12.09.2011 — Mit einem grossen Abschlusskonzert hat die Lucerne Festival Academy ihre Tätigkeiten am Lucerne Festival 2011 abgerundet. Es illustrierte das Paradoxe am Anspruch des Festivals, auch die zeitgenössische Musik intensiv pflegen zu wollen. «Nacht» war das ja nicht, eher die Stunde sonntäglichen Gottesdienstes braver Bürger. Das Motto von Lucerne Festival 2011 – vage wie alle Event-Labels seiner Art – hing für einmal am falschen Türknopf. Dafür gab’s exzellente Wiedergaben von Ikonen der klassischen Moderne, und das kam natürlich nicht von ungefähr; am Pult standen immerhin die Altmeister Peter Eötvös und Pierre Boulez. Es ist erklärtes Ziel der Academy, hochbegabten, jungen Musikern aus aller Welt «das notwendige Rüstzeug zur Interpretation Neuer Musik zu vermitteln». Und das tut sie. Und wie. Werke wie Bernd Alois Zimmermanns «Photopsis» oder Karlheinz Stockhausens «Punkte» (beide dirigiert von Eötvös) hört man kaum in Abokonzerten städtischer Sinfonieorchester. Und um Schönbergs Variationen für Orchester op.31 und Alban Bergs drei Orchesterstücke op.6 so sorgfältig und wissend aufs Konzertpodium zu legen, da müssten sich selbst Weltklasse-Orchester warm anziehen. Das Ad-hoc-Orchester der Lucerne Festival Academy hatte dazu viel Zeit. Mit Schönbergs Variationen beschäftigte es sich einen einwöchigen Meisterkurs Dirigieren lang, mit Boulez als Lehrmeister. Das Orchester hatte noch einiges mehr hinter sich: Es präsentierte an dem nachtumwobenen Festival «Concertate il suono» von Marc-André Dalbavie, Charlotte Hugs «Nachtplasmen» (siehe Codex-flores-Rezension), einiges an Solo- und Kammermusikwerken der Moderne und Boulez’ «Pli selon pli. Portrait de Mallarmé». Mit andern Worten: Da wurden einige der besten Nachwuchsmusiker der Welt dazu befähigt, die Ästhetik der europäischen Moderne auf höchstem Niveau zu bewältigen – und zu verinnerlichen. Es gibt auch andere Nachwuchsorchester mit weltweiter Ausstrahlung, das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar etwa (respektive seine Nachfolgeorganisation Sinfónica Juvenil «Teresa Carreño» de Venezuela), das Verbier Festival Orchestra, etc. etc. im Grunde genommen auch das West-Eastern Divan Orchestra, die pflegen in ihren Repertoires aber die grossen romantischen Gefühle. Irgendwie hat man den Eindruck, jugendlicher Vitalität und Begeisterungsfähigkeit sei das angemessener als die Beschäftigung mit dem immer etwas morbid-prätentiösen und weltabgewandt anmutenden postexpressionistischen Gestus der europäischen Moderne mit und nach Schönberg. Die Lucerne Festival Academy befähigt seine Mitglieder nicht nur zum Orchesterspiel, sie ist offensichtlich auch ein Mittel der Sozialisierung. Mit Pierre Boulez prägt auch nicht gerade ein Jungspund die Geschicke des Übeorchesters. Es mutet im Kontext von Lucerne Festival mehr an wie ein Ort der Selbstvergewisserung und Tradierung einer bestimmten Form von Moderne als wie eine Bewegung des Aufbruchs. Und so richtig einleuchten mag es heute nicht mehr, dass mit diesen Zungen da künstlerisch wirklich noch Dringendes und Unvermeidliches gesagt werden muss. Verstärkt wird der pädagogisch-nostalgische Neue-Musik-Impetus am Lucerne Festival durch eine mittlerweile beachtliche Maschinerie aus Vermittlungsangeboten, von Künstlergesprächen über Einführungen bis zu Kritikerrunden im Äther, die alle von einem Grundkonsens getragen werden: Hier werden verantwortungsbeschwert, ernst und doch seriös gültige Werte europäischer Hochkultur gewahrt und weitergetragen, ohne die das Abendland, wie wir es lieben und kennen, ärmer und barbarischer wäre. Der Grundkonsens wird nicht zuletzt dadurch gefestigt, dass nicht nur das Szenemagazin Musik&Theater, sondern auch die bedeutendesten Kulturmedien der Schweiz, das NZZ-Feuilleton, der öffentlich-rechtliche Sender DRS2 und mittlerweile gar die altehrwürdige Edelpostille Du zu affirmativen Zulieferern geworden sind. Da erhalten selbst Uraufführungen (wie Hugs «Nachtplasmen») etwas Museal-Pädagogisches. Und eine Garde mittlerweile ergrauter Avantgardisten dankt es dem privaten Anlass, dass er ihren nicht mehrheitsfähigen, aber den Humanismus auch in oberflächlich-aufgeregten Zeiten hochhaltenden Kulturleistungen eine Trutzburg bietet. Selbstverständlich ist das Lucerne Festival als weitgehend privater Anlass völlig frei in seinem ästhetischen Selbstverständnis. Auch dass es hauptsächlich von Konzernen der Finanzindustrie und der Nahrungs- und Pharmabranche alimentiert wird (und damit Seriosität und Berechenbarkeit ausstrahlen muss), ist doch völlig in Ordnung. Die partizipative und in Grundsatzfragen unkritische Haltung des öffentlich-rechtlichen Schweizer Radios und Fernsehens und das eher distanzlose Mitturnen der Schweizer Musikbildungs- und Vermittlungselite löst hingegen zumindest etwas Unbehagen aus. Die intensive (und durchaus verdankenswerte) Pflege der Neuen Musik – sie hat sich selber einmal als Wider- und Einspruch gegen etablierte Kunstrituale verstanden – hat am Lucerne Festival paradoxerweise nichts Grenzen- und Regelsprengendes mehr, da wird kein Aufbruch gewagt, kein Risiko gesucht, sondern Vertrautes und Konserviertes ritualisiert. Was bleibt? Die absolut hochkarätige Weitergabe des Handwerks, das der Nachwuchs hoffentlich für seine eignen Zwecken zu nutzen wissen wird. (wb)
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| Lucerne Festival, KKL Luzern, 11. 09. 2011, Lucerne Festival Academy Orchestra, Pierre Boulez und Peter Eötvös (Leitung). Bernd Alois Zimmermann: «Photoptosis», Prélude für grosses Orchester; Karlheinz Stockhausen: «Punkte» für Orchester; Arnold Schönberg: Variationen für Orchester op. 31; Alban Berg: Drei Orchesterstücke op. 6 (1913-15, rev. 1929). | |||||||||