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Neurowissenschaftliche Aspekte des Musizierens

22.11.2012 — Das 10. Symposium der Schweizerischen Gesellschaft für Musik-Medizin (SMM) hat am 27. Oktober im Marianischen Saal in Luzern einen Überblick über die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaften geboten – mit Blick auf Strategien beim Lernen und Üben sowie typische neurologische Krankheitsbilder.

22.11.2012 — Das 10. Symposium der Schweizerischen Gesellschaft für Musik-Medizin (SMM) hat am 27. Oktober im Marianischen Saal in Luzern einen Überblick über die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaften geboten – mit Blick auf Strategien beim Lernen und Üben sowie typische neurologische Krankheitsbilder.

2003 widmete sich das erstmals und in der Folge jährlich stattfindende Symposium dem Rücken des Musikers. Seither hat es in der Schweiz selber musikermedizinische Geschichte geschrieben und mitgeholfen, gesundheitliche Aspekte und typische Berufskrankheiten zu enttabuisieren. Das Spektrum reichte dabei von Betrachtungen zu den physischen «Instrumenten» der Musizierenden wie Rücken, Hand, Ohr und Auge und der Ergonomie über psychische Aspekte – Psychosomatik, psychische Belastungen – bis zu allgemeinen Betrachtungen mit Blick auf Prophylaxe und Ausbildung.

Der Valenser Neurologe Jürg Kesselring trat im vom Tessiner Arzt Adrian Sury souverän moderierten 10. Symposium zunächst einen Schritt zurück und gab zu bedenken, dass Musizieren dann glücke, wenn einerseits der Erkenntnis Rechnung getragen werde, dass neuronale Verbindungen genutzt werden müssten, sollen sie nicht verloren gehen. Anderseits erinnerte er in Anlehnung an Erich Fromms Klassiker «Die Kunst des Liebens» daran, dass Musizieren und Üben ganzheitlich betrachtet werden müssen. Gefordert seien Selbstdisziplin, Konzentration, Geduld und Aufmerksamkeit, Fähigkeiten, die in der Multioptions- und Mediengesellschaft besonders schwierig zu pflegen sind.

Der Berliner Psychoanalytiker Helmut Möller thematisierte Versagens- und Auftrittsängste der Musiker. Angesichts der Tatsache, dass sie für rund einen Drittel der Studienabbrüche und für spätere Ausfälle im Berufsleben wesentlich verantwortlich sind, werden sie heute noch viel zu wenig systematisch aufgearbeitet.

Fokale Dystonie im Zentrum

Weitaus den grössten Raum nahm aber die Auseinandersetzung mit dem «Musikerkrampf», der fokalen Dystonie ein, dem wichtigsten neurologischen Phänomen des Musizierens. Der Hannoveraner Neurologe Eckart Altenmüller setzte den historischen Ursprung dieser dramatischen Form des Versagens differenzierter Steuerung von Fingern und anderen beim Musizieren strategischen Körperteile beim aufkommenden Virtuosentum des 19. Jahrhunderts an. Es habe, so Altenmüller, das exzessive mechanische Exerzieren isolierter Bewegungsabläufe mit sich gebracht und mit Robert Schumann das erste Opfer gefunden.

Ernüchtert zeigte sich Altenmüller mit Blick auf Erklärungen und Therapieverfahren. Ob geduldiges Neuprogrammieren von Bewegungsabläufen, medikamentöse Behandlung oder Versteifung von Fingerteilen mittel Botox – keine Methode konnte bisher als Patentrezept überzeugen. Dies macht Altenmüller heute zum dezidierten Pragmatiker, der jeden Einzefall individuell beurteilt und «alles, was irgendwie hilft» zur therapeutischen Option macht. Er warnte aber auch davor, eine Dystonie-Diagnose allzu schnell zu stellen. Oberflächlich vergleichbare Fehlverhalten könnte einfach auch auf miserable Instrumentaltechnik oder mangelnde Übedisziplin zurückgeführt werden.

Der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke widmete sich einem weiteren typischen Aspekt des Musizierens, nämlich der Händigkeit. Speziell Pianisten müssen ihre eigene Links- oder Rechtshändigkeit überwinden lernen und zu ausgewogener manueller Fertigkeit finden. Hirnuntersuchungen können darüberhinaus zeigen, dass Streicher entgegen naiver Annahmen mit der rechten Strichhand weitaus komplexere Funktionen ausüben als mit der linken Griffhand. Die feinmotorische Beherrschung der rechten Hand sei für den richtigen Klang mindestens genauso wichtig wie die linke.

Einen Überblick über die verschiedenen Formen der fokalen Dystonie bot der Zürcher Psychologe Victor Candia. Er diskutierte oft kolportierte Arbeiten zur mutmasslichen Verschmelzung der Regionen im Hirn, die benachbarte Finger kontrollieren. Sie gehen davon aus, dass eine solche Überlappung für die Symptome verantwortlich seien. Die Resultate würden in der Regel aber verkürzt dargestellt, denn die empirischen Befunde zeigten auch Beispiele, bei denen der Zusammenhang nicht hergestellt werden könne.

Die Bamberger Orchestermusikerin und Feldenkrais-Therapeutin Hildegard Wind schliesslich berichtete von ihren eigenen Erfahrungen mit einer fokalen Dystonie als Geigerin. Voraussetzungen, eine solche zu überwinden, sei es, zu Gelassenheit zu finden und das Gesamtsystem aus Bewegungen und ihrer kontrollierender sinnlicher Selbstwahrnehmung neu zu erfahren. Geholfen habe ihr dabei, so die Violinistin, die Feldenkrais-Methode, die genau diese Selbstwahrnehmung schulen helfe. (wb)

 

10. Symposium der Schweizerischen Gesellschaft für Musik-Medizin, Marianischer Saal Luzern, 27. Oktober 2012

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