10.05.2012 — Jazz, Klassik, Neue Musik und keine Schnittmenge? Nicht für Kaspar Ewald: Der Basler Komponist, der im März mit dem Credit Suisse Award for Best Teaching ausgezeichnet worden ist, vereint die drei Stile sowohl in der Zusammensetzung seines «Exorbitanten Kabinetts» wie auch in seinen Werken. Freitagnachmittag, Zimmer Nummer 004 in einem Gebäude der Zürcher Hochschule der Künste. Hier treffe ich den Komponisten und Kompositionslehrer Kaspar Ewald zu einem Gespräch. Ewald, der mich herzlich begrüsst, hat sich als Komponist und Gründer des Ensembles Kaspar Ewalds Exorbitantes Kabinett einen Namen gemacht – besonders durch seine Fähigkeit, mit Elementen aus Klassik, Neuer Musik und Jazz eine Musik zu schaffen, die groovt, glüht, und immer mal wieder eine Überraschung bereit hält, ohne dabei auf Platitüden zurückzugreifen. Zweite Heimat im Gepäck Sowohl Jazz als auch Klassik haben Ewald von sehr früh an begleitet: Aufgewachsen ist er in einem «klassischen Haushalt», die Mutter Klavierlehrerin, der Vater Hobby-Cellist. Doch schon in frühester Kindheit hatte ihn das Schlagzeug magisch angezogen: «Die Faszination für den Rhythmus hat mir niemand mitgegeben. Wenn bei uns auf dem Dorf früher eine Gugge vorbeikam, und nur ‹Blau, blau blau blüht der Enzian› spielte, war ich schon begeistert, einfach wegen des Schlagzeugs» erzählt Ewald, und erklärt: «Es ist wie jemand, der in der zweiten Generation in der Schweiz aufwächst, aber noch Italienisch im Gepäck hat, da kann man auch nicht sagen, wo die wahre Heimat liegt». Mit Komponieren angefangen hat Ewald bereits als Kind. «Richtig ernst wurde es nach dem Gymnasium. Zum zwanzigsten Geburtstag schenkte ich mir eine Big Band, um Stücke zu schreiben, zu arrangieren und aufzuführen. «Dies war sozusagen mein kompositorischer Sandkasten, und interessanterweise war die Formation damals recht ähnlich wie die des heutigen Kabinetts. Als ich dann 1990 mein Studium anfing, hatte ich etwas wie einen akademischen Schock». Das Gefühl, nichts Neues mehr machen zu können, dass es alles schon gegeben hat, brachte Ewald dazu, in der ersten Phase seines Studiums ganz auf das Komponieren zu verzichten – stattdessen setzte er sich intensiv mit der abstrakten Musik des 20. Jahrhunderts auseinander. «Diese Musik hat mich zwar irritiert, doch hatte ich nicht wie andere das Gefühl, dass sie sinnlos ist». Seine Kompositionslehrer waren Roland Moser und später Detlev Müller-Siemens, ein Schüler Ligetis. Sie führten ihn in diese Welt der konstruktiven Musik ein. Unterschiedliche Welten, gegenseitiges Misstrauen Trotz seiner Faszination für die Neue Musik und ihre Techniken, fand sich Ewald aber auch in einem ständigen Konflikt mit dem Anspruch, die einzig wahre Form von Ästhetik gefunden zu haben. Alles, was schon mal existiert hatte oder auch alles, was zu tonal war, wurde rigoros abgelehnt – eine ständige Neuerfindung der Musik war das Credo. In dieser Doktrin, welche nur atonale Musik zuliess, blieb kein Platz für Jazz oder die Klassik des 18. Jahrhunderts. Doch Ewald, der sich im Jazz genauso zu Hause fühlt wie in der Neuen Musik, vermochte diesen nie ganz aus seinem Kosmos zu verbannen: «Irgendwo groovte es immer mal wieder dazwischen». Doch Misstrauen gegenüber anderen Musikrichtungen war nicht nur unter Vertretern der Neuen Musik verbreitet. Auch Jazzer haben Vorurteile gegenüber der Klassik: «Ich habe schon während des Studiums immer Leute um mich geschart, die sich sowohl für Jazz wie auch Klassik interessiert haben. Und obwohl man meinen könnte, dass die Klassiker dabei immer die Kritischen waren und die Jazzer die Offenen, so war es doch oft gerade umgekehrt. Heute haben aber auch die Jazzer gemerkt, dass auch die Klassik viel Interessantes zu bieten hat. Den Austausch zwischen den beiden zu fördern, ist mir daher wichtig». Welches Bild aber hat Ewald von diesen verschiedenen Stilrichtungen, sind die Unterschiede überhaupt relevant für ihn? «Natürlich kommt es vor allem bei Auftragskompositionen darauf an, für wen ich ein Stück schreibe. Allein schon durch die Zusammensetzung der Musiker ist ein bestimmter Rahmen ja bereits gegeben», so Ewald. «Wenn ich für eine Big Band komponiere, denke ich automatisch in Groove- und Funk-Elementen, und umgekehrt schreibe ich für eine Oper eher klassisch. Aber egal in welchem Stil ich gerade komponiere, es kann jederzeit auch etwas der anderen Welt hineinfliessen». Den Unterschied zwischen den Musikrichtungen sieht Ewald «in der Art, in welcher man seinem Gefühl in der Musik Ausdruck verleiht». So kann sich beispielsweise ein Klassik-Hörer an der Art stören, wie der Rocksänger ins Mikrophon schreit, und umgekehrt kann vielleicht ein Jazzer den inbrünstigen Ton des Opernsängers nicht verstehen. «Im Kern ist es aber letztlich das Gleiche, was ausgedrückt wird. Einfach auf zwei völlig unterschiedliche Arten». Wenn Ewald Musik hört, spielt es ihm keine Rolle, auf welche Weise etwas musikalisch ausgedrückt wird: das Gefühl, das es bei ihm auslöst, ist dasselbe. Ein Baukasten mit vielseitigen Werkzeugen So kann Ewald beim Komponieren nach Belieben auf die Techniken der verschiedenen Stilrichtungen zurückgreifen und sie kombinieren. Als Beispiel nennt er das Kreieren von Groove- oder Klangelementen mit der konstruktiven Bauweise Neuer Musik: «Man kann beispielsweise einen Rhythmus konstruieren, indem man lediglich Sechzehntel und Achtel in Fünfergruppen einteilt und sie nacheinander verschieden anordnet. So schafft man zunächst ein Rhythmusmuster, und prüft erst in einem zweiten Schritt, ob es auch glüht und beflügelt». Dies unterscheidet ihn von den Klassikern des 20. Jahrhunderts: Musik darf gefallen und soll dies auch dürfen. Die Faszination, auf unkonventionelle Art und Weise neue Klangwelten zu schaffen, verbindet ihn wiederum mit den Vertretern der Neuen Musik. Für Ewald ist es aber keine Vorschrift, alle Regeln zu verwerfen und ständig etwas noch nie Dagewesenes zu erfinden, sondern ein Mittel zum Zweck: um eine Musik zu schaffen, die innovativ ist und ungewöhnlich klingt, aber gleichzeitig eingängig und verständlich ist. Auf diese Weise transformiert er die Groove-Elemente des Jazz mithilfe technischer Konstruktionsweisen der abstrakten neuen Musik zu einem völlig neuen Stil, die Grenzen zwischen den Genres verschwinden zusehend. So kann man Ewald als Brückenbauer zwischen Jazz, Klassik und abstrakter Neuer Musik sehen: Einer, der sich in all diesen Stilen zu Hause fühlt, sie zwar als unterschiedliche Welten wahrnimmt und unterscheidet, sie aber letztlich als Teil eines Ganzen sieht. Diese Philosophie findet sich nicht nur in Ewalds Kompositionen, auch der zusammengewürfelte Haufen aus Jazzern und Klassikern seines Ensembles widerspiegelt sie. Ausserdem versucht er, auch seinen Kompositionsstudenten diesen Gedanken weiterzugeben: «Ich möchte nicht Leute heranzüchten, die genau gleich komponieren wie ich. Vielmehr glaube ich, der Job des Kompositionslehrers besteht darin herauszufinden, wo es den einzelnen hinzieht, und ihn dabei zu fördern. Ich muss nicht versuchen, jemandem den Groove aufzudrängen, wenn er sich für ganz anderes interessiert». Das Jubiläumskonzert, welches am 12. Mai im Basler Gare du Nord realisiert wird, ist dafür bezeichnend: «Obwohl in dieser Klasse eigentlich alle einen Hang zum Jazz haben, und durch die Zusammensetzung des Ensembles ein gewisser Stil vorgegeben ist, stellen die sechs Stücke, die aufgeführt werden, sechs komplett verschiedene Herangehensweisen dar». Das Konzert ist krönender Abschluss der Konzertreihe des Exorbitanten Kabinetts im Gare du Nord. Und obwohl diesmal nicht die Werke Ewalds im Zentrum stehen, so ist es doch bildhaft für seine Vereinigung verschiedenster Musikrichtungen zu einem neuen Ganzen. (mm)
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| Vorschau auf: Gare du Nord, 12. Mai 2012, Reihe Kaspar Ewalds Exorbitantes Kabinett «Gesellenstücke» Die Kompositionsklasse von Kaspar Ewald stellt sich vor: Kilian Deissler, Pascal Destraz, Bänz Isler, Richard Kind, Roman Lerch und Sandra Stadler.
siehe auch |
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