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Antiker Stoff in romantischer Deutung

05.09.2003 — Zwischen 1843 und 1845 hat Felix Mendelssohn Bartholdy vier Fassungen der Schauspielmusik zu Jean Racines «Athalie» erarbeitet. Eine fünfte hat Christoph Spering mit vier Solistinnen, einem Rezitator, dem Neuen Orchester und dem Chorus Musicus Köln eingespielt.

Preussenkönig Friedrich Wilhelm IV., ein Bewunderer des bayerischen Märchenkönigs Ludwig I., ging nach seiner Inthronisierung daran, den Militärstaat in ein Land der Schönen Künste zu verwandeln. Der «Romantiker auf dem Königsthron», wie er von kritischen Zeitgenossen genannt wurde, war kein Mann des Fortschritts; seine Ideen, auch jene eines christlich geprägten Ständestaats, bezog er aus einer verklärten Sicht des Mittelalters. Des Königs Antikenkult beförderte neben griechischen Tragödien und Werken Shakespeares auch Dramen französischer Klassiker auf die Bühne; in neuen Übersetzungen sollten die alten Stücke humanistische Ideale verkünden.

Ehrgeiz ist dem Preussenkönig nicht abzusprechen, berief er doch den uralten Shakespeare-Übersetzer Ludwig Tieck zum Vorleser und 1841 Felix Mendelssohn zum Generalmusikdirektor. Der berühmte Dirigent und Komponist sollte zudem ein Konservatorium aufbauen (wie er es pionierhaft in Leipzig getan hatte) und die Grundlagen für eine repräsentative Kirchenmusik erarbeiten. Mendelssohn hielt es zwar nur bis in den Herbst 1844 in Berlin und Potsdam, resigniert kehrte er dann nach Leipzig zurück – seine Reformvorschläge waren der Wankelmütigkeit des Königs und den Hintertreibungen der Bürokratie zum Opfer gefallen. Der Nachwelt indes blieb von Mendelssohns Engagement in Preussen Beachtliches erhalten: die Schauspielmusiken zu «Antigone», zum «Sommernachtstraum», zu «Ödipus» und zu «Athalie».

Oratorische Qualität

Verworren ist die Entstehungsgeschichte der Musik zu Racines Verstragödie von 1690, verwirrlich auch die Handlung von «Athalie» (im Booklet ist beides einlässlich dargelegt). Die biblische Athalia ist eine mordende Despotin, die dem Baalskult huldigt und die Rechtgläubigen verfolgt; mit Hilfe Gottes aber wird die Tyrannin getötet und ihr Heer besiegt.

Mendelssohn hat dem ins Deutsche übersetzten Text in der gross angelegten Vertonung der letzten, 1845 in Berlin uraufgeführten Version oratorische Qualität verliehen, sie aus der stützenden Funktion herkömmlicher Schauspielmusik befreit. Zwar eher konventionellen Zuschnitt besitzen die von Trompeten, Posaunen und Pauken in majestätische Sphäre gehobenen Chorsätze. Die Teile für Soli und Ensembles, die Instrumentation, die Schattierung der Klangfarben und die Differenzierung der Rhythmik dagegen sowie die Einbindung einzelner Teile in weit gespannte Entwicklungsbögen sind höchst originellen Zuschnitts.

Bei der integralen Fassung, die Christoph Spering mit gutem Grund gewählt hat, legte Mendelssohns Freund Eduard Devrient, Sänger, Schauspieler und Schriftsteller, Hand an. Zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten setzte er an Stelle des gesprochenen ausschweifenden Dramentextes einen erzählenden Monolog, in dem sich die Grundzüge der Handlung konzentrieren.

Sowohl die Version wie das künstlerische Ergebnis der bis ins Detail stimmigen Interpretation unter Christoph Sperings Leitung sichern dem eindrucksvollen Werk in seinen Teilen wie im Ganzen unmittelbar wirkende Ausstrahlung und emotionale Kraft. (ws)

Felix Mendelssohn Bartholdy: «Athalia», Musik zum Schauspiel von Jean Racine op. 74 in der deutschen Übersetzung von Ernst Raupach, mit den Zwischenreden von Eduard Devrient. Anna Korondi und Sabina Martin, Sopran, Ann Hallenberg und Barbara Ochs, Alt, Dirk Schortemeier, Sprecher. Chorus Musicus Köln, Das Neue Orchester. Leitung: Christoph Spering. (Capriccio 67068; 63’)

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