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«Dido and Aeneas»: Purcells einzige Oper

31.01.2004 — Fragen über Fragen wirft Englands erste Nationaloper «Dido and Aeneas», Henry Purcells populärstes Werk, auf. Unklar sind Anlass und Entstehungsdatum, und wohl nicht mehr zu eruieren ist die originale Fassung der Oper in drei Akten mit Prolog und Epilog. Gesichert ist immerhin der Ort der Uraufführung: das Mädchenpensionat in Chelsea des Josias Priest, Tanzlehrer und Choreograph.

Die Oper, vermutlich eine Auftragsarbeit von 1683/84 für eine Wiedergabe am Hof, ist wohl 1689 erstmals aufgeführt worden. Wenn auf die Mitteilung Verlass ist, dass sie der Komponist vom Cembalo aus geleitet hat, wird er selbst das Werk dem Können der Schülerinnen angepasst haben, die solistische und chorische Aufgaben zu übernehmen hatten. Andere Quellen sprechen davon, dass Josias Priest selbst eine Fassung hergestellt hat. Wie dem auch sei: Gewiss ist hier nur das Ungewisse, weil man zudem die Möglichkeit in Betracht ziehen muss, dass nicht alles Komponierte erhalten blieb. Zudem haben nach Purcells Tod (er starb 1695 im Alter von 36 Jahren) immer wieder Bearbeiter im Sinn ihres Verständnisses und der Erwartungen ihrer Gegenwart eingegriffen. Als Quellen verfügbar sind Abschriften bzw. Fassungen von 1750 und 1784/85.

Emmanuelle Haïm, Cembalistin (sie arbeitete mit William Christie, Christophe Rousset und Marc Minkowski), Gründerin (2000) und Leiterin des Ensembles Le Concert d’Astrée, hat für die vorliegende Einspielung eine Version aus Versionen hergestellt, immer mit der Absicht, den Nerv des Werks, wie es sich bei der Uraufführung im Pensionat des Tanzlehrers präsentiert haben mag, zu treffen. Deshalb gab sie der szenischen, gestischen Atmosphäre mit Einschluss der effektvollen Ballette den Vorzug.

Purcell bannt in dieser durchkomponierten Kurzoper die Gefahr der Kurzatmigkeit, indem er einzelne Elemente zusammenfasst zu grösseren Einheiten. So führt er Solonummern thematisch im anschliessenden Chorsatz weiter oder lässt Chöre in Tanzsätze münden. Im engen Rahmen bringt er eine Vielfalt von Formen, Modellen und Affekten unter, treibt die Handlung energisch voran.

Gewonnen hat Nahum Tate sein Libretto aus dem 4. Gesang von Vergils Epos «Aeneis». Dido, als Tochter des Königs von Tyros früher Melissa geheissen, Gründerin Karthagos, verliebt sich in Aeneas, Aphrodites Sohn, der nach dem Untergang Trojas auf der Flucht ist. Bei Vergil ruft Didos eifersüchtiger Nachbarkönig Iarbas keinen Geringeren als Jupiter zu Hilfe, der Aeneas die Weiterreise befiehlt; Dido stürzt sich ins Schwert. Im Libretto allerdings wird der Götterkönig nur vorgeschoben: Eine tückische Zauberin und ihre Hexen (beliebte Figuren jener Epoche) beauftragen einen angeblich von Jupiter gesandten Boten, Aeneas unverzüglich nach Italien zu schicken (wo er dann, wie die Legende weiss, Gründer des römischen Volkes wird und dergestalt Italien zum legitimen Erben Griechenlands macht). Dido, die brüsk Verlassene, stirbt aus Verzweiflung, ein Opfer des tragischen Konflikts zwischen Liebe und Pflicht.

Der genialen Musik und dem Zauber dieser (technisch makellos aufgenommenen) Interpretation kann man sich nicht entziehen. Emmanuelle Haïm, temperamentvolle Leiterin und Cembalistin, die ideal harmonierenden Vokalistinnen und Vokalisten der ersten Garde – Susan Graham (Dido), Ian Bostridge (Aeneas), Camilla Tilling (Belinda), Cécile de Boever (Zweite Dame), Felicity Palmer (Hexe), David Daniels (Bote) und Paul Agnew (Seemann) –, die European Voices und Le Concert d’Astrée gestalten mit weitem Atem, bis ins Detail mit Vitalität und rhythmischer Pointierung, mit reich nüancierter Klangfarbenpracht und nobler, die Charaktere und die Handlung plastisch entwickelnde Expressivität. Von der Ouvertüre bis zu Didos berühmtem Lamento «When I am laid in earth» mit dem Schlusschor ein faszinierendes Erlebnis! (ws)

Henry Purcell: «Dido and Aeneas», Opera in Three Acts. Solisten, European Voices, Le Concert d’Astrée. Leitung: Emmanuelle Haïm. (Virgin Classics 7243 5 45604 2 2; 53’. Booklet mit Libretto, englisch/französisch/deutsch)

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