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8. Symposium der Gesellschaft für Musik-Medizin


19.10.2010 — Zum ersten Mal veranstaltete die Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin (SMM) ihr jährliches Symposium – begleitet von Workshops mit den Körpertherapeuten Nicole Bloch und Marc Papillon – in der Westschweiz, und zwar am Conservatoire de Musique in Genf.

Mit der Informationsstelle und einem Netzwerk von Spezialisten hat die SMM in der Schweiz viel dazu beigetragen, Betroffene bei der teils schwierigen Suche nach medizinischer und therapeutischer Hilfe zu begleiten. Pia Bucher, die Gründerin und Präsidentin der Gesellschaft, erinnerte in ihrer Begrüssung der Welschschweizer Interessenten daran, dass sich Musiker allerdings noch immer schwertun, wenn es darum geht, gesundheitliche Probleme zur Sprache zu bringen. Kundig moderiert wurde der Anlass vom Berner Orthopäden und Handchirurgen Gontran Sennwald.

In einer Grussadresse wies Philippe Dinkel, der Direktor der Genfer Musikhochschule, darauf hin, dass das Genfer Konservatorium – es feiert heuer sein 175-Jahre-Jubiläum – nicht nur ein traditionsreiches Ausbildungsinstitut ist, das einst auch Franz Liszt als Lehrer und Begründer einer gewichtigen Genfer Klaviertradition zu seinen Pädagogen zählte. Auch die körperlichen Aspekte des Musizieren waren hier bereits zu Beginn des 20.Jahrhunderts Gegenstand der Forschung. Zur Zeit würden die Kontakte zu den Neurowissenschaftlern der Genfer Universität intensiviert.

Für den musikalischen Auftakt sorgte das Hornquartett Cat’cor


Zudem beherberge, so Dinkel, die Musikhochschule neuerdings eine Filiale von Musique et Mouvement, einer Einrichtung, die auf Basis der Methoden von Jaques-Dalcroze Bologna-Studiengänge in Musik und Bewegung anbiete. David Johnson machte als Vertreter der Schweizerischen Interpreten-Stiftung (SIS) die Zuhörerschaft darauf aufmerksam, dass die SIS, ein wichtiger Partner der SMM, Musikern bei gesundheitlichen Problemen auch auf juristischer Ebene Hilfe anbietet.

Marie-Claude Schenkel und der Bedarf an kompetenten Ärzten

In einem ersten Referat erklärte die Internistin und Rheumatologin Marie-Claude Schenkel, dass viele Musiker unter chronischen Schmerzen leiden und dies nicht selten als normal empfinden. Häufig begäben sie sich auf eine regelrechte Odyssee von Mediziner zu Mediziner, die ohne spezialisierte Ausbildung oder Erfahrung in Musik-Medizin die Probleme allerdings nicht zu erkennen in der Lage seien. Dies habe auch damit zu tun, dass sich Symptome und Ursachen erst erschlössen, wenn die typischen Bewegungsmuster und Begriffskonzepte der Musik in Betracht gezogen würden.

Laut Marie-Claude Schenkel sind alle Arten und Altersgruppen von Musikern von gesundheitlichen Problemen betroffen. Vertreter der klassischen Musik sind etwas häufiger betroffen, weil sie sich in einem sehr engen, regelintensiven und fremdbestimmten Rahmen bewegen. Männer, die extrem zeit- und übeintensive Karrieren noch immer häufiger absolvieren, entwickeln tendenziell eher fokale Dystonien (Studien lassen darauf schliessen, dass etwa einer von 700 professionellen Musikern davon betroffen ist). Frauen kämpfen dafür eher mit muskulär-skeletösen Problemen, weil ihre Glieder flexibler und die Bänder dehnbarer und weniger gespannt sind als diejenigen von Männern.

SMM-Präsidentin Pia Bucher


Musikmedizin hat dabei laut der Rheumatologin Gemeinsamkeiten mit Sportmedizin. Es gibt aber Unterschiede: Für Sportler ist die aufwendig und in vielen Übestunden entwickelte Technik Zweck und nicht bloss Mittel wie für die Musiker. Zudem werden die Athleten ab einem gewissen Niveau intensiv von Trainern, Therapeuten und anderen Spezialisten begleitet, die auch früh auf mögliche Probleme aufmerksam werden. Musiker sind demgegenüber häufig isoliert und werden mit ihren Problemen alleine gelassen.

Oft erkennen sie Überlastungssyndrome und technisch-mechanische Fehlverhalten deshalb nicht bewusst, oder sie verdrängen sie erfolgreich solange bis überhaupt nichts mehr geht. Welche Schädigungen dabei genau auftreten und weshalb diese von Schmerzen begleitet sind, ist nicht für alle Krankheitsbilder vollends geklärt. Neuere Theorien gehen davon aus, dass die beim Musizieren typischen repetitiven Mikrobewegungen etwa zu mikroskopischen Verletzungen im Muskelbereich führen, die wiederum Verletzungen der Nervenendigungen bei den Muskeln zur Folge haben. Laut Marie-Claude Schenkel sind da allerdings noch offene Debatten im Gang.

Medikamentöse Behandlungen solcher Probleme sind nach Ansicht der Internistin kaum effizient. Entscheidend ist nach Erholungs- und Regenerierungsphasen physiologisch korrekte Haltungen zu erlernen, die vor allem darauf abzielen, Bewegungen mit einem Minimum an Aufwand ausführen zu können und keine Köprerteile passiv zu belasten, zum Beispiel durch asymmetrische Haltungen oder gehemmte Atmung.

Aude Hauser-Mottier und Dystonien als symbolischer Tod

Die Physiotherapeutin Aude Hauser-Mottier erörterte Aspekte der fokalen Dystonie, die sie metaphorisch als «symbolischen Tod des Musikers» bezeichnete, weil sie ausser der Vernichtung genau umrissener musikalischer Fähigkeiten keine Beeinträchtigungen nach sich ziehen. Dystonien verunmöglichen es, bestimmte Bewegungen auszuführen oder die Finger einer Hand unabhängig voneinander zu steuern. Sie sind schmerzfrei.

Bei den Pianisten und Gitarristen ist dabei eher die rechte als die linke Hand betroffen, bei den Geigern die linke eher als die rechte, das heisst, die Hand, die beim Musizieren deutlich mehr feinmotorisch-repetitive Arbeit zu verrichten hat. Begünstigt werden können Dystonien durch Fehlhaltungen, die etwa aufgrund von Stress eingenommen werden, und das Bedürfnis nach absoluter Perfektion des Spieles, das zu Überforderungen führen kann.

Aude Hauser-Mottier


Ein Neuaufbau korrekter Bewegungsabläufe ist laut Aude Hauser-Mottier möglich, erfordert aber sehr viel Zeit und Geduld. Die Physiotherapeutin wendet sich nicht grundsätzlich gegen den immer wieder kontrovers diskutierten Einsatz von Botox zur gezielten zeitweiligen Lähmung bestimmter Muskeln, um eingefahrene Bewegungsabläufe aufzubrechen. Er müsse aber von entsprechenden bewegungstherapeutischen Massnahmen begleitet werden.

Möglich ist auch die Arbeit mit Spiegeln, mit denen auf eine Hirnhälfte nicht das Bewegungsbild der von ihr gesteuerten, von der Dystonie betroffenen Hand, sondern dasjenige der gesunden projiziert wird. Damit werden die gestörten Bewgungsabläufe mit den intakten sozusagen wieder überschrieben. Eine vollständige Genesung ist aber auch so nicht zu erwarten. In der Regel werden mit einer geschickten, individuell massgeschneiderten Kombination der verschiedenen Therapien die besten Erfahrungen gemacht.

Dystonien können am besten verhindert werden, indem Stress beim Musizieren vermieden wird. Wird das Spielen zur blossen Pflicht, erhöht sich die Gefahr von Schädigungen.

Jean-Yves Beaulieu und die Komplexität der Hand

Der Handchirurg Jean-Yves Beaulieu beschrieb zunächst die Eigenheiten der menschlichen Hand auch als Resultat der evolutionären Entwicklung in der Familie der Primaten. Die immer komplexere Ausbildung diffenzierter feinmotorischer Funktionen und Freiheitsgrade in den Bewegungen hat ihren Preis: So haben etwa zwei Drittel der Streicher in Orchestern laut Beaulieu Probleme mit den Handmuskeln.

Weitere Spezialerkankungen sind häufig beobachtbar. Musiker, die ihr Instrument immer am selben Ort mit dem gleichen Finger stützen, laufen Gefahr, aufgrund des Druckes auf bestimmte Nerven Schmerzsymptome und Entzündungen auszubilden Solche Einschränkungen lassen sich mit Verhaltenänderungen vermeiden, vor allem mt gezielten Methoden der bewussten periodischen Entspannung der konstant unter Druck gehaltenen Fingerglieder.

Jean-Yves Beaulieu


Bei Entzündungen und mechanischen Behinderungen im Karpaltunnel, durch den die Nerven im Bereich des Handgelenks geführt werden, sind operative Eingriffe möglich. Solche sollten aber nur von Ärzten durchgeführt werden, die mit der speziellen Problematik der Musiker vertraut sind. Sie müssen darauf achten können, auch im Mikrobereich keine anatomischen Veränderungen zu provozieren, da solche die Spielfähigkeit erheblich einschränken können.

Selbst bei normalen Patienten unproblematische Nebenerscheinungen wie Narben an verborgenen Stellen können fatale Wirkungen haben, etwa wenn letztere gerade die Regionen betreffen, die ein Musiker nutzt, um seine Hand auf ein Instrument aufzustützen.

Dass Musiker eher als die Durchschnittsbevölkerung zu Arthrose in den Händen neigt, ist laut Beaulieu nicht gesichert. Gegen eine solche ist allerdings, wird sie einmal diagnostiziert, keine regenerierende Therapie möglich.

Jean-Philippe Guyot und die echten Gefahren für das Gehör

Der Ohrenarzt Jean-Philippe Guyot wies darauf hin, dass kein Sinn im menschlichen Körper mit so auffallend wenigen neurologischen Ressourcen auskommt wie das Gehör und dass Schwerhörigkeit vor allem Folge eines Verlustes an Differenzierungsvermögen im Frequenzbereich und weniger abhängig von der Lautstärke akustischer Signale ist. Gesprochenes und Musik verschwimmt für Betroffene zu unverständlicher Masse.

Jean-Philippe Guyot


Hörverluste sind korreliert mit der Dauer, der man im Lauf eines Lebens Lärm ausgesetzt ist. Musiker unterschieden sich dabei, erklärt Guyot, entgegen landläufiger Befürchtungen kaum von der Durchschnittsbevölkerung. Studien zum Hörverlust ergäben über einen Zeitraum von zwanzig Jahren kein eindeutiges Bild, das die Berufsgruppe als speziell gefährdet erkennen liesse.

Eindeutige Ursachen für Hörverluste lassen sich laut Guyot überdies nur schwer isolieren, weil auch Musiker anderen Risikofaktoren unterliegen können, etwa Medikamentenkonsum, Freizeitbeschäftigungen wie Schiesssport und so weiter. Am meisten gefährdet scheinen diejenigen, die in einem Orchester räumlich im Zentrum positioniert sind.

Was die Zuhörer beschäftigt: Dystonien und MP3-Spieler

Dystonien waren neben Fragen an den Handchirurgen auch in der Podiumsdiskussion ein vordringliches Thema. Aude Hauser-Mottier betonte, dass neben Fehlhaltungen auch der Ehrgeiz, schneller oder differenzierter zu spielen, als die eigene Physiologie erlaube, Dystonien begünstigten. Es gebe aber auch Fehldiagnosen, etwa wenn individuelle physiologische Unmöglichkeiten fälschlicherweise als Dystonie identifiziert würden.

Auch Fragen dazu, wer die Kosten für die Betroffenen übernehme, wurden aufgeworfen. Tatsächlich existiert laut Auskünften der Referenten erst ein Fall, in dem eine Dystonie als Berufskrankheit anerkannt worden ist. Betroffene müssen sich deshalb in aller Regel auf komplexe Auseinandersetzungen mit Krankenkassen oder Versicherungen einrichten.

Das Podium (von links): Hauser-Mottier, Bloch, Papillon, Guyot, Beaulieu, Schenkel.


Befürchtungen, die Jugend ruiniere sich mit den modernen MP3-Playern die Ohren, relativerte der Ohrenarzt. Die grossen Probleme mit Hörverlust, so Guyot, fänden sich heute in der Elterngeneration, die sich etwa im Militärdienst oder am Arbeitsplatz völlig ungeschützt Lärmquellen ausgesetzt habe. Die Suva könne hingegen keine Auffälligkeiten beim Gebrauch von MP3-Spielern feststellen. Es gebe zudem Industrie-Initiativen, um Grenzwerte der Dezibel-Belastung festzusetzen. Am meisten gefährdet sind auch heute noch Musiker – entweder im Orchester oder auf der Bühne. Da wurden auch allgemein für eine allgemeine Senkung der Pegel in Orchestern plädiert.
(wb)

Association Suisse de Médicine de la Musique (SMM): 8e Symposium, Samedi, 23. Octobre 2010, Grande salle du conservatoire de musique de Genève.

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