10.03.2003 — Nach einem Autounfall, so will es die Anekdote, konnte sie – wie sie selbst bekannte – «ein höheres f singen als zuvor». (Den Falschfahrer belohnte sie mit einer Schachtel Zigarren.) Erhalten hat sich auch ihr Ausspruch: «People may say I can’t sing, but no one can ever say I didn’t sing.» Das bewies sie denn auch mit schmelzender Hingabe und flammender Inbrunst.
Auf den Höhepunkt ihrer Karriere schwang sich Florence Foster Jenkins mit einem Opernarien-Abend am 25. Oktober 1944 in der ausverkauften (und von ihr gemieteten) Carnegie Hall New York; auf dem Schwarzmarkt waren die 2-Dollar-Tickets zu 20 Dollar abgesetzt worden, 2000 Personen fanden keinen Einlass mehr. Im Triumph konnte sich die Diva nicht lange sonnen: Einen Monat und einen Tag nach dem Konzert starb sie im Alter von 76 Jahren – nach anderen Angaben war sie sogar 81.
Die Dame aus gutem Haus, durch Scheidung (oder als Witwe) noch begüterter geworden, hatte sich die Musik zum Tummelfeld ihrer Ambitionen erkoren und unüberhörbar vorgeführt, dass Singen ein steter Kampf ist mit phlegmatischen Stimmbändern und schwacher Lunge, mit der Heimtücke der Intonation und der Arglist der Partituren.
«The complete recordings»
Erwähnt man in kundiger Runde den Namen Florence Foster Jenkins, wenden sich die einen (die Belcanto-Feinschmecker) ab mit Grausen, die anderen (die des geforderten Ernstes Entbehrenden) ergehen sich in wonnigen Erinnerungen an die State-of-the-Art-CD «The Glory (????) of the Human Voice» (1992). Anscheinend schlummern noch ungehobene akustische Schätze. FFJ ging mit ihrem Begleiter, dem bis zur Selbstverleugnung anpassungsfähigen Pianisten Cosme McMoon, zwischen 1941 und 1944 immer wieder mal ins Melotone Recording Studio in Manhattan – Slogan: «Your Portrait In Sound». Die 78-er-Platten verkaufte die Amateurvokalistin Interessierten für happige zweieinhalb Dollar. Neben ihrer künstlerischen Karriere, die sie auch nach Washington und Newport führte, entwarf sie ihre extravagante, auf den Inhalt der Arien und Lieder ungeschmackvoll abgestimmte Konzertgarderobe selber und wirkte als wirblige Damenclub-Dame und während annähernd drei Jahrzehnten als Präsidentin des von ihr gegründeten Verdi-Clubs.
Nicht alles von Mrs. Foster Jenkins ist neu auf der Neuerscheinung «Murder on the High Cs», angepriesen als «the complete recordings of the Dire Diva, including previously unreissued and more complete performances». An die Seite der populären Hits, an erster Stelle die «Queen of the Night Aria», dicht gefolgt von «Musical Snuff Box», «Bell Song» oder «Serenata mexicana», treten die Entdeckungen: «Adele’s Laughing Song», die Lachnummer aus der «Fledermaus», und die zählebige «Valse caressante» samt Querflöten-Accompagnement.
Klangvolle Namen
Was die Friends betrifft, so ist bei ihnen die Ausbeute an schrägen Tönen weit geringer. In Aufnahmen, die zwischen 1937 und 1951 entstanden, begeben sich Sängerinnen und Sänger mit klangvollen Namen auf stilistisches Glatteis, kämpfen sich, sekundiert von Klavier oder Orchester, ungestüm durch unvertraute Gefilde: Jeannette MacDonald, Helen Traubel und Josephine Tumminia, Jimmy Durante, Alexander Kipnis, Lauritz Melchior, Robert Merrill, Ezio Pinza und John Charles Thomes. (ws)
Florence Foster Jenkins & Friends. Murder on the High Cs. Aufnahmen aus den Jahren 1937 bis 1951. (Naxos Nostalgia 8.120711; 61’)