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Das London Symphony Orchestra in Bern

18.05.2011 — Alles kam da etwas anders als vorgesehen: Vor dem Auftritt des London Symphony Orchestra (LSO) in Bern im Rahmen der Migros Kulturprozent Classics trat Mischa Damev, der Intendant der Konzertreihe, vor das Publikum. Er erklärte, der Solist des Abends, der Schweizer Oboist Emanuel Abbühl (selber ein Mitglied des LSO), habe sich eine Stunde vor dem Auftritt unwohl gefühlt und habe notfallmässig den Arzt konsultieren müssen. Derart kurzfristig das Programm umzustellen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

So entschieden sich der Dirigent Valery Gergiev und seine Mitstreiter, anstelle des vorgesehenen Oboenkonzertes KV 314 von Mozart zwischen Schtschedrins Konzert für Orchester Nr. 1 und Tschaikowskys dritter Sinfonie das Adagio-Fragment aus Mahlers unvollendeter zehnter Sinfonie zu schieben – am Vorabend zum 100. Todestag des Komponisten auf den ersten Blick keine schlechte Idee.

Die Programm-Umstellung hatte allerdings unvorhersehbare Folgen. Zum einen prallten mit Schtschedrins schrillem Konzert und dem abgründigen Mahler-Adagio unvereinbare Welten aufeinander: In dem rund achtminütigen satirischen Stück des Russen erhält man den Eindruck, die Musik Strawinskys, Schostakowitsch oder gar Bernsteins werde erbarmungslos geschreddert und moderne Spieltechniken auf Korn genommen wie weiland Mozart sich in seinem «Musikalischen Spass» über seine Kollegen lustig machte.

Das begann mit einem vorlauten Walking Bass, später hämmerte zwischendurch ein Klavier auch schon mal eine stupide Begleitung, gegen die sich Alberti-Bässe direkt geistreich ausnahmen, Bläser und Schlagzeug persiflierten Jazz- und Volksmusik-Klischees und alle fühlten sich prächtig unterhalten.

Dann wurde das 20. Jahrhundert allerdings von hinten aufgerollt. In tiefsten Ernst und grosser Geste zeugt das Adagio Mahlers von der Todesnähe seines Schöpfers. Es warf einen relativierenden Schatten zurück auf Schtschedrins bissige Komponisten-Klatsche. Zehn Celli, acht Kontrabässe und üppige Diskant-Stimmen in den Streichern entfesselten die aufbäumende Energie des Fragmentes, das Pierre Boulez einmal als zukunftsweisend und «Resümee all dessen» bezeichnet hat, «was Mahler zuvor komponiert hat».

Zum Ereignis des Abends wurde also das Orchester: Und was für eines! Mit welcher Präzision und Genauigkeit in Dynamik und Intonation da trotz Klangfülle und organischer Durchdringung der Partitur musiziert wurde! Keine Pizzicati – etwa im Ausklang des Zweiten Satzes der Tschaikowsky-Sinfonie – verwackelt, die Tempoänderungen bewundernswert natürlich, schlüssig, notentreu und organisch, als wär’s das Einfachste der Welt. Und ein Klang, für den der voll besetzte Casino-Saal in Bern fast zu klein schien.

Das Fehlen des solistischen Konzertes mit einem Exponenten aus den eigenen Reihen richtete den Schweinwerfer auch auf die andern Solisten im Orchester, allesamt Könner und Könnerinnen ersten Ranges. Am Schluss wurde da auch noch kräftig auf die Tuba gedrückt – im Schlusssatz der Sinfonie, den Tschaikowskys Komponisten-Kollege César Cui und andere Zeitgenossen zu ihrer Zeit als effektvoll, aber wenig einfallsreich einschätzten.

Das Orchester verabschiedete sich versöhnlich mit einem wunderbar ruhig aufblühenden «Panorama» aus Tschaikowskys Balletsuite Dornröschen. Und Emanuel Abbühl soll es laut Mischa Damev auch schon wieder besser gehen. (wb)

Tournee VI der Migros Kulturprozent Classics 2011: London Symphony Orchestra, Valery Gergiev (Leitung), Rodion Schtschedrin: Konzert für Orchester Nr.1, Gustav Mahler: Adagio aus der 10. Sinfonie, Peter Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 3, Kultur-Casino Bern, 17. Mai 2011.

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