03.09.2003 — Entdeckungsreise in eine zu wenig bekannte musikalische Gegend: Mit dem Estnischen Philharmonischen Kammerchor hat Paul Hillier, seit 2001 dessen künstlerischer Leiter, ein auf drei Jahre angelegtes Projekt in Angriff genommen, das der Chormusik der Ostseeländer im Verlauf der letzten hundert Jahre gewidmet ist. Der Auftakt überzeugt; das erste Album stellt – in subjektiver Auswahl durch den Leiter – weltliche und sakrale Werke (mit einer Ausnahme a cappella) von sechs Komponisten aus vier Ländern vor.
Allen Anforderungen gewachsen zeigt sich der seit gut zwei Jahrzehnten bestehende Eesti Filharmoonia Kammerkoor, der reine Intonation ohne Vibrato mit selbst im Fortissimo schwerelos wirkendem Klang, Ausgewogenheit der Register und unforciertem Ausdruck verbindet. Auf der Basis der Erfahrung des Chors mit unterschiedlichen Stilen und dessen gesangstechnischer Perfektion, die auch ungewöhnliche akustische Effekte umzusetzen versteht, kann Paul Hillier (ehedem Leiter des britischen Hilliard Ensembles und in den USA Gründer des Theatre of Voices) Interpetationen von unmittelbar wirkender Überzeugungskraft realisieren.
Besonderes Interesse dürfen die drei Erstaufnahmen beanspruchen: die sechs Lettischen Bordungesänge (1982) von Veljo Tormis (geb. 1930, Lette), «Which was the son of…» (2000) von Arvo Pärt (geb. 1935, Este), übrigens nicht im Tintinnabuli-Stil gehalten, und das 15-minütige, von Streichern begleitete «Dona nobis pacem» (1996/97) von Peteris Vasks (geb. 1946, Lette).
Ebenfalls aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen die vierteilige «Lorca-Suite» (1973) des finnischen Altmeisters Einojuhani Rautavaara (geb. 1928) und «Es ist genug» (1986) des Schweden Sven-David Sandstrøm (geb. 1942). Den Bogen zur Tradition volksliedhaften orthodoxen Gesangs schlägt die Aufnahme von vier 1923 komponierten Psalmen Davids des Esten Cyrillus Kreek (1889–1962).
Der Ambition des Projekts entspricht das 54-seitige Booklet (engl., franz., deutsch) mit Illustrationen, Biografien und den Gesangstexten in den Originalsprachen samt Übersetzungen. (ws)
Baltic Voices 1 . Estonian Philharmonic Choir, Tallinn Chamber Orchestra. Leitung: Paul Hillier. (Harmonia Mundi HMU 807311; 74’. SACD)