28.11.2003 — Kurios: Einer der Meister des «Goldenen Zeitalters» der Wiener Operette und der Unterhaltungsmusik, der Schöpfer von Bühnenerfolgen wie «Leichte Kavallerie», «Banditenstreiche», «Die schöne Galathee», «Fatinitza» und «Boccaccio», vertont den liturgischen Requiem-Text.
Der Korrektheit halber muss allerdings sogleich erwähnt werden, dass Franz von Suppés populäre Werke noch nicht vorlagen, als er 1855, im Alter von 36 Jahren, die lateinische Totenmesse komponierte. Zudem hatte Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppè Demelli (1819–1895) als 15-Jähriger nicht nur mit einem Operchen, sondern auch mit der «Missa dalmatica» debütiert. Lieder, Chormusik, Streichquartette, eine Sinfonie und drei Messen in seinem Werkkatalog zeugen von Suppés Auseinandersetzung mit klassischen Gattungen; studiert hatte er in Wien bei Simon Sechter, Lehrer von Schubert und Bruckner, und Ignaz von Seyfried, einem ehemaligen Schüler Haydns.
Wie kam es zum Requiem? Suppé wurde, nachdem er sein Medizinstudium aufgegeben hatte, mit 21 Jahren dritter Kapellmeister am Theater in der Josefstadt. Er fand in Franz Pokorny, dem Direktor des Theaters an der Wien, einen Freund und Förderer, der ihn 1845 als Kapellmeister an sein Haus verpflichtete. 1850 verstarb Pokorny, und zu dessen Gedächtnis schuf Suppé fünf Jahre später das Requiem für vier Solostimmen, Chor und Orchester.
Nach seiner Uraufführung 1855 in einem Gedenkgottesdienst in der Wiener Piaristenkirche und einigen ebenso erfolgreichen Wiedergaben wurde es still um das Werk. Vor einiger Zeit hat man es wieder entdeckt.
Was weiland einige Rezensenten als allzu grosse Munterkeit und als Mangel an religiösem Ernst empfanden, nehmen wir heute als aparte Komponente in diesem Requiem wahr. Natürlich bedient sich Suppé traditioneller Muster der Vertonung des Officium Defunctorum, setzt seine szenische Phantasie effektvoll ein, doch zu ebenso beeindruckender Wirkung kommen die oft überraschend erhellende Textinterpretation, die differenzierten Aufgaben und Kombinationen der Solostimmen, die meisterliche Behandlung des Chors und die originelle, nie kompakte Instrumentation, in der die Bläser regelmässig solistisch hervortreten.
Der Rarität angenommen hat sich der 1934 geborene Westschweizer Michel Corboz, Gründer (1961) und Leiter des renommierten Ensemble Vocal et Instrumental de Lausanne. Seit 1969 ist er auch Chef des Chors der Calouste Gulbenkian Foundation Lissabon. Mit Chor und Orchester der Stiftung sowie vier Vokalsolisten hat Corboz eine die Schönheiten und die Eigenheiten der Partitur auslotende Interpretation von Suppés Requiem realisiert, die nun als Live-Mitschnitt des öffentlichen Konzerts vorliegt. (ws)
Franz von Suppé: Requiem . Elizabete Matos (Sopran), Mirjam Kalin (Alt), Aquiles Machado (Tenor), Luis Rodrigues (Bass). Chor und Orchester der Calouste Gulbenkian Foundation, Lissabon. Leitung: Michel Corboz. (Virgin Classics 7243 5 45614 2 9; 66’)