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Saisonende beim Berner Symphonieorchester

24.06.2013 — Zum Saisonabschluss hat das Berner Symphonieorchester den Bogen weit gespannt ‒ von der Reverenz an die (mikro-)lokale Musikgeschichte bis zur Widerspiegelung früher Globalisierung, will heissen von der späten Berner Erstaufführung eines Klavierkonzertes aus der Feder eines früh ausgewanderten Berner Komponisten zu Dvořáks Sinfonie «aus der Neuen Welt». Weil dazwischen auch noch Othmar Schoecks Violinkonzert eingeschoben worden ist, hat sich ein anregendes, musikalisch ungewöhnlich interessantes Programm ergeben.

Ein zweites Konzert anstelle einer der üblichen Verdächtigen unter den klassisch-romantischen Ouvertüren zum Auftakt: Ausgegraben hat das 1933 entstandene zweite Klavierkonzert von Edward Stämpfli der junge deutsche Pianist Moritz Ernst. Die Materialien dazu liegen in der Zürcher Zentralbibliothek. Ernst hat es unter der Leitung Mario Venzagos und dem Berner Orchester mit allem verdienten Respekt im Kultur-Casino der Bundesstadt präsentiert. Stämpfli, der in der Schweiz nach 1950 nicht mehr richtig Fuss hat fassen können (er ist 2002 in Berlin gestorben), hat in seiner Jugend Strawinskys «Sacre du Printemps» als prägendes ästhetisches Erlebnis bezeichnet.

Davon ist in dem zweiten Klavierkonzert des 25-jährigen wenig zu spüren. Es wirkt gerade im Rhythmischen doch recht simpel, der Orchestersatz eher grob gezimmert. Es beginnt ‒ fast ist man versucht zu sagen in lisztscher Manier ‒ im tiefen Klavierregister, mit Pizzicati aus dem Orchester als Gegenrede; in der Folge treibt es dann viel klanglich-motorischen Aufwand, ohne damit aber auch expressive Wirkung zu erzeugen. Der Mittelsatz ist von kanonischer Schreibart geprägt, und man gerät in Versuchung zu vermuten, ein Kontrapunktiker scheitere da in seiner Jugend beim Versuch, orchestrale Klangraffinesse zu entwickeln. Dennoch: Gelohnt hat sich die Erstaufführung und damit die Dokumentation eines Stücks Berner Musikgeschichte allemal.

Ebenfalls Berner Tonkunst aufs Podium gebracht hat die Geigerin Bettina Boller, die als Zugabe nach der Interpretation von Othmar Schoecks Violinkonzert den langsamen Satz aus der 1952 entstandenen Solosonate der Berners Arthur Furer präsentierte, einer der Höhepunkte des Abends. Der 1924 geborene Furer gehört der gleichen Generation wie Stämpfli (geboren 1908) an, ist aber ein Leben lang der Stadt treu gebleiben und hat deren Musikleben als Musiker und Seminarlehrer entscheidend mitgeprägt.

Das Violinkonzert Schoecks hat Bettina Boller mit dem Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester auf CD eingespielt. Bereits da fällt auf, dass die auch mit dem Collegium Novum Zürich und damit der zeitgenössischen Musik eng verbundene Geigerin keine Berührungsängste mit romantisierenden Spielweisen hat. Im Berner Konzert schien dies noch stärker der Fall. Üppig verwendete Portamenti, bis hin zum grosszügigen Verwischen von Strukturen standen da im Gegensatz zum präzisen und vor allem in den Pianissimi immer sehr disziplinierten und damit intensiven Spiel des Orchesters.

Möglich, dass das Espressivo der Spätromantik heute auch in Kreisen der Neuen Musik wieder salonfähig wird. Für die Authentizität von Bollers Spiel spricht auch, dass sie Schülerin Ulrich Lehmanns ist ‒ er hat das Konzert 1964 mit dem Zürcher Kammerorchester exemplarisch eingespielt ‒ und in Bern gar auf Lehmanns Violine hat spielen können. Man hat aber dennoch den Eindruck, dass die immer etwas reflektiert und distanziert wirkende Musik Schoecks (zumindest für die heutige Zeit) gewinnen könnte, würde man sie auch etwas distanzierter und präziser behandeln.

Die Qualitäten, die das Orchester vor der Pause bereits in den Begleitaufgaben zeigte, hat es in Dvořáks neunter Sinfonie noch dezidierter ausgespielt. Der Klangkörper verfügt heute über eine fein ausdifferenzierte und präzise dynamische Spannweite, er vermag vor allem auch in beinahe ersterbenden Pianissmi und langsamen Tempi Spannung hochzuhalten. Sein Klangbild ist zugleich energetisch und transparent. Der dvořákschen Mischung aus Pentatonik und avancierten Klangmixturen ist das idealerwiese zugute gekommen. Da hat man sich Sinfonik des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf der Höhe unsere Zeit zu Gemüte führen dürfen. (wb)

22. Juni 2013, Kultur-Casino Bern, 13. Symphoniekonzert, Edward Stämpfli Klavierkonzert Nr. 2 (1933), Othmar Schoeck Violinkonzert B-Dur op. 21 «Quasi una fantasia», Antonín Dvořák Symphonie Nr. 9 e-Moll op. 95 «Aus der neuen Welt». Berner Symphonieorcheste, Mario Venzago (Leitung), Bettina Boller (Violine), Moritz Ernst (Klavier).

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