05.11.2007 — Die mittlerweile zehn Jahre zählende Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin (SMM) hat hierzulande in Sachen Prävention und Behandlung von Musikerkrankheiten unschätzbare Aufbauarbeit geleistet. Im Saal des Berner Konservatoriums zeigten Gründer, Freunde und Zugewandte anlässlich des 5. Symposiums der Gesellschaft überblicksartig, unter welch schwierigen gesundheitlichen Bedingungen Musik als Beruf ausgeübt werden muss. Berufsmusiker nutzen ihre eigenen Körper als hochsensible Instrumente und kämpfen aufgrund einer fragilen gesellschaftlichen Stellung und hohen Eigenansprüchen in ausserordentlichem Masse mit Selbstzweifeln und belastenden psychischen Situationen. Sie neigen deshalb deutlich häufiger als andere Berufsgruppen zum Verdrängen der gesundheitlichen Belastungen, die schneller als in anderen Metiers zur Bedrohung für die Berufsfähigkeit werden können. Auf diesen Umstand wies Pia Bucher, die Gründerin und Präsidentin der SMM in ihrer Eröffnungsansprache zum Symposium hin. Dass die SMM ihr Jubiläum in der Bundesstadt feiert, hat laut der ehemaligen Spitzenmusikerin, die ihre eigene Karriere selber aus gesundheitlichen Gründen hat aufgeben müssen, auch damit zu tun, dass sie 1998 in Bern gegründet wurde − als Anlauf- und Beratungsstelle. Ringen um die besten Vermittlungsformen Den von der Musikerzunft mit Skepsis beobachtete Beginn machten Fachvorträge an den Musikhochschulen. Die SMM organisierte aber auch eine Spezialwoche am Comer See und Seminare in Blonay. Da sich der zeitliche Aufwand für interessierte Musiker für solche Seminare aber als zu gross erwies, wurde später ein Drei-Tages-Programm erarbeitet. Schliesslich etablierten sich die eintägigen Symposien als wichtige Informationsplattform zum Thema. In den letzten Jahren weitete die heute knapp 100 Mitglieder zählende SMM ihre Aktivitäten auch in die Westschweiz aus. Zudem hat sie weitverzweigte Kontakte nach Deutschland und Österreich geknüpft. SMM-Mitglieder referieren mittlerweile aber auch in Frankreich, Deutschland, Tschechien, Spanien oder den USA. Der Arbeitsmediziner Peter Schönenberger wies darauf hin, dass sich die Gesundheitsprobleme von Musikern nicht wesentlich von denjenigen anderer Berufsgruppen unterscheiden. Die damit verbundenen Einschränkungen in der Berufsausübung sind aber eben erheblich. Ein Wechsel des Arbeitsplatzes oder Umschulung ist nicht ohne weiteres möglich. Zudem sind das viele Sitzen und die zahllosen repetitiven Bewegungen keineswegs ideal. Die üblichen Methoden zur Erfassung eines Arbeitsplatzprofils sind aber aufgrund der speziellen Umstände wenig hilfreich. Im Orchestergraben herrschen laut Schönenberger prekäre akustische und ergonomische Bedingungen. Besonders gefährdet sind Musiker auch für psychologische Aspekte wie Selbstzweifel, Erwartungsdruck, Konkurrenz- und Wettbewerbssituation, Lampenfieber, Konflikte und Reibereien mit Kollegen. Typisch sind zudem Schwäche- und Schweregefühle, Müdigkeit von Beinen, Sodbrennen, saures Aufstossen, Mattigkeit, Reizbarkeit und ähnliches. Gesundheitliche Abklärungen sind deshalb ausserordentlich aufwendig. Die praktische Arbeit im Orchester sprach der Orchesterschlagzeuger Hans Peter Völkle an. Sie ist auch mit Blick auf die gesundheitlichen Belastungen vom Laienmusizieren fundamental verschieden. Daneben, dass musikalische Berufsarbeit physische Schwerarbeit und feinmotorische Höchstbeanspruchung mit sich bringt, besteht im Orchester als sozialer Ort die einzigartige Situation, dass Menschen auf engstem Raum in höchster Präzision und unter hoher Lärmbelastung zeitgleich zusammenarbeiten müssen. Häufig sind auch die klimatischen Verhältnisse alles andere als ideal: Stickige Luft und Durchzug sind keine Seltenheit. Ein Tabubruch als Ausgangspunkt Das Tabu wurde 1979 mit der Dissertation «Die Gehörbelastung des Orchestermusikers» des Arztes Jürg Frei über die Verhältnisse in Tonhalle und Zürcher Oper erstmals gebrochen. Frei wies nach, dass knapp die Hälfte der Orchestermusiker unter Höreinbussen litten und löste damit ein mittleres Erdbeben aus. Seither ist einiges geschehen: Die Musiker sind sich der Gefahr heute bewusst. In Zusammenarbeit mit der Suva werden regelmässig Schalluntersuchungen durchgeführt. Seit einigen Jahren prüft die Versicherung alle fünf Jahre die Hörfähigkeit der Musiker und versorgt diese auch mit individuell angepassten Gehörschützen. Dass die Belastung des Ohres noch immer das grösste Problem darstellt, hat aber auch mit einem kulturellen Wandel zu tun: Die Instrumente werden dank technischer Entwicklungen und Marktdruck immer lauter und aggressiver. In den Konzertprogrammen verschwinden die kleiner besetzten Werke, die dem Musiker früher zwischen den grossen Besetzungen Erholung geboten haben. Auch die akustischen Verhältnisse in individuellen Überäumen können eine hohe Belastung mit sich bringen. Völkle zeigte sich überzeugt, dass der Gehörschutz keine allgemeine Lösung darstellen kann. Es sei, so der Schlagzeuger, paradox, dass der Musiker das feine Gehör nutzen müsse und dabei von einem Gehörschutz behindert werde. Der Schutz könne nur dazu dienen, in absoluten Notfällen das Schlimmste zu vermeiden. Laut Völkle gibt es weitere sinnvolle Massnahmen. Aus Sicht der Orchestervertreter sind dies etwa Obergrenzen für grosse Besetzungen. Überbesetzungen auf Konzertpodien sollten vermieden werden. In St. Gallen wurde etwa eine Oberlimite von 66 Personen für Besetzungen durchgesetzt. Auch die Entwicklung von Schallschutzelementen hat ein gewisses Potential. Überdies ist Aufklärung − schon während der Ausbildung − dringend notwendig. Schliesslich sollte sich die Einsicht wieder durchsetzen, dass Musik von Klangdifferenzierungen und nicht von Klangballungen zum Leben erweckt wird. Als Hindernis zur Einführung zeitgemässer Gestaltung des Arbeitsplatzes erweisen sich auch die veralteten Strukturen in Orchestern, die zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Über die Probenarbeit hinaus findet auch heute noch kaum ein Dialog statt, weder zwischen den Musikern noch mit dem Dirigenten. Es sollten deshalb Mitarbeitergespräche und Anlaufstellen für entsprechende Probleme eingeführt werden. Erfahrungen aus der Westschweiz und Ungarn Die Westschweizer Physiotherapeutin Aude Hauser-Mottier legte in der Folge dar, welche Bedeutung funktionelle Dystonien für Musiker haben können. Es handelt sich dabei um muskuläre Bewegungen und Zittern, die nicht kontrolliert werden können, mit keinerlei Schmerzen verbunden und weiter verbreitet sind, als man annehmen könnte. Davon betroffen sind etwa zwei Prozent der Berufsmusiker, Männer (84%) deutlich häufiger als Frauen (16%). Die Gründe für diese geschlechtlichen Eigenheiten sind unbekannt. Besonders die Schmerzfreiheit führt dazu, dass die Betroffenen sich weder krank noch geschwächt fühlen und deshalb nicht verstehen, was mit ihnen geschieht. Sie erleben die Fehlfunktion allerdings als eine Art «Vampir», der die künstlerische Energie aus ihnen saugt. Laut Hauser-Mottier können die Dystonien möglicherweise als Folge evolutionärer Überlebensstrategien gesehen werden: Die kontrahierenden Muskeln öffnen sich vielfach stärker und schneller als die expandierenden, weil Zusammenziehen und Kleinmachen in bedrohlichen Situationen wichtige Schutzfunktionen darstellen. Die Genfer Physiotherapeutin vermutet deshalb, dass der Musiker, der dem mythischen Bild des unfehlbaren und perfekten Künstlers gerecht werden will, sich selber unter Druck setzt und als Schutz vor der allzu hohen Erwartung diese Kontraktionsreflexe unbewusst auslöst – eine Reaktion, die mit der Zeit ausser Kontrolle gerät. Da die funktionelle Dystonie beim Musiker also auf eine Dissoziation kognitiver, emotionaler und motorischer Kontrollen zurückzuführen ist, kann man nach der Überzeugung Hauser-Mottiers die Dystonien nur mit einem ganzheitlichen Ansatz behandeln, zu dem neben physiologischen Massnahmen auch psychologische Interventionen und Aufmerksamkeit für kognitive Werte gehören.
Von einem ungewöhnlichen Pionierprojekt, das in Ungarn zahlreiche Anhänger gefunden hat, berichtete die Pädagogin und Pianistin Zsuzsa Pásztor. Im Heimatland Bela Bartóks und Zoltán Kodálys richtete sich der Blick relativ früh auf die Gesundheit der Musiker. Laut Pásztor sah Kodály, damals Professor an der Franz Liszt Akademie, bereits in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Notwendigkeit der Prävention. Auf seine Anregung hin nahm sich der Sportmediziner Géza Kovács des Problems an. Ab 1960 waren die von ihm initiierten Aktivitäten im Gebäude der Musikakademie lokalisiert, 1977 wechselten sie ans Béla Bartók Konservatorium, wo sie noch heute angesiedelt sind. Ab 1975 organisierte eine Gruppe von Musiklehrern kontinuierliche Übungslektionen. Ab 1980 startete das städtische Institut für Pädagogik das offizielle professionelle Ausbildungsprogramm für Musiklehrer. 1995 wurde in Debrecen die Stiftung für Musikergesundheit gestartet. Nach dem Tod von Géza Kovács im Jahr 1999 führte Pásztor die Arbeit weiter. Seit dem Jahr 2000 wird die «Methode Kovács» auch an der Musikakademie Franz Liszt unterrichtet, und seit 2003 wird sie überdies Nachdiplomstudenten an der Eötvös Loránd Universität angeboten. Die Methode besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher und ineinandergreifender Komponenten, so etwa einem Atemtraining, Massnahmen zur Vermeidung von Unfällen, aber auch aus Übeanleitungen, Entspannungstechniken, Aufwärmmethoden und Hilfestellungen im Umgang mit den physischen und neurologischen Rahmenbedingungen von Wettbewerbssituationen oder Lampenfieber. Auch Bewegungskoordination und Haltungskontrolle zieht sie in Betracht, und schliesslich will sie Musiker auch im überzeugenden und ästhetischen Auftreten schulen. Kurse zur Kovács-Methode werden auch im Ausland angeboten. 20 bis 30 Kursteilnehmern werden entweder ein- oder dreiwöchige Trainings vermittelt. Mehr Infos zur Methode und Kontaktadressen finden sich auf der Webseite www.kovacsmethod.com Erfahrungsberichte von Musikern und Ärzten Davon, welche individuellen Schicksale hinter gesundheitlichen Problemen stehen können, erzählten drei direkt Betroffene. Ein Klarinettist schilderte, wie er sich während der Berufsausbildung mit Aussicht auf ein Auslandsstipendium mitten in einem hohen Ton die Lippe durchgebissen und dabei wichtige Nerven zerstört hatte. Wie wieviele Ärzte er auch aufsuchte, ihre Antwort war stets diesselbe: Es bestehe keine Hoffnung, dass er das Instrumentalspiel wieder aufnehmen könne. So lernte er zunächst Schreiner und spielte sieben Jahre lang keinen Ton mehr. Nun hat er jedoch mit einem neuen Ansatz, der die Lippe nicht direkt beansprucht, begonnen, an der Swiss Jazz School das Spiel der Bassklarinette zu erlernen und ist wieder voll als Musiker tätig. Eine Flötistin berichtete, wie sie wegen starker Schmerzen im Innenohr das Spielen drastisch reduzieren musste. Sie ersetzte die laute moderne Flöte durch die weichere und leisere Traversflöte, musste aber für deren Studium zwischen Holland und der Schweiz hin- und herpendeln. Mit der Zeit entwickelte sie starke Schmerzen im Oberarm, die auch mit Physiotherapie nicht in den Griff zu kriegen waren. Erst der Hinweis eines Arztes, sie habe offenbar «zu viel um die Ohren», führten sie dazu, ihr dichtes Programm drastisch zu reduzieren. Damit verschwanden auch die Schmerzen im Oberarm.
Gesundheitliche Probleme können bei weitem nicht nur Berufsmusiker treffen, wie die Geschichte einer Hobbygeigerin klarmachte, die mit dem Geigenspiel relativ spät begonnen hatte. Sie kämpfte mit total blockierten Handgelenken und Sehnenscheidenentzündungen, die mit jahrelanger Physiotherapie ebenfalls nicht kuriert werden konnten. Auch ein Umstieg auf das grössere Cello konnte das Problem nicht beheben. Erst die sorgfältige Umstellung auf eine neue Körperhaltung und Instrumentaltechnik und eine individuelle Kinnstütze schafften Linderung. Schliesslich berichtete der Rheumatologe Urban Diethelm von seinen Erfahrungen aus der Sprechstunde, die Musiker aufgrund stressbedingter Überlastungen vor allem mit weichteilrheumatischen Beschwerden aufsuchen. Die häufigsten Gründe für derartige Beschwerden sind nach der Erfahrung Diethelms sofortige hohe Beanspruchungen nach längerer Spielpause, Zeitdruck, ein Repertoire mit technisch sehr anstrengenden Passagen, viele Verpflichtungen und winterliche Kälte. Auch ein Wechsel auf ein anderes, weniger gewohntes Instrument, mangelnde Berufserfahrung, zu hohe Ansprüche und langes Üben ohne Pausen sind als Gründe auszumachen. Im Gegensatz zur funktionellen Dystonie sind von rheumatischen Beschwerden vor allem Frauen betroffen, nicht zuletzt weil sie kleiner und feingliedriger sind und Instrumente spielen müssen, die von Männern für Männer konstruiert worden sind. Therapien für derartige Leiden sind laut Diethelm schwierig. Trotz intensiver Forschung würden die Ursachen dieser Schmerzen nur ungenügend verstanden. Evidenzbasierte Therapieratschläge fehlten bis heute weitgehend. Wichtig sei aber sicher die menschliche Zwendung. Der durchschnittliche Musikerpatient beanspruche denn auch deutlich mehr Zeit in der Konsultation als andere Hilfesuchende. Schliesslich präsentierte der Zahnmediziner Joachim Lahme Fallbeispiele, die zeigten, wie sensibel der ganze Körper auf Verspannungen im Mundbereich reagieren kann und wie hinderlich problematische Zahnstellungen − vor allem für Bläser − beim Musizieren sein können. (wb)
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| «Gesundheit im Musikerberuf», 5. Symposium und 10 Jahre SMM, Musikschule Konservatorium Bern, Samstag, 27. Oktober 2007 | |||||||||||||