16.03.2013 — Am 14. März hat der amerikanische Produzent Quincy Jones seinen 80. Geburtstag gefeiert. Es ist aber auch der Todestag des «Dichters der Empfindsamkeit»: Klopstock, dessen Name Lotte angesichts eines Gewitters in Goethes «Leiden des jungen Werther» haucht – und auch gleich in Ohnmacht fällt. Die Gegenüberstellung ist zugegebenermassen etwas gesucht. Dennoch charakterisiert sie die sich überlagernden Gravitationsfelder, die das Programm der Münchner Philharmoniker in der Zürcher Tonhalle an eben diesen Gedenktagen aufgespannt hat. Jones und Gunther Schuller sind zwei der ganz grossen – vielleicht die zwei – Vertreter einer amerikanischen Musikkultur, die sich nicht um Genres und Grenzen gekümmert hat, Jones unter anderem als Schüler Nadja Boulangers und Produzent Michael Jacksons zwischen Neoklassik und Pop, Schuller als Waldhornist auf Miles Davis epochalem Album «The Birth of the Cool», Darmstadt-Adept und Begründer eines «Third Stream» zwischen Jazz und Neuer Musik.
Von Schuller hatten die Münchner eine taufrische Komposition mit im Gepäck – offensichtlich auf den letzten Drücker abgeliefert –, von der Sorte, die in den USA einen Pulitzerpreis für Musik gewinnt: handwerklich gut gemacht, klanglich raffiniert, schwankend zwischen Energie und Elegie. Man hätte die wenige Tage zuvor, am 9. März 2013 in München in der Philharmonie am Gasteig, uraufgeführten «Symphonic Images» mit einer Zwölftonreihe als Basismaterial möglicherweise mit Wohlwollen und -gefallen zur Kenntnis genommen und vermutlich schnell wieder vergessen, wenn da nicht der kleine Widerhaken gewesen wäre: Die Besetzung des Werkes, das war die rätselhafte Vorgabe des Orchesters beim Auftrag an Schuller, entspricht derjenigen Brahms’ vierter Sinfonie. Und das Äusserste an Klangfarben-Originalität, was sich dieser abringen lässt, sind Triangel, Kontrafagott und Piccolo.
Damit aber haben sich Querbezüge in Textur und Form ergeben, die das Werk durchaus in den so grunddeutsch-galanten und schwerblütig-romantischen Kosmos einbetteten, den eben diese Brahms-Sinfonie und das Konzert in E-Dur für zwei Klaviere des gerademal 14-jährigen Mendelssohn in Zürich entfalteten. Die beiden Schwestern Katia und Marielle Labèque (letztere mit Semyon Bychkov, dem Dirigenten des Abends, verheiratet), auch textil im empfindsamem Schwarzweiss-Look der Flügel, erfüllten das galante, von mozartischem Geist durchwehte Werk, mit fragilem Sturm-und-Drang-Impetus, bestens eingebettet in das umhüllende Orchester. Auch Katia Labèque ist übrigens eine Pilgerin zwischen den Welten. Sie hat mit Musikern wie Herbie Hancock und Chick Corea gespielt und war mit dem Jazzgitarristen John McLaughlin liiert.
Mit der Zugabe demonstrierten die Schwestern, dass man zu zweit auch einem einzigen Klavier – vierhändig – ein ganzes Universum an Klängen entlocken kann. Mit «Le jardin féerique» aus Ravels «Ma mère l’oye» wagten sie einen Ausflug ins französische Fach – der überraschende Querbezüge zu Schullers sinfonischen Bildern aufwies (vor allem in den vorwitzigen Glissandi).
In Brahms Vierter konnte das Orchester zeigen, was für ein Geist es prägt. Das Ensemble hat Charakter; es wird an dem Abend von Bychkov unaufgeregt, aber mit tieflotender Musikalität und echtem Künstlertum durch die Partitur geführt. Man hört da und dort immer mal wieder verwischte Einsätze, ein offenes Verhältnis zur Intonation und andere (kleinere) Nachlässigkeiten. All das tönt aber niemals falsch, eher entspannt-souverän. Der Klang des Orchesters ist von einer inneren Energie und erdigen Wärme, die das Publikum für sich einnimmt und zu begeistern vermag: Bloss calvinistischer Zurückhaltung schien es in Zürich zuzuschreiben gewesen zu sein, dass nicht nach dem packenden Schluss des ersten Satzes Szenenapplaus aufbrandete.
Auch das Orchester gewährte dem Publikum ein Zugabe, blieb aber mit dem zweiten Satz aus Mendelssohns Fünfter, der «Reformations-Sinfonie» in deutschen Landen. Es beschloss: einen geschmackvoll progammierten und trotz scheinbar konventioneller Dramaturgie recht hintergründigen Konzertabend. (wb)
14. März 2013, Tonhalle Zürich. Migros-Kulturprozent-Classics, Tournee IV: Münchner Philharmoniker, Semyon Bychkov (Leitung), Katia und Marielle Labèque (Klaviere), Gunther Schuller: Symphonic Images, Felix Mendelssohn-Bartholdy: Konzert für zwei Klaviere und Orchester E-Dur; Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98