologe und Kognitionsforscher Oliver Vitouch wiederum bezweifelte in einer weiteren Podiumsdiskussion ganz pauschal, dass ein kognitiver Transfer von musikalischen zu anderen Fähigkeiten stattfinden könne. Und Gottfried Schlaug wies darauf hin, dass die Situation in Sachen Studien zum Thema konfus sei. Es gebe, so der Neurologe, Langzzeitstudien, die Transfereffekte zeigten, aber auch solche, bei denen dies nicht der Fall sei.

Der amerikanische Komponist und Unternehmer Don Campbell animierte das Publikum zum fröhlichen Mittun beim Musikhören.

Die dritte Lücke, diejenige zwischen Theoretikern und Praktikern im klinischen und pädagogischen Alltag, erwies sich einmal mehr als die emotionalste. Zum Auftakt der Badener Tagung bekannten sowohl Juan G. Roederer als auch Hellmut Petsche, dass sie sich mit Blick auf die Verbindung zwischen ihrer Forschungsarbeit und dem eigenen praktischen Musizieren schizophren verhielten. Beides stehe für sie völlig unverbunden, ja gar kontradiktorisch nebeneinander.

Auch die an und für sich sinnvolle Idee, mit einem prominenten Praktiker, dem Komponisten Luca Lombardi, in einen Dialog über die kognitiven Grundlagen des eigenen schöpferischen Tuns zu treten, erwies sich als Fehlschlag. Das von der Berliner Philosophin Simone Mahrenholz geführte Interview kam nicht über durchaus unterhaltenden feuilletonistischen Smalltalk hinaus. Es schuf auch keinerlei Querverbindungen zu den am Kongress diskutierten wissenschaftlichen Fragen.

Das Verhältnis von Forschung und Praxis thematisierte der Schnellsprecher Manfred Spitzer in gewohnt polemischer Weise. Der Neurologe, der selber auch nicht gerade an der Front des pädagogischen Alltages kämpft, ging mit seinen Kollegen von der pädagogischen Wissenschaft wegen ihrer Ferne zur Praxis scharf ins Gericht. Don Campbell wiederum, der den Ausdruck «Mozart Effect» markenrechtlich hat schützen lassen und sich in den letzten Jahren auf praktische Missionstätigkeit in Sachen Musik kapriziert hat, überforderte vor allem die im deutschsprachigen Raum tätigen Wissenschaftler mit seinem unerschütterlichen amerikanischen Optimismus und mit rührend-naiven Animationen zum besseren Musikhören.

Künftig ist der Informationsbegriff entscheidend

Die Richtung, in die künftige Forschung zielen dürfte, hatte Juan G. Roederer in seinem Einführungsvortrag zur Tagung bereits umrissen: Er hatte darauf hingewiesen, dass der Begriff der Information für Fortschritte in der Musik- und Musikwirkungsforschung eine strategische Bedeutung haben dürfte – weil im Zentrum künftig die Frage stehen wird, wie das Hirn Sinneseindrücke in sinnvolle Bedeutungen und Handlungsanleitungen umwandelt. Um wirklich zu verstehen, was da geschehe, so Roederer, sei es unabdingbar, über klassische physikalische Theorien von Ursache und Wirkung hinauszugehen und funktionierende Konzepte dafür zu entwickeln, wie das Verhältnis von Informationen und von ihnen ausgelösten Effekten zu verstehen ist.

Gelgenheit dazu wird sich auch in Baden wieder geben. Nach dem offensichtlichen Erfolg der ersten Auflage haben sich vor Ort auch die verantwortlichen Politiker des Landes zu dem Anlass bekannt und Unterstützung zu einer periodischen Wiederholung zugesichert. In welchen (chronobiologischen) Abständen – ein-, zwei- oder mehrjährlich – wurde dabei noch offen gelassen. (wb)

«Mozart & Science», Tagung der International Music and Art Research Association Austria (I.M.A.R.A.A.) in Baden bei Wien, 1. – 4. Oktober 2006.

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