07.03.2011 — Jede Epoche hat ihre Geschichten. Heute pilgert das Volk in Musicals wie «Ewigi Liebi» oder «Die Schwarzen Brüder». Anfangs des 20. Jahrhunderts waren es noch die biblischen Mythen, die dem Schweizer Publikum Divertissement, Dramatik und Erbauung boten. Zunutze machte sich das auch der Welschschweizer René Morax, der dem Schweizer Komponisten Arthur Honegger mit «Le Roi David» die Vorlage für eine farbenreiche, effektvolle und zugängliche Theatermusik lieferte.
Die ursprünglich für Bläser und Harmonium als Streicherersatz konzipierte Partitur kam am 11. Juni 1921 im Théâtre du Jorat im waadtländischen Ort Mézières, einem imposanten Holzbau mitten im Lausanner Hinterland, zur szenischen Uraufführung (siehe dazu auch das Codex-flores-Dossier). Zwei Jahre später fand eine umgearbeitete Konzertfassung mit Streichern den Weg aufs Podium.
«Le Roi David» ist damit ein hochkarätiges Stück Schweizer Volkskultur. So stimmte denn auch alles zusammen, als es das Aargauer Symphonie Orchester mit lauter lokalen Akteuren etwas ausserhalb der Stadt Aarau in der Bärenmatte Suhr zum besten gab – an einem Ort, der zwar nicht den ländlichen Charme des Théâtre du Jorat hat, aber mit seinen Backsteinwänden und seinem nüchtern-sauberen Ambiente einer typisch mittelländischen Mehrzweckhalle den unprätentiösen, auf die Inhalte und nicht auf repräsentativen Glamour fokussierenden Anspruch des Werkes unterstrich.
Die vergleichsweise trockene Akustik des Raumes kam der Durchhörbarkeit der mit Streichern angereicherten Bläsermusik dabei durchaus zugute: Kaum ein Detail der theatralisch-gestisch geschriebenen Musik entging da dem Ohr.
Dass das Orchester sich auch in der erbarmungslos alle Feinheiten sezierenden akustischen Linse der Bärenmatte mit hoher Präzision und herausragenden einzelnen Leistungen vor allem der Bläser zu profilieren vermochte, sprach für das hohe musikalische Niveau des Ensembles und die Erfahrung des britischen Dirigenten Douglas Bostock, der weniger für die Galerie dirigierte, als dass er mit praktischem Sinn und pragmatischer Lenkkraft die Musik aufblühen liess.
Exzellent vorbereitet zeigte sich auch die rund hundertköpfige Schola Cantorum Wettingensis, die unter der Leitung von Roland Fitzlaff steht, und für die honeggersche Herausforderung überdies vom am Opernhaus Zürich tätigen Jürg Hämmerli gecoacht wurde. Ideal besetzt zeigten sich schliesslich die Solopartien – mit der ukrainischen Mezzosopranistin Christina Daletska (die laut Programmheft auch Denk- und Logikpuzzlebücher verfasst), der Sopranistin Franziska Welti, dem Tenor Valentin Gloor sowie last but not least dem Schauspieler Walter Küng als Erzähler.
Das Aargauer Symphonie Orchester darf für sich in Anspruch nehmen, mit dieser Produktion eine in jeder Hinsicht stimmige und authentische Deutschschweizer Adaption des Oratoriums realisiert zu haben und damit an eine Tradition der volksverbundenen Schweizer Musikkultur angeknüpft zu haben, die in ihrer unaufgeregten, geschmackvollen und weltoffenen Art nichts von ihrer Kraft verloren hat.
Dem Oratorium vorangestellt hatte Bostock eine Wiedergabe der 39. Sinfonie Es-Dur KV 543 Mozarts. Sie war vor allem durch den Verleger und Pionier des Schweizer Chorwesens Hans Georg Nägeli, respektive dessen vielzitiertes (und sprachlich missglücktes) Verdikt, das Werk «schnappe» im Finale unvermutet «ab» mit der hiesigen Musikkultur verbunden.
Da musste sich das Orchester in ungleich stärkerem Masse als im Oratorium an einer differenzierten und opulenten Interpretationsgeschichte messen lassen. Es erwies sich in diesem Fall als zwar eher konventionell, aber präzise und spielfreudig agierendes Ensemble. Es zeigte sich da, dass seinen Violinregistern ab und zu möglicherweise etwas der letzte Schliff fehlt. In den erbarmungslos analytischen Hörverhältnissen des Saales setzte es sauberen Zusammenklang manchmal auch vor Spielwitz, Vorwärtsdrang und dynamische Subtilitäten. (wb)
«Es lebe der König!», Konzert des Aargauer Symphonie Orchesters. Mozart: Symphonie Es-Dur KV 543, Honegger: «König David». Mitwirkende: Walter Küng (Erzähler), Franziska Welti (Sopran), Christina Daletska (Mezzosopran), Valentin Gloor (Tenor), Schola Cantorum Wettingensis ((Leitung: Roland Fitzlaff, Gesamteinstudierung: Jürg Hämmerli), Douglas Bostock (Dirigent),
Sonntag, 6. März 2011, Bärenmatte Suhr.
Weitere Aufführungsdaten: Dienstag, 8. März 2011, 20 Uhr, Bärenmatte Suhr, Samstag, 12. März 2011, 20 Uhr, Trafo-Halle Baden.