21.09.2003 — Wohl möglich, dass er für den Rest seines Lebens Botaniker, Maler und Zeichner geblieben wäre, denn Luigi Cherubini, obwohl europaweit bekannt und von Beethoven gerühmt, errang das Wohlwollen Kaiser Napoleons, des Herrschers über Europa, nicht. Cherubini verfiel in Depression, liess das Komponieren bleiben. Eine Auftragsarbeit, die «Messe de Chimay», brachte eine Wende in seiner Biografie. Riccardo Muti hat das bedeutende Werk ausgegraben und mit erstklassigen Kräften im März 2003 in München zur Aufführung gebracht. Nun liegt der Live-Mitschnitt vor.
Der Komponist Daniel François Esprit Auber nahm den um 22 Jahre älteren, mit seinen Ambitionen gescheiterten Freund Cherubini im Herbst 1808 mit auf Schloss Chimay zur Erholung. Das Château im Süden Belgiens, Eigentum des geigespielenden 16. Prinzen von Chimay, war bekannt als Zentrum der Freimaurerei und der Künste und bot dem 48-jährigen Cherubini Erholung. Bald fand sich eine Abordnung der Pfarrgemeinde auf dem Schloss ein und bestellte bei ihm eine Vertonung des Messe-Ordinariums. Da der Kirchenchor über keine Altistinnen verfügte, schrieb Cherubini, der das Werk dann in Paris vollendete, die Orchester-Messe für dreistimmigen Chor und drei Solostimmen. 1809 kam das festliche Opus in Paris zur Uraufführung. Wiedergaben in Berlin, Leipzig, London und Wien folgten.
Nach Cherubinis Tod 1842 verschwand der überwiegende Teil seines Schaffens aus dem Musikleben. Mehrheitlich ein Verlust, kein Zweifel, vor allem auch, weil Cherubini etliche Komponisten seiner Epoche in manchen Aspekten nachhaltig angeregt und beeinflusst hat (französische Revolutionsmusik, Grand Opéra, Rettungsoper, Opéra-comique, Kirchenmusik).
Synthese zweier Strömungen
Drei Jahrzehnte lang hatte Maria Luigi Zenobio Carlo Salvatore Cherubini, 1760 in Florenz geboren, nach Anfängen mit Kirchenmusik ausgiebig für die Bühne komponiert (darunter «Médée»), ohne dass ihm der Durchbruch gelungen wäre. Mit der 18-teiligen Messe in F-Dur, der «Messe de Chimay», einem Akt der Befreiung aus der Isolation, beginnt ein neuer Abschnitt im Schaffen des Meisters; insofern kommt diesem Werk Schlüsselfunktion zu.
Die Spontaneität und Frische der Inspiration sind von unwiderstehlichem Reiz, die Rhythmik und die Klangfarben in Chor und Orchester (Bläser!) reich differenziert, die Instrumentalstimmen weit über reine Begleitfunktion hin ausgestaltet. Und: Cherubini vollzieht souverän die Synthese von traditioneller vokaler Polyphonie und moderner Sonatenform. Kontrapunkt und dramatischer Stil mit sinfonischer Entwicklung schliessen sich hier nicht aus, steigern sich vielmehr zu intensiver Ausstrahlung.
Die nicht durch Publikumsgeräusche beeinträchtigte Live-Aufnahme unter Riccardo Muti zeichnet sich aus durch Klarheit der Disposition im Detail wie in den breit angelegten Entwicklungen, durch noble Emotionalität, klangliche Vielfalt und beispielhafte Balance zwischen Solistentrio, Chor und Orchester. (ws)
Luigi Cherubini: Messa in Fa maggiore «di Chimay». Ruth Ziesak (Sopran), Herbert Lippert (Tenor), Ildar Abdrazakov (Bass). Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Leitung: Riccardo Muti. (EMI Classics 7243 5 57558 2 7; 73’)