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«Kampf der Chöre» im Schweizer Fernsehen


29.11.2010 — Acht prominente Schweizer Musiker haben mit selber gecasteten Chören in der neuen Fernseh-Show «Kampf der Chöre» um den Sieg gekämpft. In sechs live aus der Bodensee-Arena in Kreuzlingen ausgestrahlten Shows sind sie mit Hits aus allen Jahrzehnten gegeneinander angetreten.

Die Deutschfreiburger haben gewonnen. Oder der Deutschfreiburger? Gustav mit «u», nicht mit «ü» – französisch – ausgesprochen. Gustav kommt zwar aus einem zweisprachigen Brückenkanton, hatte aber gemäss Selbstdeklaration auch bloss zwei Quotenwelsche im Chor.

Und was war das denn nun? Ein Chorwettbewerb? Der Gesang stand nicht im Vordergrund, wie in andern zur Zeit im Fernsehen beliebten Kollektivgesangs-Formaten mit Strassen-, Beschwerde- oder Gefängnischören. Eigentlich ist das Format «Kampf der Chöre» ein Arrangier- und Sympathie-Concours.

Das Schweizer Fernsehen SF hat ihn in Zusammenarbeit mit der deutschen Produktionsfirma Shine Germany enwickelt, die sonst fürs Privatfernsehen Ignoranten-Serien wie «Das Tier in mir», «Generation Ahnungslos» oder «Die perfekte Minute» realisiert. «Kampf der Chöre» basiert auf «Clash of the Choirs», das in den USA, Schweden und Spanien bereits gelaufen ist. Und genauso fühlt es sich auch an.

Das Schweizer Fernsehen hat – aus Kostengründen – schon einige andere Formate aus dem Ausland übernommen, unter anderem von der berüchtigten Endemol (Big Brother, Deal or No Deal, 1 gegen 100…). Mit «Kampf der Chöre» ist der Sender nun aber einen Schritt weiter gegangen. Das Chorwesen hat, anders als Randexistenzen in Containern, Zocker oder Besserwisser in der Schweiz eine lange politisch und gesellschaftlich bedeutende Tradition.

Die acht zwanzigköpfigen Chöre standen nicht im Vordergrund. Aber auch der Kampf im Grunde genommen nicht. Offensichtlich wurde darauf geachtet, möglichst viele Identifikationsmöglichkeiten, das heisst eine breite Palette an Stilen, Generationen und Regionen, zu präsentieren. Vergleichbarkeit war da nicht gegeben.

Die Chöre stellten sich auch nicht einer fachlichen Jury, sondern einem Publikumsurteil, das auf die Ensembles wie ein Gottesgericht ohne nachvollziehbare Kriterien des Entscheidens wirken musste und auch die Zuschauer im Fernsehsessel eher ratlos liess.

Wenig erstaunlich also, ging’s manchmal zu und her wie in einer Erweckungskirche, wo sich alle toll und grossartig finden und ja soooo emotional sind, so etwas im Leben noch nie erfahren haben und das nie mehr missen möchten und so weiter.

Emotionen entstanden da nicht als Resultat von Talent, Fleiss und Siegerwille; sie wurden hochgeputscht – vor allem in der Verkündigung der Publikumsentscheide. Tränen im Grossformat, um der Rührung willen, ohne dass nachvollziehbar wäre, weshalb wer über die Klinge springen muss. Das sind typische Zeichen der Dekadenz.

Das Ritual mutete mit der Zeit ermüdend an und sorgte vor allem in der Finalsendung für einen Einbruch der Spannung. Irgendwie hatte man’s gesehen und begriffen, ohne hineingenommen zu werden und mitfachsimpeln und urteilen zu können. So richtig wohl schien es dabei auch den versammelten Chorleitern auf dem langen Kanapee nicht zu sein. Sie zeigten zumindest in der Schlusssendung den Willen, das Format subversiv zu unterlaufen und Ansätze zur Kritik zu zeigen («War jetzt nicht gerade deine stärkste Nummer»).

Es gibt auch Gutes zu berichten: Die Performances waren ausnahmslos unterhaltend, professionell gemacht, vielfältig und originell, und im Grunde genommen hat mit Gustav der richtige, nämlich der am ehesten noch schräge, mutige und überraschende Chorleiter gewonnen.

Bloss einmal wagte es ein Chor (derjenige der Opernsängerin Noëmi Nadelmann mit einem achtstimmigen «Somewhere Over The Rainbow»), a capella die vokale Leistung in den Vordergrund zu rücken; sofort zeigte sich, wo die Grenzen solcher schnell hochgefahrener Laienensembles liegen.

Wenn man streng sein will, könnte man dafür argumentieren, dass das Schweizer Fernsehen mit dem «Kampf der Chöre» seinen staatspolitischen Service-Public-Auftrag unterminiert und sein Publikum nicht ernst genommen hat.

Das Chorwesen ist in der Schweiz – zusammen mit den Harmoniemusiken, dem Turnverein und der freiwilligen Feuerwehr – eine tragende Säule des gesellschaftlichen und regionalen Zusammenhaltes. Die Dorf-, Quartier-, Kirchen- und Firmenchöre pflegen eine hochstehende musikalische Laienkultur und sind es gewohnt, sich an Sängerfesten Beurteilung und Wettbewerb zu stellen.

Dabei geht es in der Regel auch hoch emotional zu und her, sei es, weil monatelang auf einen Auftritt hingearbeitet wird und ein «sehr gut» oder «vorzüglich» in der Expertenbeurteilung für ein Ensemble eine hohe Bedeutung hat. Chöre (und Dirigenten), die sich ungerecht behandelt fühlen, können viel Energie in Proteste und Diskussionen stecken.

Spannung baut sich an solchen Sängertreffen gemächlich auf, mit Phasen der Ruhe, der Anspannung, mit Pausen und seltenen Höhepunkten. Dieser Art der authentischen Erfahrung von Emotionalität und Ereignishaftigkeit traut ein Format wie «Kampf der Chöre» offenbar nicht. Das überspannt anmutende, ständig unter Hochdruck laufende Spektakel entwertet die historisch gewachsene Chorkultur.

Möglich, dass die Programm-Macher davon ausgehen, dem Zuschauer müsse etwas geboten werden, damit er nicht den Kanal wechselt. Das ist ein Irrtum. Man nehme bloss zur Kenntnis, wie in Sportübertragungen, etwa eines Leichtathletik-Meetings, eines Tennis-Matches oder eines Skirennens, Spannung und Aufmerksamkeit dramaturgisch gehandhabt werden: Diese Art entspannter Partnerschaft mit dem Publikum wünschte man sich auch von einem TV-Chorwettbewerb.

Aufnehmen müsste man da die Elemente der Chorkultur: die Fahnen und Ehrungen, Gesamtchöre, Wettbewerbsstücke und den Volksfestcharakter. Mit andern Formaten wie «SF bi de Lüt», «Vereinsgeschichten» oder «Landfrauenküche», die zum Teil erfolgreich exportiert werden konnten, ist das dem Schweizer Fernsehen recht gut gelungen.

«Kampf der Chöre» ist demgegenüber ein künstlich aufoktroyiertes Format, das die Gesangstradition in der Schweiz eher entwertet als respektvoll aufnimmt und vitalisiert. (wb)

Kampf der Chöre, Serie auf SF 1, jeweils sonntagabends, 24. Oktober bis 28. November 2010; als Chorleiter amteten Fabienne Louves, Gustav, Maja Brunner, Michael von der Heide, Noëmi Nadelmann, Padi Bernhard, Sandee und Stämpf.

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