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Shanghai Philharmonic Orchestra: Klee in Bern


16.11.2010 — Zum Auftakt der zweiten Tournee der Migros Kulturprozent Classics 2010/11 erwies das Shanghai Philharmonic Orchestra unter Muhai Tang in Bern Klee Reverenz. Mit von der Partie: die chinesisch-schweizerische Nachwuchspianistin Mélodie Zhao.

Viel Umschweife macht das Shanghai Philharmonic Orchestra nicht – da wird gleich losgelegt. In Liu Yuans «Train Toccata» wird auf die grosse Trommel eingedroschen, die Hörner geben ohne Warmlaufen alles, die tiefe Posaune kann zeigen, was sie draufhat, und das ganze Orchester vokalisiert fröhlich mit: Das kurze Stück, mit dem laut Internet-Quellen ein taiwanischer Popsong («Train» von Lo Tayu) gecovert wird, erinnert etwas an Scott Bradleys Trickfilmmusiken: frech, effektvoll, hemmungslos lautmalerisch und überaus unterhaltend.

Da verwundert es nicht, zu erfahren, dass das Orchester auf ein Ensemble für Filmmusik zurückgeht, das ab den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts den Aufschwung der chinesischen Filmindustrie mitprägte. Den aktuellen Namen trägt es seit 2004, seit 2009 ist Muhai Tang, selber Sohn eines Filmregisseurs und noch bis Ende dieser Saison Chefdirigent des Zürcher Kammerorchesters, sein künstlerischer Leiter.

Nicht bloss der effektvolle Crossover aus der Heimat scheint dem Ensemble zu liegen, auch Prokofiews drittes Klavierkonzert ist da in Bern zum Auftakt der zweiten Migros-Kulturprozent-Classics-Tournee auf erfrischende Art ausgedeutet worden. In eher gemächlichen Tempi (hat man Prokofiews eigene Interpretation im Ohr durchaus stimmig) entlockte Muhai Tang dem Klangkörper eine Fülle faszinierender Farben, Mixturen und präzise gesetzter Akzente.

Virtuose Bewältigung kniffliger Tempowechsel und Mut zu dynamischen Extremen zeichnete das Spiel aus, in das sich die Schweizer Nachwuchspianistin Mélodie Zhao bestens einfügte. Besonders im zweiten Satz konnte man da Passagen erleben, die von fast betörender, pastöser Feinheit waren und Spielanweisungen wie «delicatissimo» oder «freddo» frisch ausdeuteten: Ein etwas weichgezeichneter, aber faszinierender Russe war das.

Die gerade mal 16-jährige sinogreyerzerische Pianistin bedankte sich für die freundliche Aufnahme durch das Berner Publikum mit Liszts Rhapsodie Nr.6 als Zugabe. Eine Künstlerin, von der man zweifellos noch einiges hören wird.

An kaum einem Ort wäre eine Wiedergabe von Tan Duns «Death and Fire – Dialogue with Paul Klee» (die Titelfolge ist im Programmheft gekürzt und offenbar etwas durcheinandergeraten) passender als in der Heimatstadt des Paul Klee Zentrums, in dem das porträtierte Bild «Tod und Feuer» aufbewahrt wird, im Kunstmuseum aber auch «Ad Parnassum», dem Tan Dun ebenfalls Reverenz erweist.

Auch in dieser Mischung aus lautmalerischen Texturen mit ornithologischen Anklängen, volksliedartig-einfacher Melodik und langgezogenen, expressiven Tönen stellte das Orchester seine hohen Qualitäten in Sachen Präzision, Klanggefühl und -balance unter Beweis. Im abschliessenden, reduktionistisch-eindringlichen «Death and Fire» erreichte es erschütternde expressive Intensität.

Abgeschlossen wurde das thematisch rund und stimmig-poetisch wirkende Programm des Abends mit Strawinskys Ballett-Suite «Der Feuervogel» in der Version von 1919. Die Partitur gab den durchgehend exzellenten Solisten in den Bläser- und Streicherregistern Gelegenheit, ihre Musikaliät unter Beweis zu stellen, und auch wenn die Wiedergabe insgesamt etwas pauschal wirkte, konnte doch noch einmal mehr das feine Klanggefühl von Orchester und Dirigent bewundert werden.

Zwei mal A-Dur – einmal chinesisch, einmal europäisch ausgedeutet – gab’s als Orchesterzugaben. Das volkstümliche Stück «Beautiful evening» Liu Tianhuas, eines Pioniers der Verbindung chinesisch-traditioneller und westlicher Kompositionstechniken, offenbarte, dass die heute hierzulande geschmähten Streicher-Portamenti in östlichem Kontext eine ganz andere Bedeutung erhalten, Boccherinis Menuett in A-Dur, welchen Charme auch europäische Ohrwürmer noch zu entfalten vermögen.

In den letzten Jahren waren vermehrt unkonventionelle Orchester aus Südamerika und Asien auf den westlichen Konzertpodien zu hören. Sie setzen auf erfrischende Art neue, von ihren eigenen regionalen Dialekten geprägte Akzente im Umgang mit der europäischen Kunstmusik. Dazu gehört auch das Shanghai Philharmonic Orchestra. Man kann das als willkommene Bereicherung der globalen Orchesterlandschaften nur begrüssen. (wb)

Migros Kulturprozent Classics 2010/11, Tournee II, Shanghai Philharmonic Orchestra, Muhai Tang (Leitung), Mélodie Zhao (Klavier), Werke von Yuan Liu, Prokofjew, Tan Dun, Strawinsky. Kultur-Casino Bern, 15. November 2010.
Weitere Aufführungen: Zürich, Tonhalle (16. November 2010), Basel Stadtcasino (17. November 2010), St. Gallen, Tonhalle (18. November 2010), Genf, Victoria Hall (19. November 2010).

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