01.06.2011 — Es gibt bedeutende Ereignisse im Schweizer Musikleben, die unter der Radarreichweite der Publikumspresse stattfinden, sozusagen subkutan. Eines davon war der erste Schweizer Auftritt der Pianistin Janina Fialkowska, die auf dem europäischen Kontinent mit Chopin-Interpretationen aufgefallen ist und im Begriff steht, im Rahmen der Bayerischen Musikademie in Marktoberdorf einen jährlichen Meisterkurs zu etablieren – ennet der Grenze aber von hier aus problemlos erreichbar. In der angelsächsischen Welt hat die von Arthur Rubinstein namhaft geförderte Musikerin eine treue Fangemeinde.
Ein Ereignis und nicht ein Event war dieser Einstand – zu verdanken hat man dies nicht zuletzt der ästhetischen Standhaftigkeit des Musikkollegiums Winterthur, das die Kanadierin nicht mit Chopin auf den Schild gehoben hat, sondern ihr Debüt hierzulande in eine Reverenz an die neuere polnische Klangkunst einbettete und damit Karol Szymanowski, dem Titan der polnischen Pianistik, ebenso Raum gab wie es dem in unseren Breitengraden kaum bekannten Juliusz Zarebski Gehör verschaffte. Der Abend im Winterthurer Stadthaus wurde aber gar zum vierfachen Tribut.
Mit dem Rezital verabschiedete sich im Weiteren nämlich auch der Geiger Willi Zimmermann als Konzertmeister des Ensembles (er konzentriert sich künftig ganz auf die gleiche Aufgabe beim Zürcher Kammerorchester). Auf Anregung von Zimmermanns polnischer Gattin Beata Checko-Zimmermann hin wiederum fand Zarebskis dicht gesetztes und damit auch physisch herausforderndes, impressionistisch-zukunftsweisendes Klavierquintett g-Moll op. 34 Eingang ins Programm des Abends – eine in Chopins und Liszts Klangkomos eingelegte Brahms-Form (die Zimmermanns bestritten den Violinpart, Beata Checko-Zimmermann atmete mit dem Verklingen des letzten Tones sichtbar auf, soviel Last – oder Liszt? – fiel da ab, auch wenn während der Wiedergabe der Eindruck gelösten und intensiven Musizierens blieb. Das Werk ist eine Entdeckung und sollte auch hierzulande vermehrt den Weg aufs Podium finden.)
Polnische Musik zum Staunen und Entdecken, ein Schweizer Einstand, eine Verabschiedung, und auch das noch: Zum Vierten erklangen da zum Auftakt in Witold Lutoslawskis Trauermusik für Streicher – Musique funèbre in memoriam Béla Bartók und vor allem in den mit aleatorischen Passagen durchzogenen Jeux vénitiens akustische Architekturen, die sonst eher in Konzerten des Zürcher Collegium Novum Luft und Raum erfüllen.
Das Musikkollegium Winterthur (das zuletzt mit CD-Produktionen den Bogen von Mozart, Rheinberger und Schubert bis Schostakowitsch, Busoni und Bartók gechlagen hat), ist da genauso zu Hause wie in barocken Oratorien. Die Kompetenzen werden ja auch geteilt: Mit Rahel Cunz hatte das Kollegium als Konzertmeisterin für Lutoslawksis venezianische Spiele etwa eine Schlüsselfigur, die auch Mitglied des Collegium Novum ist.
Janina Fialkowska fügte sich zunächst fast beiläufig ins Programm – mit Karol Szymanowskis Sinfonie Nr. 4, in der auch ein Klavier mittut. Das Musikkollegium Winterthur kennt allerdings eine Konzertform, in der eine «Nocturne» ans reguläre Programm anschliesst.
Da machte die Kanadiern das Zürcher Publikum auch noch mit drei Soloklavierwerken Szymanowskis aus verschiedenen Schaffensphasen bekannt, die dessen Werdegang vom Chopin-Erben (Etüde op.4/3, 1900) bis zum ins Atonale ausgreifenden Virtuosen (L’ile des Sirènes aus Metopen, drei Dichtungen für Klavier solo von 1915) und schliesslich der Reduktion auf eine ästhetische Quintessenz (Mazurka op. 62/1) nachzeichnete – was wiederum auf Chopin zurückverwies, ist doch auch dessen letztes (fragmentarisches) Werk, die Mazurka op. 68 Nr.4, ein asketisch anmutendes Hyperdestillat.
siehe auch:
Chopin-Rezital mit Janina Fialkowska
Chopins Konzerte als intime Kammermusik
(cf)
Ein Polnischer Abend mit Janina Fialkowska. Stadthaus Winterthur, 26. Mai 2011. Musikkollegium Winterthur, Garry Walker (Leitung), Janina Fialkowska (Klavier). Witold Lutoslawski: Trauermusik für Streicher – Musique funèbre in memoriam Béla Bartok (1958), Jeux vénitiens. Karol Szymanowski: Sinfonie Nr. 4, op. 60 (Symphonie concertante) für Klavier und Orchester (1932). Juliusz Zarebski: Klavierquintett g-Moll, op. 34 (Violinen Willi Zimmermann, Beata Checko-Zimmermann Viola Severin Scheuerer Violoncello Anna Tyka-Nyffenegger Klavier Carl Wolff).