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Das Tonhalle-Orchester und die Wiener Sinfonik

28.09.2011 — Eigentlich hätte der Oboist Heinz Holliger das Zürcher Tonhalle-Orchester auf der ersten Tournee der Migros-Kulturprozent-Classics der Saison 2011/12 begleiten sollen. Der renommierte Musiker ist allerdings krank. Er musste schon auf die Teilnahme an einem Jubiläumskonzert zu seinen Ehren des Lucerne Festivals im Sommer 2011 verzichten. Er hätte das Oboenkonzert von Richard Strauss von 1945 interpretiert, was in Kombination mit Mahlers 1904 uraufgeführten Fünften eine Art Ecksprung durch den Herbst der deutschen Spätromantik ergeben hätte. Statt Strauss gab’s nun Schuberts «Unvollendete» und damit eine ganz andere, aber nicht minder anregende Programmidee.

Eckpfeiler der deutschen romantischen Sinfonik, hier speziell der wienerischen Sorte. Das ist so etwas wie die Kernkompetenz des Tonhalle-Orchesters unter seinem Chefdirigenten David Zinman. Es hat die sinfonischen Werke von Richard Strauss und Gesamtzyklen der Sinfonien Beethovens, Brahms’, Mahlers und Schumanns eingespielt. Dafür hat es verdienterweise immer ausserordentlich viel Lob eingeheimst. Zur Zeit arbeitet es an einer Gesamtaufnahme der Schubert-Sinfonien. Der Abend war also so etwas wie eine ästhetische Visitenkarte des Ensembles.

Schuberts «Unvollendete» erklang da in sinnlich-seidigem Gewand, in erster Linie geschneidert von den Streichern, mit hoher Präzision, vital und mit einer Transparenz, die eher auf französische Orchestertradition verwies, denn auf brokatene, hintergründige und schwelgerische Wiener Musse – ein fast etwas zu filigraner und durchsichtiger Schubert. Schön und stimmig allerdings, wie er mit der vibratolosen ppp-Violinlinie und einem vollkommen unspektakulären Abgang des Bläserkollektivs am Schluss des zweiten Satzes kein Ende vorgaukelte, sondern auf weiteres verwies. Das hat Schubert, wie’s der Übername der Sinfonie verdeutlicht, eben nicht mehr nachgeliefert.

Mahlers Fünfte wirkte nach einem solchen Ausklang auch nach der Pause noch wie ein Schock. Das mit der Partitur exzellent vertraute Orchester sezierte selbst die bizarren und grotesken Stellen des gewaltigen Werkes mit teils atemraubender Präzision (auch wenn es in den Tenorregistern von Hörnern und Celli einige unerhebliche Unsauberkeiten gab). Im richtigerweise nicht wie sonst gerne üblich zu schnell genommenen Scherzo blies Ivo Gass, der Solohornist des Tonhalle-Hausensembles, den obligaten Part als Solist vor dem Orchester in souveräner Art.

Einen Höhepunkt des Abends bildete das mit Viscontis Film «Tod in Venedig» zur Ikone gewordene Adagietto, für das sich die Streicher des Tonhalle-Orchester (ohne zu schleppen, Mahler würde es verdanken) viel Zeit nahmen und dabei eine Intensität erreichten, die den ganzen Satz zu überspannen vermochte.

Bei aller orchestraler Virtuosität, die mit der Sinfonie zelebriert wurde, blieb allerdings, wie schon mit dem Ohr an der Schubert-Wiedergabe, der Eindruck, dass hier eine hintergründige Dimension des Schaurig-Morbiden und Schmachtenden, das die Musik der Donaustadt so unverwechselbar macht, dem präzis-luziden Ausputz zum Opfer fiel. Die Tonhalle-Zinman-Lesart von Mahler und Schubert mutete fast etwas zu vital und perfektionistisch an.

Das Zürcher Publikum, das seinem Orchester selbst bei diesem paradoxen Heimspiel auf einer Tournee – im Rahmen der Migros Kulturprozent Classics gastiert das Ensemble noch in St. Gallen, Genf und Basel – einen vollen Saal bescherte, feierte selbiges stürmisch. Völlig zu recht. (wb)

Tonhalle Zürich, Dienstag, 27. September 2011, Migros-Kulturprozent-Classics, Tournee I. Tonhalle-Orchester Zürich, David Zinman (Leitung). Franz Schubert: 8. Sinfonie (Unvollendete), h-Moll D759; Gustav Mahler: 5. Sinfonie.

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